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Kinkel, Johanna: Musikalische Orthodoxie. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 17. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 99–171. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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Liederquell hatte ihn die unverhohlene Liebesglut entzückt, die ihm aus ihren tiefen schwarzen Augen, aus dem Erröthen ihrer jugendlichen Wangen entgegenblitzte. Seit langen Jahren hatte er keine so unverstellte Leidenschaft mehr geweckt, und in einer so klaren, echten Mädchenseele. Jetzt, da es ihr unmöglich war, ihm ein Opfer zu bringen, das er nur als eine Gefälligkeit in Anschlag brachte, begann er an ihrem Gemüth und zugleich an ihrer Bildungsfähigkeit zu zweifeln. Innerlich verstimmt, aber mit einer sehr höflichen Ausrede, brach er ab, küßte ihre Hand und ging, als im selben Moment Frau Werl zur Thüre hereintrat.

Diese hatte Selvar's Anstalten zum Umzug aus Waldheim beobachtet und sich verpflichtet, noch einmal den ehemaligen Schützling vor der ihm jetzt drohenden zwiefachen Gefahr zu warnen.

So, so, fing sie an, der Herr Graf ist wohl hier schon wie zu Hause.

Er war zum Erstenmale bei mir, entgegnete Ida.

Nun, da Sie alle Tage zu ihm gehen, braucht er sich ja nicht zu Ihnen zu bemühen.

Sie haben mich ja selbst bei seiner Schwester eingeführt und wissen, daß ich dem Einfluß dieser Familie meine ganze Stellung hier verdanke; wie kann ich anders, als mich Denen dankbar anschließen, die wie für ein Kind für mich gesorgt haben.

Und die jetzt eben so sicher sorgen, daß Sie diese

Liederquell hatte ihn die unverhohlene Liebesglut entzückt, die ihm aus ihren tiefen schwarzen Augen, aus dem Erröthen ihrer jugendlichen Wangen entgegenblitzte. Seit langen Jahren hatte er keine so unverstellte Leidenschaft mehr geweckt, und in einer so klaren, echten Mädchenseele. Jetzt, da es ihr unmöglich war, ihm ein Opfer zu bringen, das er nur als eine Gefälligkeit in Anschlag brachte, begann er an ihrem Gemüth und zugleich an ihrer Bildungsfähigkeit zu zweifeln. Innerlich verstimmt, aber mit einer sehr höflichen Ausrede, brach er ab, küßte ihre Hand und ging, als im selben Moment Frau Werl zur Thüre hereintrat.

Diese hatte Selvar's Anstalten zum Umzug aus Waldheim beobachtet und sich verpflichtet, noch einmal den ehemaligen Schützling vor der ihm jetzt drohenden zwiefachen Gefahr zu warnen.

So, so, fing sie an, der Herr Graf ist wohl hier schon wie zu Hause.

Er war zum Erstenmale bei mir, entgegnete Ida.

Nun, da Sie alle Tage zu ihm gehen, braucht er sich ja nicht zu Ihnen zu bemühen.

Sie haben mich ja selbst bei seiner Schwester eingeführt und wissen, daß ich dem Einfluß dieser Familie meine ganze Stellung hier verdanke; wie kann ich anders, als mich Denen dankbar anschließen, die wie für ein Kind für mich gesorgt haben.

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[0031] Liederquell hatte ihn die unverhohlene Liebesglut entzückt, die ihm aus ihren tiefen schwarzen Augen, aus dem Erröthen ihrer jugendlichen Wangen entgegenblitzte. Seit langen Jahren hatte er keine so unverstellte Leidenschaft mehr geweckt, und in einer so klaren, echten Mädchenseele. Jetzt, da es ihr unmöglich war, ihm ein Opfer zu bringen, das er nur als eine Gefälligkeit in Anschlag brachte, begann er an ihrem Gemüth und zugleich an ihrer Bildungsfähigkeit zu zweifeln. Innerlich verstimmt, aber mit einer sehr höflichen Ausrede, brach er ab, küßte ihre Hand und ging, als im selben Moment Frau Werl zur Thüre hereintrat. Diese hatte Selvar's Anstalten zum Umzug aus Waldheim beobachtet und sich verpflichtet, noch einmal den ehemaligen Schützling vor der ihm jetzt drohenden zwiefachen Gefahr zu warnen. So, so, fing sie an, der Herr Graf ist wohl hier schon wie zu Hause. Er war zum Erstenmale bei mir, entgegnete Ida. Nun, da Sie alle Tage zu ihm gehen, braucht er sich ja nicht zu Ihnen zu bemühen. Sie haben mich ja selbst bei seiner Schwester eingeführt und wissen, daß ich dem Einfluß dieser Familie meine ganze Stellung hier verdanke; wie kann ich anders, als mich Denen dankbar anschließen, die wie für ein Kind für mich gesorgt haben. Und die jetzt eben so sicher sorgen, daß Sie diese

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Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-15T13:10:50Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-15T13:10:50Z)

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Bogensignaturen: nicht gekennzeichnet; Druckfehler: dokumentiert; fremdsprachliches Material: nicht gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): nicht ausgezeichnet; i/j in Fraktur: keine Angabe; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; Kolumnentitel: nicht gekennzeichnet; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine; rundes r (ꝛ): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: keine Angabe; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: nein;




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Zitationshilfe: Kinkel, Johanna: Musikalische Orthodoxie. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 17. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 99–171. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kinkel_orthodoxie_1910/31>, abgerufen am 15.04.2024.