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Kerner, Justinus: Geschichten Besessener neuerer Zeit. Karlsruhe, 1834.

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nach wenigen Tagen zeigte sich dieser nur noch teuflischer
in ihr.

Nun wurden abermals wieder, aber ohne die geringste Aen-
derung, mehrere Monate lang ärztliche Mittel angewendet,
ja es kam nun, daß statt eines Dämons zwey aus ihr
sprachen, ja oft in ihr gleichsam das wüthende Heer auf-
führten, wie Hunde bellten, wie Katzen schrieen u. s. w.

Erwachte die Frau und hörte die Erzählungen der Um-
stehenden oder fühlte ihre Wunden, die sie durch Schlagen
und Werfen erhalten hatte, so brach sie in Thränen über
ihren Zustand aus, hielt aber immer fest im Glauben an,
daß Gott ihr noch Hülfe senden werde. Beten konnte sie
jetzt nicht: denn sobald sie zu diesem ihre Zuflucht neh-
men wollte, schmissen sie die Dämonen in die Höhe und
fluchten und tobten auf's schrecklichste aus ihr. --

Ihre Verwandten hörten um diese Zeit von einem Bauern
zu M., der durch Magie und Sympathie schon solche Be-
sessene geheilt habe, und brachten sie dahin.

Dieser Mann, ein ganz schlichter Bauer, der viele Kraft
des Glaubens und Gebets und viele magnetische Kraft
besaß, übte nun seine Kunst an dieser Unglücklichen mit einer
beyspiellosen Uneigennützigkeit und Ausdauer eilf Wochen
lang.

Seine Hauptmittel waren Beten und Fasten und Hand-
auflegen und daß er magisch auf die Dämonen, die er
zur Angabe ihrer Namen und Verbrechen im Leben zwang,
einwirkte und sie zur Bekehrung zu bringen suchte. Die
Frau durfte nichts anderes eilf Wochen lang über den Mund
bringen als schwarze Wassersuppen.

Fast Tag und Nacht setzte er Gebet und Exorcismus, nicht
achtend auf das Toben der Dämonen, mit ihr fort. Den
ersten der Dämonen brachte er durch solche Mittel endlich
selbst zum Gebet und zur Reue, so daß er zuletzt wohl
noch aus der Frau sprach, aber sie nicht mehr quälte.

Unter solchem exorcistischem Bestreben bekam die Frau in
einer Nacht Wehen, als wäre sie in Kindesnöthen, endlich

nach wenigen Tagen zeigte ſich dieſer nur noch teufliſcher
in ihr.

Nun wurden abermals wieder, aber ohne die geringſte Aen-
derung, mehrere Monate lang ärztliche Mittel angewendet,
ja es kam nun, daß ſtatt eines Dämons zwey aus ihr
ſprachen, ja oft in ihr gleichſam das wüthende Heer auf-
führten, wie Hunde bellten, wie Katzen ſchrieen u. ſ. w.

Erwachte die Frau und hörte die Erzählungen der Um-
ſtehenden oder fühlte ihre Wunden, die ſie durch Schlagen
und Werfen erhalten hatte, ſo brach ſie in Thränen über
ihren Zuſtand aus, hielt aber immer feſt im Glauben an,
daß Gott ihr noch Hülfe ſenden werde. Beten konnte ſie
jetzt nicht: denn ſobald ſie zu dieſem ihre Zuflucht neh-
men wollte, ſchmiſſen ſie die Dämonen in die Höhe und
fluchten und tobten auf’s ſchrecklichſte aus ihr. —

Ihre Verwandten hörten um dieſe Zeit von einem Bauern
zu M., der durch Magie und Sympathie ſchon ſolche Be-
ſeſſene geheilt habe, und brachten ſie dahin.

Dieſer Mann, ein ganz ſchlichter Bauer, der viele Kraft
des Glaubens und Gebets und viele magnetiſche Kraft
beſaß, übte nun ſeine Kunſt an dieſer Unglücklichen mit einer
beyſpielloſen Uneigennützigkeit und Ausdauer eilf Wochen
lang.

Seine Hauptmittel waren Beten und Faſten und Hand-
auflegen und daß er magiſch auf die Dämonen, die er
zur Angabe ihrer Namen und Verbrechen im Leben zwang,
einwirkte und ſie zur Bekehrung zu bringen ſuchte. Die
Frau durfte nichts anderes eilf Wochen lang über den Mund
bringen als ſchwarze Waſſerſuppen.

Faſt Tag und Nacht ſetzte er Gebet und Exorcismus, nicht
achtend auf das Toben der Dämonen, mit ihr fort. Den
erſten der Dämonen brachte er durch ſolche Mittel endlich
ſelbſt zum Gebet und zur Reue, ſo daß er zuletzt wohl
noch aus der Frau ſprach, aber ſie nicht mehr quälte.

Unter ſolchem exorciſtiſchem Beſtreben bekam die Frau in
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[76/0090] nach wenigen Tagen zeigte ſich dieſer nur noch teufliſcher in ihr. Nun wurden abermals wieder, aber ohne die geringſte Aen- derung, mehrere Monate lang ärztliche Mittel angewendet, ja es kam nun, daß ſtatt eines Dämons zwey aus ihr ſprachen, ja oft in ihr gleichſam das wüthende Heer auf- führten, wie Hunde bellten, wie Katzen ſchrieen u. ſ. w. Erwachte die Frau und hörte die Erzählungen der Um- ſtehenden oder fühlte ihre Wunden, die ſie durch Schlagen und Werfen erhalten hatte, ſo brach ſie in Thränen über ihren Zuſtand aus, hielt aber immer feſt im Glauben an, daß Gott ihr noch Hülfe ſenden werde. Beten konnte ſie jetzt nicht: denn ſobald ſie zu dieſem ihre Zuflucht neh- men wollte, ſchmiſſen ſie die Dämonen in die Höhe und fluchten und tobten auf’s ſchrecklichſte aus ihr. — Ihre Verwandten hörten um dieſe Zeit von einem Bauern zu M., der durch Magie und Sympathie ſchon ſolche Be- ſeſſene geheilt habe, und brachten ſie dahin. Dieſer Mann, ein ganz ſchlichter Bauer, der viele Kraft des Glaubens und Gebets und viele magnetiſche Kraft beſaß, übte nun ſeine Kunſt an dieſer Unglücklichen mit einer beyſpielloſen Uneigennützigkeit und Ausdauer eilf Wochen lang. Seine Hauptmittel waren Beten und Faſten und Hand- auflegen und daß er magiſch auf die Dämonen, die er zur Angabe ihrer Namen und Verbrechen im Leben zwang, einwirkte und ſie zur Bekehrung zu bringen ſuchte. Die Frau durfte nichts anderes eilf Wochen lang über den Mund bringen als ſchwarze Waſſerſuppen. Faſt Tag und Nacht ſetzte er Gebet und Exorcismus, nicht achtend auf das Toben der Dämonen, mit ihr fort. Den erſten der Dämonen brachte er durch ſolche Mittel endlich ſelbſt zum Gebet und zur Reue, ſo daß er zuletzt wohl noch aus der Frau ſprach, aber ſie nicht mehr quälte. Unter ſolchem exorciſtiſchem Beſtreben bekam die Frau in einer Nacht Wehen, als wäre ſie in Kindesnöthen, endlich

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Zitationshilfe: Kerner, Justinus: Geschichten Besessener neuerer Zeit. Karlsruhe, 1834, S. 76. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kerner_besessene_1834/90>, abgerufen am 21.04.2024.