Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Keller, Gottfried: Sieben Legenden. Stuttgart, 1872.

Bild:
<< vorherige Seite

düster, ja fast trotzig und rauh, und dabei so sehn¬
suchtsschwer und klagend, daß erst eine erschrockene
Stille waltete, dann aber alles Volk von Erdenleid
und Heimweh, ergriffen wurde und in ein allgemeines
Weinen ausbrach.

Ein unendliches Seufzen rauschte durch die Himmel;
bestürzt eilten alle Aeltesten und Propheten herbei,
indessen die Musen in ihrer guten Meinung immer
lauter und melancholischer sangen und das ganze Pa¬
radies mit allen Erzvätern, Aeltesten und Propheten,
Alles, was je auf grüner Wiese gegangen oder ge¬
legen, außer Fassung gerieth. Endlich aber kam die
allerhöchste Trinität selber heran, um zum Rechten
zu sehen und die eifrigen Musen mit einem lang hin¬
rollenden Donnerschlage zum Schweigen zu bringen.

Da kehrten Ruhe und Gleichmuth in den Himmel
zurück; aber die armen neun Schwestern mußten ihn
verlassen und durften ihn seither nicht wieder betreten


düſter, ja faſt trotzig und rauh, und dabei ſo ſehn¬
ſuchtsſchwer und klagend, daß erſt eine erſchrockene
Stille waltete, dann aber alles Volk von Erdenleid
und Heimweh, ergriffen wurde und in ein allgemeines
Weinen ausbrach.

Ein unendliches Seufzen rauſchte durch die Himmel;
beſtürzt eilten alle Aelteſten und Propheten herbei,
indeſſen die Muſen in ihrer guten Meinung immer
lauter und melancholiſcher ſangen und das ganze Pa¬
radies mit allen Erzvätern, Aelteſten und Propheten,
Alles, was je auf grüner Wieſe gegangen oder ge¬
legen, außer Faſſung gerieth. Endlich aber kam die
allerhöchſte Trinität ſelber heran, um zum Rechten
zu ſehen und die eifrigen Muſen mit einem lang hin¬
rollenden Donnerſchlage zum Schweigen zu bringen.

Da kehrten Ruhe und Gleichmuth in den Himmel
zurück; aber die armen neun Schweſtern mußten ihn
verlaſſen und durften ihn ſeither nicht wieder betreten


<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0162" n="148"/>&#x017F;ter, ja fa&#x017F;t trotzig und rauh, und dabei &#x017F;o &#x017F;ehn¬<lb/>
&#x017F;uchts&#x017F;chwer und klagend, daß er&#x017F;t eine er&#x017F;chrockene<lb/>
Stille waltete, dann aber alles Volk von Erdenleid<lb/>
und Heimweh, ergriffen wurde und in ein allgemeines<lb/>
Weinen ausbrach.</p><lb/>
        <p>Ein unendliches Seufzen rau&#x017F;chte durch die Himmel;<lb/>
be&#x017F;türzt eilten alle Aelte&#x017F;ten und Propheten herbei,<lb/>
inde&#x017F;&#x017F;en die Mu&#x017F;en in ihrer guten Meinung immer<lb/>
lauter und melancholi&#x017F;cher &#x017F;angen und das ganze Pa¬<lb/>
radies mit allen Erzvätern, Aelte&#x017F;ten und Propheten,<lb/>
Alles, was je auf grüner Wie&#x017F;e gegangen oder ge¬<lb/>
legen, außer Fa&#x017F;&#x017F;ung gerieth. Endlich aber kam die<lb/>
allerhöch&#x017F;te Trinität &#x017F;elber heran, um zum Rechten<lb/>
zu &#x017F;ehen und die eifrigen Mu&#x017F;en mit einem lang hin¬<lb/>
rollenden Donner&#x017F;chlage zum Schweigen zu bringen.</p><lb/>
        <p>Da kehrten Ruhe und Gleichmuth in den Himmel<lb/>
zurück; aber die armen neun Schwe&#x017F;tern mußten ihn<lb/>
verla&#x017F;&#x017F;en und durften ihn &#x017F;either nicht wieder betreten</p><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[148/0162] düſter, ja faſt trotzig und rauh, und dabei ſo ſehn¬ ſuchtsſchwer und klagend, daß erſt eine erſchrockene Stille waltete, dann aber alles Volk von Erdenleid und Heimweh, ergriffen wurde und in ein allgemeines Weinen ausbrach. Ein unendliches Seufzen rauſchte durch die Himmel; beſtürzt eilten alle Aelteſten und Propheten herbei, indeſſen die Muſen in ihrer guten Meinung immer lauter und melancholiſcher ſangen und das ganze Pa¬ radies mit allen Erzvätern, Aelteſten und Propheten, Alles, was je auf grüner Wieſe gegangen oder ge¬ legen, außer Faſſung gerieth. Endlich aber kam die allerhöchſte Trinität ſelber heran, um zum Rechten zu ſehen und die eifrigen Muſen mit einem lang hin¬ rollenden Donnerſchlage zum Schweigen zu bringen. Da kehrten Ruhe und Gleichmuth in den Himmel zurück; aber die armen neun Schweſtern mußten ihn verlaſſen und durften ihn ſeither nicht wieder betreten

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/keller_legenden_1872
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/keller_legenden_1872/162
Zitationshilfe: Keller, Gottfried: Sieben Legenden. Stuttgart, 1872, S. 148. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/keller_legenden_1872/162>, abgerufen am 21.06.2021.