Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Kant, Immanuel: Critik der reinen Vernunft. Riga, 1781.

Bild:
<< vorherige Seite

Einleitung.
so gehören sie doch nicht in die Transscendental-Philoso-
phie, weil die Begriffe der Lust und Unlust, der Begier-
den und Neigungen, der Willkühr etc. die insgesammt em-
pirischen Ursprunges sind, dabey vorausgesetzt werden
müßten. Daher ist die Transscendental-Philosophie eine
Weltweisheit der reinen blos speculativen Vernunft.
Denn alles Praktische, so fern es Bewegungsgründe ent-
hält, bezieht sich auf Gefühle, welche zu empirischen Er-
kentnißquellen gehören.

Wenn man nun die Eintheilung dieser Wissenschaft
aus dem allgemeinen Gesichtspuncte eines Systems über-
haupt anstellen will, so muß die, welche wir iezt vortra-
gen, erstlich eine Elementar-Lehre, zweitens eine Metho-
den-Lehre
der reinen Vernunft enthalten. Jeder dieser
Haupttheile würde seine Unterabtheilung haben, deren
Gründe sich gleichwohl hier noch nicht vortragen lassen.
Nur so viel scheint zur Einleitung oder Vorerinnerung nö-
thig zu seyn, daß es zwey Stämme der menschlichen Er-
kentniß gebe, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen,
aber uns unbekanten Wurzel entspringen, nemlich, Sinn-
lichkeit
und Verstand, durch deren ersteren uns Gegen-
stände gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden.
Sofern nun die Sinnlichkeit Vorstellungen a priori ent-
halten sollte, welche die Bedingungen ausmachen, unter
denen uns Gegenstände gegeben werden, so würde sie zur
Transscendental-Philosophie gehören. Die transscen-

den-

Einleitung.
ſo gehoͤren ſie doch nicht in die Transſcendental-Philoſo-
phie, weil die Begriffe der Luſt und Unluſt, der Begier-
den und Neigungen, der Willkuͤhr ꝛc. die insgeſammt em-
piriſchen Urſprunges ſind, dabey vorausgeſetzt werden
muͤßten. Daher iſt die Transſcendental-Philoſophie eine
Weltweisheit der reinen blos ſpeculativen Vernunft.
Denn alles Praktiſche, ſo fern es Bewegungsgruͤnde ent-
haͤlt, bezieht ſich auf Gefuͤhle, welche zu empiriſchen Er-
kentnißquellen gehoͤren.

Wenn man nun die Eintheilung dieſer Wiſſenſchaft
aus dem allgemeinen Geſichtspuncte eines Syſtems uͤber-
haupt anſtellen will, ſo muß die, welche wir iezt vortra-
gen, erſtlich eine Elementar-Lehre, zweitens eine Metho-
den-Lehre
der reinen Vernunft enthalten. Jeder dieſer
Haupttheile wuͤrde ſeine Unterabtheilung haben, deren
Gruͤnde ſich gleichwohl hier noch nicht vortragen laſſen.
Nur ſo viel ſcheint zur Einleitung oder Vorerinnerung noͤ-
thig zu ſeyn, daß es zwey Staͤmme der menſchlichen Er-
kentniß gebe, die vielleicht aus einer gemeinſchaftlichen,
aber uns unbekanten Wurzel entſpringen, nemlich, Sinn-
lichkeit
und Verſtand, durch deren erſteren uns Gegen-
ſtaͤnde gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden.
Sofern nun die Sinnlichkeit Vorſtellungen a priori ent-
halten ſollte, welche die Bedingungen ausmachen, unter
denen uns Gegenſtaͤnde gegeben werden, ſo wuͤrde ſie zur
Transſcendental-Philoſophie gehoͤren. Die transſcen-

den-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0045" n="15"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Einleitung</hi>.</fw><lb/>
&#x017F;o geho&#x0364;ren &#x017F;ie doch nicht in die Trans&#x017F;cendental-Philo&#x017F;o-<lb/>
phie, weil die Begriffe der Lu&#x017F;t und Unlu&#x017F;t, der Begier-<lb/>
den und Neigungen, der Willku&#x0364;hr &#xA75B;c. die insge&#x017F;ammt em-<lb/>
piri&#x017F;chen Ur&#x017F;prunges &#x017F;ind, dabey vorausge&#x017F;etzt werden<lb/>
mu&#x0364;ßten. Daher i&#x017F;t die Trans&#x017F;cendental-Philo&#x017F;ophie eine<lb/>
Weltweisheit der reinen blos &#x017F;peculativen Vernunft.<lb/>
Denn alles Prakti&#x017F;che, &#x017F;o fern es Bewegungsgru&#x0364;nde ent-<lb/>
ha&#x0364;lt, bezieht &#x017F;ich auf Gefu&#x0364;hle, welche zu empiri&#x017F;chen Er-<lb/>
kentnißquellen geho&#x0364;ren.</p><lb/>
          <p>Wenn man nun die Eintheilung die&#x017F;er Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaft<lb/>
aus dem allgemeinen Ge&#x017F;ichtspuncte eines Sy&#x017F;tems u&#x0364;ber-<lb/>
haupt an&#x017F;tellen will, &#x017F;o muß die, welche wir iezt vortra-<lb/>
gen, er&#x017F;tlich eine <hi rendition="#fr">Elementar-Lehre,</hi> zweitens eine <hi rendition="#fr">Metho-<lb/>
den-Lehre</hi> der reinen Vernunft enthalten. Jeder die&#x017F;er<lb/>
Haupttheile wu&#x0364;rde &#x017F;eine Unterabtheilung haben, deren<lb/>
Gru&#x0364;nde &#x017F;ich gleichwohl hier noch nicht vortragen la&#x017F;&#x017F;en.<lb/>
Nur &#x017F;o viel &#x017F;cheint zur Einleitung oder Vorerinnerung no&#x0364;-<lb/>
thig zu &#x017F;eyn, daß es zwey Sta&#x0364;mme der men&#x017F;chlichen Er-<lb/>
kentniß gebe, die vielleicht aus einer gemein&#x017F;chaftlichen,<lb/>
aber uns unbekanten Wurzel ent&#x017F;pringen, nemlich, <hi rendition="#fr">Sinn-<lb/>
lichkeit</hi> und <hi rendition="#fr">Ver&#x017F;tand,</hi> durch deren er&#x017F;teren uns Gegen-<lb/>
&#x017F;ta&#x0364;nde gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden.<lb/>
Sofern nun die Sinnlichkeit <choice><sic>Vor&#x017F;tellungenen</sic><corr>Vor&#x017F;tellungen</corr></choice> <hi rendition="#aq">a priori</hi> ent-<lb/>
halten &#x017F;ollte, welche die Bedingungen ausmachen, unter<lb/><choice><sic>der</sic><corr>denen</corr></choice> uns Gegen&#x017F;ta&#x0364;nde gegeben werden, &#x017F;o wu&#x0364;rde &#x017F;ie zur<lb/>
Trans&#x017F;cendental-Philo&#x017F;ophie geho&#x0364;ren. Die trans&#x017F;cen-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">den-</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[15/0045] Einleitung. ſo gehoͤren ſie doch nicht in die Transſcendental-Philoſo- phie, weil die Begriffe der Luſt und Unluſt, der Begier- den und Neigungen, der Willkuͤhr ꝛc. die insgeſammt em- piriſchen Urſprunges ſind, dabey vorausgeſetzt werden muͤßten. Daher iſt die Transſcendental-Philoſophie eine Weltweisheit der reinen blos ſpeculativen Vernunft. Denn alles Praktiſche, ſo fern es Bewegungsgruͤnde ent- haͤlt, bezieht ſich auf Gefuͤhle, welche zu empiriſchen Er- kentnißquellen gehoͤren. Wenn man nun die Eintheilung dieſer Wiſſenſchaft aus dem allgemeinen Geſichtspuncte eines Syſtems uͤber- haupt anſtellen will, ſo muß die, welche wir iezt vortra- gen, erſtlich eine Elementar-Lehre, zweitens eine Metho- den-Lehre der reinen Vernunft enthalten. Jeder dieſer Haupttheile wuͤrde ſeine Unterabtheilung haben, deren Gruͤnde ſich gleichwohl hier noch nicht vortragen laſſen. Nur ſo viel ſcheint zur Einleitung oder Vorerinnerung noͤ- thig zu ſeyn, daß es zwey Staͤmme der menſchlichen Er- kentniß gebe, die vielleicht aus einer gemeinſchaftlichen, aber uns unbekanten Wurzel entſpringen, nemlich, Sinn- lichkeit und Verſtand, durch deren erſteren uns Gegen- ſtaͤnde gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden. Sofern nun die Sinnlichkeit Vorſtellungen a priori ent- halten ſollte, welche die Bedingungen ausmachen, unter denen uns Gegenſtaͤnde gegeben werden, ſo wuͤrde ſie zur Transſcendental-Philoſophie gehoͤren. Die transſcen- den-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/kant_rvernunft_1781
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/kant_rvernunft_1781/45
Zitationshilfe: Kant, Immanuel: Critik der reinen Vernunft. Riga, 1781, S. 15. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kant_rvernunft_1781/45>, abgerufen am 19.04.2024.