Der Schulmeister fuhr fort: Nolo und Malo was sind das für Wörter?
"Das sind Verba anomala."
Fero und Volo was sind das?
"Verba anomala."
Nun, Herr Pastor, fuhr der Schulmeister fort, so kennt der Knabe alle Wörter.
Stollbein versetzte: Er soll aber die Regeln alle auswen- dig lernen; geht nach Haus, ich wills haben!
(Beide:) Ja, Herr Pastor!
Von der Zeit an lernte Heinrich mit leichter Mühe auch alle Regeln auswendig, doch vergaß er sie bald wieder. Das schien seinem Charakter eigen werden zu wollen; was sich nicht leicht bezwingen ließ, da flog sein Genie über weg. Nun genug von Stillings Lateinlernen! wir gehen weiter.
Der alte Stilling fing nunmehr an, seinen Vaterernst abzulegen und gegen seine wenigen Hausgenossen zärtlicher zu werden; besonders hielt er Heinrichen, der nunmehr eilf Jahr alt war, viel von der Schule zurück, und nahm ihn mit sich, wo er seiner Feldarbeit nachging; redete viel mit ihm von der Rechtschaffenheit eines Menschen in der Welt, besonders von seinem Verhalten gegen Gott; empfahl ihm gute Bücher, sonderlich die Bibel zu lesen, hernach auch, was Doktor Lu- ther, Calvinus, Oecolampadius und Bucerus geschrieben ha- ben. Einsmalen gingen Vater Stilling, Mariechen und Heinrich des Morgens früh in den Wald, um Brennholz zuzubereiten. Margareth hatte ihnen einen guten Milch- brei mit Brod und Butter in einem Korb zusammen gethan, welchen Mariechen auf dem Kopf trug, sie ging den Wald hinauf voran, Heinrich folgte und erzählte mit aller Freude die Historie von den vier Haymons-Kindern, und Vater Stil- ling schritt, auf seine Holzaxt sich stützend, seiner Gewohn- heit nach, mühsam hinten darein und hörte fleißig zu. Sie kamen endlich zu einem weit entlegenen Ort des Waldes, wo sich eine grüne Ebene befand, die am einen Ende einen schönen
„Weißt du das nicht, Heinrich?“
Nein, ſagte dieſer, ich weiß es nicht.
Der Schulmeiſter fuhr fort: Nolo und Malo was ſind das fuͤr Woͤrter?
„Das ſind Verba anomala.“
Fero und Volo was ſind das?
„Verba anomala.“
Nun, Herr Paſtor, fuhr der Schulmeiſter fort, ſo kennt der Knabe alle Woͤrter.
Stollbein verſetzte: Er ſoll aber die Regeln alle auswen- dig lernen; geht nach Haus, ich wills haben!
(Beide:) Ja, Herr Paſtor!
Von der Zeit an lernte Heinrich mit leichter Muͤhe auch alle Regeln auswendig, doch vergaß er ſie bald wieder. Das ſchien ſeinem Charakter eigen werden zu wollen; was ſich nicht leicht bezwingen ließ, da flog ſein Genie uͤber weg. Nun genug von Stillings Lateinlernen! wir gehen weiter.
Der alte Stilling fing nunmehr an, ſeinen Vaterernſt abzulegen und gegen ſeine wenigen Hausgenoſſen zaͤrtlicher zu werden; beſonders hielt er Heinrichen, der nunmehr eilf Jahr alt war, viel von der Schule zuruͤck, und nahm ihn mit ſich, wo er ſeiner Feldarbeit nachging; redete viel mit ihm von der Rechtſchaffenheit eines Menſchen in der Welt, beſonders von ſeinem Verhalten gegen Gott; empfahl ihm gute Buͤcher, ſonderlich die Bibel zu leſen, hernach auch, was Doktor Lu- ther, Calvinus, Oecolampadius und Bucerus geſchrieben ha- ben. Einsmalen gingen Vater Stilling, Mariechen und Heinrich des Morgens fruͤh in den Wald, um Brennholz zuzubereiten. Margareth hatte ihnen einen guten Milch- brei mit Brod und Butter in einem Korb zuſammen gethan, welchen Mariechen auf dem Kopf trug, ſie ging den Wald hinauf voran, Heinrich folgte und erzaͤhlte mit aller Freude die Hiſtorie von den vier Haymons-Kindern, und Vater Stil- ling ſchritt, auf ſeine Holzaxt ſich ſtuͤtzend, ſeiner Gewohn- heit nach, muͤhſam hinten darein und hoͤrte fleißig zu. Sie kamen endlich zu einem weit entlegenen Ort des Waldes, wo ſich eine gruͤne Ebene befand, die am einen Ende einen ſchoͤnen
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„Weißt du das nicht, Heinrich?“
Nein, ſagte dieſer, ich weiß es nicht.
Der Schulmeiſter fuhr fort: Nolo und Malo was ſind das
fuͤr Woͤrter?
„Das ſind Verba anomala.“
Fero und Volo was ſind das?
„Verba anomala.“
Nun, Herr Paſtor, fuhr der Schulmeiſter fort, ſo kennt
der Knabe alle Woͤrter.
Stollbein verſetzte: Er ſoll aber die Regeln alle auswen-
dig lernen; geht nach Haus, ich wills haben!
(Beide:) Ja, Herr Paſtor!
Von der Zeit an lernte Heinrich mit leichter Muͤhe auch
alle Regeln auswendig, doch vergaß er ſie bald wieder.
Das ſchien ſeinem Charakter eigen werden zu wollen; was
ſich nicht leicht bezwingen ließ, da flog ſein Genie uͤber weg.
Nun genug von Stillings Lateinlernen! wir gehen weiter.
Der alte Stilling fing nunmehr an, ſeinen Vaterernſt
abzulegen und gegen ſeine wenigen Hausgenoſſen zaͤrtlicher zu
werden; beſonders hielt er Heinrichen, der nunmehr eilf
Jahr alt war, viel von der Schule zuruͤck, und nahm ihn mit
ſich, wo er ſeiner Feldarbeit nachging; redete viel mit ihm von
der Rechtſchaffenheit eines Menſchen in der Welt, beſonders
von ſeinem Verhalten gegen Gott; empfahl ihm gute Buͤcher,
ſonderlich die Bibel zu leſen, hernach auch, was Doktor Lu-
ther, Calvinus, Oecolampadius und Bucerus geſchrieben ha-
ben. Einsmalen gingen Vater Stilling, Mariechen und
Heinrich des Morgens fruͤh in den Wald, um Brennholz
zuzubereiten. Margareth hatte ihnen einen guten Milch-
brei mit Brod und Butter in einem Korb zuſammen gethan,
welchen Mariechen auf dem Kopf trug, ſie ging den Wald
hinauf voran, Heinrich folgte und erzaͤhlte mit aller Freude
die Hiſtorie von den vier Haymons-Kindern, und Vater Stil-
ling ſchritt, auf ſeine Holzaxt ſich ſtuͤtzend, ſeiner Gewohn-
heit nach, muͤhſam hinten darein und hoͤrte fleißig zu. Sie
kamen endlich zu einem weit entlegenen Ort des Waldes, wo
ſich eine gruͤne Ebene befand, die am einen Ende einen ſchoͤnen
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
1835 als Bd. 1 der posthumen gesammelten Schrifte… [mehr]
1835 als Bd. 1 der posthumen gesammelten Schriften erschienen. Für das DTA wurde aus Gründen der besseren Verfügbarkeit dieses Exemplar statt der Erstauflage (ersch. 1777-1804 bzw. 1817, in fünf bzw. sechs Einzelbänden) digitalisiert.
Jung-Stilling, Johann Heinrich: Lebensgeschichte. Stuttgart, 1835, S. 85. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jung_lebensgeschichte_1835/93>, abgerufen am 24.11.2024.
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