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Humboldt, Alexander von: Ueber die Mittel, die Ergründung einiger Phänomene des tellurischen Magnetismus zu erleichtern. In: Annalen der Physik und Chemie, Bd. 15, St. 3, (1829), S. 319-336.

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Ich wundere mich nicht, daß diese Veränderung in den
kalten Wintermonaten in Berlin nicht bemerkbar gewe-
sen ist; auch in Paris wird sie nur in den warmen Som-
mermonaten so beträchtlich, daß man sie mit einer Lupe
sehen kann." Diese Verschiedenheit nach den Jahreszei-
ten hat also die Neigung mit der täglichen Abweichung
gemein. Letztere ist bekanntlich in unseren Breiten im
Julius und August drei bis vier Mal größer als im Decem-
ber und Januar. Merkwürdig ist noch, daß die stünd-
liche Veränderung der Neigung, wie wir bald sehen wer-
den, im umgekehrten Verhältniß mit der täglichen Ebbe
und Fluth der magnetischen Kraft stehet. Beide Phäno-
mene, welche auch Herrn Foster in Port Bowen und
auf Spitzbergen, wie Capitain Franklin in Cumberland-
house
beschäftigt haben, verdienen die größte Aufmerk-
samkeit deutscher Physiker.

In der Hoffnung, durch meine schwachen Bemühun-
gen etwas zur Lösung so verwickelter Probleme beizu-
tragen, habe ich mich entschlossen, seitdem ich in mein
Vaterland zurückgekehrt bin, die Arbeit über die stünd-
lichen Veränderungen der Abweichung wieder zu begin-
nen, die mich in den Jahren 1806 und 1807, als ich von
Mexico zurückkam, mit so vieler Anstrengung beschäftigt
hatte. In der letzt genannten Epoche beobachtete ich
gemeinschaftlich mit meinem Freunde, Herrn Professor Olt-
manns
, vom Mai 1806 bis Juni 1807, mit dem Prony'-
schen magnetischen Fernrohr, welches an Seidenfäden
ohne Torsion in einem Glaskasten hing. Die Aufstel-
lung war mit vieler Sorgfalt geschehen, auf einem stei-
nernen Postamente, im ehemaligen George'schen Gar-
ten, den ich bewohnte. Das Signal mit den Theilstri-
chen, auf welche das durch einen starken Magnetstab
regierte Fernrohr gerichtet wurde, konnte bei Nacht er-
leuchtet werden. Man las an dem Signale mit Sicherheit
7 bis 8 Secunden ab. In der Meinung, welche ich noch
gegenwärtig hege, daß zur Ergründung des periodischen

Ich wundere mich nicht, daß diese Veränderung in den
kalten Wintermonaten in Berlin nicht bemerkbar gewe-
sen ist; auch in Paris wird sie nur in den warmen Som-
mermonaten so beträchtlich, daß man sie mit einer Lupe
sehen kann.“ Diese Verschiedenheit nach den Jahreszei-
ten hat also die Neigung mit der täglichen Abweichung
gemein. Letztere ist bekanntlich in unseren Breiten im
Julius und August drei bis vier Mal größer als im Decem-
ber und Januar. Merkwürdig ist noch, daß die stünd-
liche Veränderung der Neigung, wie wir bald sehen wer-
den, im umgekehrten Verhältniß mit der täglichen Ebbe
und Fluth der magnetischen Kraft stehet. Beide Phäno-
mene, welche auch Herrn Foster in Port Bowen und
auf Spitzbergen, wie Capitain Franklin in Cumberland-
house
beschäftigt haben, verdienen die größte Aufmerk-
samkeit deutscher Physiker.

In der Hoffnung, durch meine schwachen Bemühun-
gen etwas zur Lösung so verwickelter Probleme beizu-
tragen, habe ich mich entschlossen, seitdem ich in mein
Vaterland zurückgekehrt bin, die Arbeit über die stünd-
lichen Veränderungen der Abweichung wieder zu begin-
nen, die mich in den Jahren 1806 und 1807, als ich von
Mexico zurückkam, mit so vieler Anstrengung beschäftigt
hatte. In der letzt genannten Epoche beobachtete ich
gemeinschaftlich mit meinem Freunde, Herrn Professor Olt-
manns
, vom Mai 1806 bis Juni 1807, mit dem Prony'-
schen magnetischen Fernrohr, welches an Seidenfäden
ohne Torsion in einem Glaskasten hing. Die Aufstel-
lung war mit vieler Sorgfalt geschehen, auf einem stei-
nernen Postamente, im ehemaligen George'schen Gar-
ten, den ich bewohnte. Das Signal mit den Theilstri-
chen, auf welche das durch einen starken Magnetstab
regierte Fernrohr gerichtet wurde, konnte bei Nacht er-
leuchtet werden. Man las an dem Signale mit Sicherheit
7 bis 8 Secunden ab. In der Meinung, welche ich noch
gegenwärtig hege, daß zur Ergründung des periodischen

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[329/0011] Ich wundere mich nicht, daß diese Veränderung in den kalten Wintermonaten in Berlin nicht bemerkbar gewe- sen ist; auch in Paris wird sie nur in den warmen Som- mermonaten so beträchtlich, daß man sie mit einer Lupe sehen kann.“ Diese Verschiedenheit nach den Jahreszei- ten hat also die Neigung mit der täglichen Abweichung gemein. Letztere ist bekanntlich in unseren Breiten im Julius und August drei bis vier Mal größer als im Decem- ber und Januar. Merkwürdig ist noch, daß die stünd- liche Veränderung der Neigung, wie wir bald sehen wer- den, im umgekehrten Verhältniß mit der täglichen Ebbe und Fluth der magnetischen Kraft stehet. Beide Phäno- mene, welche auch Hrn. Foster in Port Bowen und auf Spitzbergen, wie Capitain Franklin in Cumberland- house beschäftigt haben, verdienen die größte Aufmerk- samkeit deutscher Physiker. In der Hoffnung, durch meine schwachen Bemühun- gen etwas zur Lösung so verwickelter Probleme beizu- tragen, habe ich mich entschlossen, seitdem ich in mein Vaterland zurückgekehrt bin, die Arbeit über die stünd- lichen Veränderungen der Abweichung wieder zu begin- nen, die mich in den Jahren 1806 und 1807, als ich von Mexico zurückkam, mit so vieler Anstrengung beschäftigt hatte. In der letzt genannten Epoche beobachtete ich gemeinschaftlich mit meinem Freunde, Hrn. Prof. Olt- manns, vom Mai 1806 bis Juni 1807, mit dem Prony'- schen magnetischen Fernrohr, welches an Seidenfäden ohne Torsion in einem Glaskasten hing. Die Aufstel- lung war mit vieler Sorgfalt geschehen, auf einem stei- nernen Postamente, im ehemaligen George'schen Gar- ten, den ich bewohnte. Das Signal mit den Theilstri- chen, auf welche das durch einen starken Magnetstab regierte Fernrohr gerichtet wurde, konnte bei Nacht er- leuchtet werden. Man las an dem Signale mit Sicherheit 7 bis 8 Secunden ab. In der Meinung, welche ich noch gegenwärtig hege, daß zur Ergründung des periodischen

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Zitationshilfe: Humboldt, Alexander von: Ueber die Mittel, die Ergründung einiger Phänomene des tellurischen Magnetismus zu erleichtern. In: Annalen der Physik und Chemie, Bd. 15, St. 3, (1829), S. 319-336, hier S. 329. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_mittel_1829/11>, abgerufen am 24.04.2024.