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Hofmannsthal, Hugo von: Tod des Tizian. Berlin, 1902.

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Batista, halb für sich:
Das Schlimmre ... dann das Schlimmste endlich ...
nein.
Das Schlimmste kommt, wenn gar nichts Schlimmres
mehr.
Das tote, taube, dürre Weitersein ...
Heut ist es noch, als ob's undenkbar wär ...
Und wird doch morgen sein.
Pause.
Gianino: Ich bin so müd.
Paris: Das macht die Luft, die schwüle und der Süd.
Tizianello, lächelnd:
Der Arme hat die ganze Nacht gewacht!
Gianino, auf den Arm gestützt:
Ja, du ... die erste, die ich ganz durchwacht.
Doch woher weisst denn du's?
Tizianello: Ich fühlt es ja,
Erst war dein stilles Atem meinem nah,
Dann standst du auf und sassest auf den Stufen ...
Gianino: Mir war, als ginge durch die blaue Nacht,
Die atmende, ein rätselhaftes Rufen.
Und nirgends war ein Schlaf in der Natur.
Mit Atemholen tief und feuchten Lippen,
So lag sie, horchend in das grosse Dunkel,
Und lauschte auf geheimer Dinge Spur.
Und sickernd, rieselnd kam das Sterngefunkel
Batista, halb für sich:
Das Schlimmre … dann das Schlimmste endlich …
nein.
Das Schlimmste kommt, wenn gar nichts Schlimmres
mehr.
Das tote, taube, dürre Weitersein …
Heut ist es noch, als ob’s undenkbar wär …
Und wird doch morgen sein.
Pause.
Gianino: Ich bin so müd.
Paris: Das macht die Luft, die schwüle und der Süd.
Tizianello, lächelnd:
Der Arme hat die ganze Nacht gewacht!
Gianino, auf den Arm gestützt:
Ja, du … die erste, die ich ganz durchwacht.
Doch woher weisst denn du’s?
Tizianello: Ich fühlt es ja,
Erst war dein stilles Atem meinem nah,
Dann standst du auf und sassest auf den Stufen …
Gianino: Mir war, als ginge durch die blaue Nacht,
Die atmende, ein rätselhaftes Rufen.
Und nirgends war ein Schlaf in der Natur.
Mit Atemholen tief und feuchten Lippen,
So lag sie, horchend in das grosse Dunkel,
Und lauschte auf geheimer Dinge Spur.
Und sickernd, rieselnd kam das Sterngefunkel
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[12/0020] Batista, halb für sich: Das Schlimmre … dann das Schlimmste endlich … nein. Das Schlimmste kommt, wenn gar nichts Schlimmres mehr. Das tote, taube, dürre Weitersein … Heut ist es noch, als ob’s undenkbar wär … Und wird doch morgen sein. Pause. Gianino: Ich bin so müd. Paris: Das macht die Luft, die schwüle und der Süd. Tizianello, lächelnd: Der Arme hat die ganze Nacht gewacht! Gianino, auf den Arm gestützt: Ja, du … die erste, die ich ganz durchwacht. Doch woher weisst denn du’s? Tizianello: Ich fühlt es ja, Erst war dein stilles Atem meinem nah, Dann standst du auf und sassest auf den Stufen … Gianino: Mir war, als ginge durch die blaue Nacht, Die atmende, ein rätselhaftes Rufen. Und nirgends war ein Schlaf in der Natur. Mit Atemholen tief und feuchten Lippen, So lag sie, horchend in das grosse Dunkel, Und lauschte auf geheimer Dinge Spur. Und sickernd, rieselnd kam das Sterngefunkel

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Zitationshilfe: Hofmannsthal, Hugo von: Tod des Tizian. Berlin, 1902, S. 12. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hofmannsthal_tizian_1901/20>, abgerufen am 11.04.2021.