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Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der Gartenkunst. Bd. 4. Leipzig, 1782.

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des Begriffs vom Garten.

Von allen diesen, die sich mit dem Nutzbaren beschäfftigen, ward der Lustgar-
ten
abgesondert, der im Gegensatz dem Angenehmen geweihet war. Man nahm an
und hat in allen Zeitaltern die Meynung behalten, daß die Bestimmung eines Lustgar-
tens nur seyn könne, angenehme Bewegungen zu erregen, so verschieden auch die dazu
angewandten Mittel und so wenig sie immer dieser Bestimmung angemessen waren.

Ein Garten kann alle die verschiedenen Bewegungen hervorbringen, welche die
Natur durch Größe und Mannigfaltigkeit, *) durch Schönheit, **) durch Anmuthigkeit
und Lieblichkeit, ***) durch Neuheit, ****) durch Contrast +) erzeugt. Er kann, wie
die Natur, nach den verschiedenen Charakteren und Kräften ihrer Gegenden, Beha-
gung, Vergnügen, Wonne, angenehme Schwermuth und Melancholie, Verwunderung,
Erstaunen, Ehrfurcht, und feyerliche Erhebung der Seele erregen. ++) Allein er kann
diese Bewegungen nicht blos durch eine weise Mitwirkung der Kunst verstärken, sondern
sie auch in eine harmonische Folge und Verbindung unter einander bringen. +++)

Die Natur zeigt zuweilen Gemälde, die von ihrer Hand ganz vollendet sind, und
keines nachahmenden Pinsels der Kunst mehr bedürfen. Sie hat Gegenden, denen
durch ihre eigene Bildung ein solcher bestimmter und starker Charakter mitgetheilt ist,
daß sie dadurch irgend eine der vorhin angeführten Bewegungen in einem hohen Grade
hervorzubringen fähig sind. Es giebt demnach Naturgärten. Wir finden sie in
einigen der reichsten und schönsten Landschaften der Schweitz, Italiens, Englands
und nicht weniger Deutschlands. Häufiger sieht man sie in Ländern, wo unter der
Gunst eines vorzüglich milden Klima das Pflanzenreich in einem höhern Wachsthum
schwelgt, und ein fast immer lächelnder Frühling die Hügel und die Thäler mit einem
bunten Teppich freywillig aufblühender Blumen schmückt. Und diese Gärten der Na-
tur sind nicht blos von dem romantischen und feyerlichen Charakter, die nur sie fast
allein zu bilden vermag, sondern auch von den angenehmen Gattungen.

Die schöne Gartenkunst kann kein anderes Geschäffte haben, als den natürlichen
Charakteren der Gegenden nachzuhelfen, um ihre Wirkungen gewisser und eindringen-
der zu machen. Sie führt dies Geschäffte durch Bearbeitung des Bodens und der
Lage, durch Anpflanzung, durch Bebauung und durch Auszierung aus; und läßt sich
dabey von Beobachtung der Natur, von Pflanzenkenntniß, Geschmack und Ueberle-
gung leiten. Sie lernt von der Natur, um ihre Gehülfinn zu seyn.

Diese
*) [Spaltenumbruch] S. 1ster Band S. 162 u. s. w.
**) S. 166 u. s. f.
***) S. 174 u. s. w.
****) S. 177 u. s. w.
+) [Spaltenumbruch] S. 180 u. s. w.
++) S. 186-227 und 2ter B. S. 5-
129.
+++) S. 1ster Band S. 155. 156.
IV Band. D
des Begriffs vom Garten.

Von allen dieſen, die ſich mit dem Nutzbaren beſchaͤfftigen, ward der Luſtgar-
ten
abgeſondert, der im Gegenſatz dem Angenehmen geweihet war. Man nahm an
und hat in allen Zeitaltern die Meynung behalten, daß die Beſtimmung eines Luſtgar-
tens nur ſeyn koͤnne, angenehme Bewegungen zu erregen, ſo verſchieden auch die dazu
angewandten Mittel und ſo wenig ſie immer dieſer Beſtimmung angemeſſen waren.

Ein Garten kann alle die verſchiedenen Bewegungen hervorbringen, welche die
Natur durch Groͤße und Mannigfaltigkeit, *) durch Schoͤnheit, **) durch Anmuthigkeit
und Lieblichkeit, ***) durch Neuheit, ****) durch Contraſt †) erzeugt. Er kann, wie
die Natur, nach den verſchiedenen Charakteren und Kraͤften ihrer Gegenden, Beha-
gung, Vergnuͤgen, Wonne, angenehme Schwermuth und Melancholie, Verwunderung,
Erſtaunen, Ehrfurcht, und feyerliche Erhebung der Seele erregen. ††) Allein er kann
dieſe Bewegungen nicht blos durch eine weiſe Mitwirkung der Kunſt verſtaͤrken, ſondern
ſie auch in eine harmoniſche Folge und Verbindung unter einander bringen. †††)

Die Natur zeigt zuweilen Gemaͤlde, die von ihrer Hand ganz vollendet ſind, und
keines nachahmenden Pinſels der Kunſt mehr beduͤrfen. Sie hat Gegenden, denen
durch ihre eigene Bildung ein ſolcher beſtimmter und ſtarker Charakter mitgetheilt iſt,
daß ſie dadurch irgend eine der vorhin angefuͤhrten Bewegungen in einem hohen Grade
hervorzubringen faͤhig ſind. Es giebt demnach Naturgaͤrten. Wir finden ſie in
einigen der reichſten und ſchoͤnſten Landſchaften der Schweitz, Italiens, Englands
und nicht weniger Deutſchlands. Haͤufiger ſieht man ſie in Laͤndern, wo unter der
Gunſt eines vorzuͤglich milden Klima das Pflanzenreich in einem hoͤhern Wachsthum
ſchwelgt, und ein faſt immer laͤchelnder Fruͤhling die Huͤgel und die Thaͤler mit einem
bunten Teppich freywillig aufbluͤhender Blumen ſchmuͤckt. Und dieſe Gaͤrten der Na-
tur ſind nicht blos von dem romantiſchen und feyerlichen Charakter, die nur ſie faſt
allein zu bilden vermag, ſondern auch von den angenehmen Gattungen.

Die ſchoͤne Gartenkunſt kann kein anderes Geſchaͤffte haben, als den natuͤrlichen
Charakteren der Gegenden nachzuhelfen, um ihre Wirkungen gewiſſer und eindringen-
der zu machen. Sie fuͤhrt dies Geſchaͤffte durch Bearbeitung des Bodens und der
Lage, durch Anpflanzung, durch Bebauung und durch Auszierung aus; und laͤßt ſich
dabey von Beobachtung der Natur, von Pflanzenkenntniß, Geſchmack und Ueberle-
gung leiten. Sie lernt von der Natur, um ihre Gehuͤlfinn zu ſeyn.

Dieſe
*) [Spaltenumbruch] S. 1ſter Band S. 162 u. ſ. w.
**) S. 166 u. ſ. f.
***) S. 174 u. ſ. w.
****) S. 177 u. ſ. w.
†) [Spaltenumbruch] S. 180 u. ſ. w.
††) S. 186-227 und 2ter B. S. 5-
129.
†††) S. 1ſter Band S. 155. 156.
IV Band. D
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[25/0029] des Begriffs vom Garten. Von allen dieſen, die ſich mit dem Nutzbaren beſchaͤfftigen, ward der Luſtgar- ten abgeſondert, der im Gegenſatz dem Angenehmen geweihet war. Man nahm an und hat in allen Zeitaltern die Meynung behalten, daß die Beſtimmung eines Luſtgar- tens nur ſeyn koͤnne, angenehme Bewegungen zu erregen, ſo verſchieden auch die dazu angewandten Mittel und ſo wenig ſie immer dieſer Beſtimmung angemeſſen waren. Ein Garten kann alle die verſchiedenen Bewegungen hervorbringen, welche die Natur durch Groͤße und Mannigfaltigkeit, *) durch Schoͤnheit, **) durch Anmuthigkeit und Lieblichkeit, ***) durch Neuheit, ****) durch Contraſt †) erzeugt. Er kann, wie die Natur, nach den verſchiedenen Charakteren und Kraͤften ihrer Gegenden, Beha- gung, Vergnuͤgen, Wonne, angenehme Schwermuth und Melancholie, Verwunderung, Erſtaunen, Ehrfurcht, und feyerliche Erhebung der Seele erregen. ††) Allein er kann dieſe Bewegungen nicht blos durch eine weiſe Mitwirkung der Kunſt verſtaͤrken, ſondern ſie auch in eine harmoniſche Folge und Verbindung unter einander bringen. †††) Die Natur zeigt zuweilen Gemaͤlde, die von ihrer Hand ganz vollendet ſind, und keines nachahmenden Pinſels der Kunſt mehr beduͤrfen. Sie hat Gegenden, denen durch ihre eigene Bildung ein ſolcher beſtimmter und ſtarker Charakter mitgetheilt iſt, daß ſie dadurch irgend eine der vorhin angefuͤhrten Bewegungen in einem hohen Grade hervorzubringen faͤhig ſind. Es giebt demnach Naturgaͤrten. Wir finden ſie in einigen der reichſten und ſchoͤnſten Landſchaften der Schweitz, Italiens, Englands und nicht weniger Deutſchlands. Haͤufiger ſieht man ſie in Laͤndern, wo unter der Gunſt eines vorzuͤglich milden Klima das Pflanzenreich in einem hoͤhern Wachsthum ſchwelgt, und ein faſt immer laͤchelnder Fruͤhling die Huͤgel und die Thaͤler mit einem bunten Teppich freywillig aufbluͤhender Blumen ſchmuͤckt. Und dieſe Gaͤrten der Na- tur ſind nicht blos von dem romantiſchen und feyerlichen Charakter, die nur ſie faſt allein zu bilden vermag, ſondern auch von den angenehmen Gattungen. Die ſchoͤne Gartenkunſt kann kein anderes Geſchaͤffte haben, als den natuͤrlichen Charakteren der Gegenden nachzuhelfen, um ihre Wirkungen gewiſſer und eindringen- der zu machen. Sie fuͤhrt dies Geſchaͤffte durch Bearbeitung des Bodens und der Lage, durch Anpflanzung, durch Bebauung und durch Auszierung aus; und laͤßt ſich dabey von Beobachtung der Natur, von Pflanzenkenntniß, Geſchmack und Ueberle- gung leiten. Sie lernt von der Natur, um ihre Gehuͤlfinn zu ſeyn. Dieſe *) S. 1ſter Band S. 162 u. ſ. w. **) S. 166 u. ſ. f. ***) S. 174 u. ſ. w. ****) S. 177 u. ſ. w. †) S. 180 u. ſ. w. ††) S. 186-227 und 2ter B. S. 5- 129. †††) S. 1ſter Band S. 155. 156. IV Band. D

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Zitationshilfe: Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der Gartenkunst. Bd. 4. Leipzig, 1782, S. 25. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hirschfeld_gartenkunst4_1782/29>, abgerufen am 17.04.2024.