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Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 1. Königsberg, 1824.

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Bedingungen umwickeltes Ich zum Vorschein
brachte, obgleich er das absolute Ich auf den
Thron zu heben gedachte. Ein absolutes Ur-
wesen, Grund der Welt und Grund des Ich,
liess sich Schelling gefallen; er wurde Spino-
zist vielleicht eben so sehr wider sein Wollen
und Meinen, als Kant Idealist gewesen war. --
Wenn nun die Geschichte der Philosophie diese
Ereignisse kurz erzählen will, so wird sie sagen:
die Begriffe verwandeln sich den Philosophen
unter den Händen unwillkührlich, während sie
sie bearbeiten. Wenn aber die Philosophie
selbst zu dieser Geschichte hinzukommt: so muss
sie in dem scheinbar zufälligen Ereigniss das
Nothwendige, und in den besondern Fällen das
Allgemeine nachweisen, was sich in jenen Bey-
spielen nur unvollkommen abspiegelt.

Richtige Erkenntniss dieser nothwendigen und
allgemeinen Umwandlung gewisser Begriffe im
Denken, ist das erste Hülfsmittel, welches bisher
gefehlt hat.

Mathematische Untersuchungen über den Zu-
sammenhang und den Lauf unserer Vorstellungen
sind das zweyte. Die Seelenvermögen waren ein
Surrogat, dessen sich bisher nicht bloss die em-
pirische Psychologie, sondern auch Kant bey
seinem kritischen Unternehmen bediente. Freyer
von Vorurtheilen in diesem Puncte zeigte sich
Fichte; er wollte zu den Producten des mensch-
lichen Geistes die Acte des Producirens finden.
Warum hat man diese nothwendige Untersu-
chung vernachlässigt? Ohne Zweifel aus zwey
Gründen. Erstlich, weil Fichte in dieser Hin-
sicht wirklich bloss gewollt, aber nichts geleistet
hat, auch bey seinem Verfahren nichts leisten
konnte; kein Wunder, dass nun die Fortsetzung
unterblieb, da gar kein Anfang gegeben war.
Zweytens, weil man sich blenden liess von der
Kehrseite des Fichteschen Unternehmens, näm-

Bedingungen umwickeltes Ich zum Vorschein
brachte, obgleich er das absolute Ich auf den
Thron zu heben gedachte. Ein absolutes Ur-
wesen, Grund der Welt und Grund des Ich,
lieſs sich Schelling gefallen; er wurde Spino-
zist vielleicht eben so sehr wider sein Wollen
und Meinen, als Kant Idealist gewesen war. —
Wenn nun die Geschichte der Philosophie diese
Ereignisse kurz erzählen will, so wird sie sagen:
die Begriffe verwandeln sich den Philosophen
unter den Händen unwillkührlich, während sie
sie bearbeiten. Wenn aber die Philosophie
selbst zu dieser Geschichte hinzukommt: so muſs
sie in dem scheinbar zufälligen Ereigniſs das
Nothwendige, und in den besondern Fällen das
Allgemeine nachweisen, was sich in jenen Bey-
spielen nur unvollkommen abspiegelt.

Richtige Erkenntniſs dieser nothwendigen und
allgemeinen Umwandlung gewisser Begriffe im
Denken, ist das erste Hülfsmittel, welches bisher
gefehlt hat.

Mathematische Untersuchungen über den Zu-
sammenhang und den Lauf unserer Vorstellungen
sind das zweyte. Die Seelenvermögen waren ein
Surrogat, dessen sich bisher nicht bloſs die em-
pirische Psychologie, sondern auch Kant bey
seinem kritischen Unternehmen bediente. Freyer
von Vorurtheilen in diesem Puncte zeigte sich
Fichte; er wollte zu den Producten des mensch-
lichen Geistes die Acte des Producirens finden.
Warum hat man diese nothwendige Untersu-
chung vernachlässigt? Ohne Zweifel aus zwey
Gründen. Erstlich, weil Fichte in dieser Hin-
sicht wirklich bloſs gewollt, aber nichts geleistet
hat, auch bey seinem Verfahren nichts leisten
konnte; kein Wunder, daſs nun die Fortsetzung
unterblieb, da gar kein Anfang gegeben war.
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Kehrseite des Fichteschen Unternehmens, näm-

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[IV/0010] Bedingungen umwickeltes Ich zum Vorschein brachte, obgleich er das absolute Ich auf den Thron zu heben gedachte. Ein absolutes Ur- wesen, Grund der Welt und Grund des Ich, lieſs sich Schelling gefallen; er wurde Spino- zist vielleicht eben so sehr wider sein Wollen und Meinen, als Kant Idealist gewesen war. — Wenn nun die Geschichte der Philosophie diese Ereignisse kurz erzählen will, so wird sie sagen: die Begriffe verwandeln sich den Philosophen unter den Händen unwillkührlich, während sie sie bearbeiten. Wenn aber die Philosophie selbst zu dieser Geschichte hinzukommt: so muſs sie in dem scheinbar zufälligen Ereigniſs das Nothwendige, und in den besondern Fällen das Allgemeine nachweisen, was sich in jenen Bey- spielen nur unvollkommen abspiegelt. Richtige Erkenntniſs dieser nothwendigen und allgemeinen Umwandlung gewisser Begriffe im Denken, ist das erste Hülfsmittel, welches bisher gefehlt hat. Mathematische Untersuchungen über den Zu- sammenhang und den Lauf unserer Vorstellungen sind das zweyte. Die Seelenvermögen waren ein Surrogat, dessen sich bisher nicht bloſs die em- pirische Psychologie, sondern auch Kant bey seinem kritischen Unternehmen bediente. Freyer von Vorurtheilen in diesem Puncte zeigte sich Fichte; er wollte zu den Producten des mensch- lichen Geistes die Acte des Producirens finden. Warum hat man diese nothwendige Untersu- chung vernachlässigt? Ohne Zweifel aus zwey Gründen. Erstlich, weil Fichte in dieser Hin- sicht wirklich bloſs gewollt, aber nichts geleistet hat, auch bey seinem Verfahren nichts leisten konnte; kein Wunder, daſs nun die Fortsetzung unterblieb, da gar kein Anfang gegeben war. Zweytens, weil man sich blenden lieſs von der Kehrseite des Fichteschen Unternehmens, näm-

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Zitationshilfe: Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 1. Königsberg, 1824, S. IV. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herbart_psychologie01_1824/10>, abgerufen am 13.04.2024.