Gutzkow, Karl: Die neuen Serapionsbrüder. Bd. 2. Breslau, 1877.Sokrates den Giftbecher trinken - Es ist Julians, des Abtrünnigen, Gott, der Aether! rief der Oberlehrer Dr. Wedde in den Wirrwarr hinein, der sich immer mehr steigerte. Und die Elenden, die Alles das anstifteten, wurden niemals bestraft, rief die Stimme des emeritirten Schulrectors, vielleicht höchstens dadurch, daß sie am Ende doch nicht die Ruhe fanden, die sie gefunden zu haben erheuchelten! Es war Justizrath Luzius, der nach diesem heftigen Protest gegen die Einmischung Gottes in Kriege um National-Eifersüchteleien und Dynastieen-Ehrgeiz aufstand und ging. Verletzt konnte ihn Nichts haben. Man war seine Eilfertigkeit gewohnt. Es war aber sein ihm besonders nahestehender Freund Schindler, der die peinliche Pause des plötzlichen Sicherhebens eines so bedeutenden Kopfes, wie Luzius war, mit den Worten abkürzte: Darum bin ich der Meinung des Herrn Sanitätsraths! Unser Leben, das ohne den Glauben an die Unsterblichkeit ein Leben auch ohne Gott wird, muß nun erst eine rechte Verklärung bekommen, wie sie jetzt kaum zu fassen ist. Die Herren Superintendenten mit ihren schwarzen Backenbärten, jetzt auch Vollbärten, wissen davon noch gar Nichts! So oft ich mit diesen Schwarzröcken bei einer Kindtaufe oder einer Hochzeit (zu Grabe zu gehen erlaubt Sokrates den Giftbecher trinken – Es ist Julians, des Abtrünnigen, Gott, der Aether! rief der Oberlehrer Dr. Wedde in den Wirrwarr hinein, der sich immer mehr steigerte. Und die Elenden, die Alles das anstifteten, wurden niemals bestraft, rief die Stimme des emeritirten Schulrectors, vielleicht höchstens dadurch, daß sie am Ende doch nicht die Ruhe fanden, die sie gefunden zu haben erheuchelten! Es war Justizrath Luzius, der nach diesem heftigen Protest gegen die Einmischung Gottes in Kriege um National-Eifersüchteleien und Dynastieen-Ehrgeiz aufstand und ging. Verletzt konnte ihn Nichts haben. Man war seine Eilfertigkeit gewohnt. Es war aber sein ihm besonders nahestehender Freund Schindler, der die peinliche Pause des plötzlichen Sicherhebens eines so bedeutenden Kopfes, wie Luzius war, mit den Worten abkürzte: Darum bin ich der Meinung des Herrn Sanitätsraths! Unser Leben, das ohne den Glauben an die Unsterblichkeit ein Leben auch ohne Gott wird, muß nun erst eine rechte Verklärung bekommen, wie sie jetzt kaum zu fassen ist. Die Herren Superintendenten mit ihren schwarzen Backenbärten, jetzt auch Vollbärten, wissen davon noch gar Nichts! So oft ich mit diesen Schwarzröcken bei einer Kindtaufe oder einer Hochzeit (zu Grabe zu gehen erlaubt <TEI> <text> <body> <div n="1"> <pb facs="#f0112" n="106"/> <p> Sokrates den Giftbecher trinken –</p> <p>Es ist <ref xml:id="TEXTJuliansBISAether" type="editorialNote" target="NSer3E.htm#ERLJuliansBISAether">Julians, des Abtrünnigen, Gott, der Aether! </ref> rief der Oberlehrer Dr. Wedde in den Wirrwarr hinein, der sich immer mehr steigerte.</p> <p>Und die Elenden, die Alles das anstifteten, wurden niemals bestraft, rief die Stimme des emeritirten Schulrectors, vielleicht höchstens dadurch, daß sie am Ende doch nicht die Ruhe fanden, die sie gefunden zu haben erheuchelten!</p> <p>Es war Justizrath Luzius, der nach diesem heftigen Protest gegen die Einmischung Gottes in Kriege um National-Eifersüchteleien und Dynastieen-Ehrgeiz aufstand und ging. Verletzt konnte ihn Nichts haben. Man war seine Eilfertigkeit gewohnt. Es war aber sein ihm besonders nahestehender Freund Schindler, der die peinliche Pause des plötzlichen Sicherhebens eines so bedeutenden Kopfes, wie Luzius war, mit den Worten abkürzte: Darum bin ich der Meinung des Herrn Sanitätsraths! Unser Leben, das ohne den Glauben an die Unsterblichkeit ein Leben auch ohne Gott wird, muß nun erst eine rechte Verklärung bekommen, wie sie jetzt kaum zu fassen ist. Die Herren Superintendenten mit ihren schwarzen Backenbärten, jetzt auch Vollbärten, wissen davon noch gar Nichts! So oft ich mit diesen Schwarzröcken bei einer Kindtaufe oder einer Hochzeit (zu Grabe zu gehen erlaubt </p> </div> </body> </text> </TEI> [106/0112]
Sokrates den Giftbecher trinken –
Es ist Julians, des Abtrünnigen, Gott, der Aether! rief der Oberlehrer Dr. Wedde in den Wirrwarr hinein, der sich immer mehr steigerte.
Und die Elenden, die Alles das anstifteten, wurden niemals bestraft, rief die Stimme des emeritirten Schulrectors, vielleicht höchstens dadurch, daß sie am Ende doch nicht die Ruhe fanden, die sie gefunden zu haben erheuchelten!
Es war Justizrath Luzius, der nach diesem heftigen Protest gegen die Einmischung Gottes in Kriege um National-Eifersüchteleien und Dynastieen-Ehrgeiz aufstand und ging. Verletzt konnte ihn Nichts haben. Man war seine Eilfertigkeit gewohnt. Es war aber sein ihm besonders nahestehender Freund Schindler, der die peinliche Pause des plötzlichen Sicherhebens eines so bedeutenden Kopfes, wie Luzius war, mit den Worten abkürzte: Darum bin ich der Meinung des Herrn Sanitätsraths! Unser Leben, das ohne den Glauben an die Unsterblichkeit ein Leben auch ohne Gott wird, muß nun erst eine rechte Verklärung bekommen, wie sie jetzt kaum zu fassen ist. Die Herren Superintendenten mit ihren schwarzen Backenbärten, jetzt auch Vollbärten, wissen davon noch gar Nichts! So oft ich mit diesen Schwarzröcken bei einer Kindtaufe oder einer Hochzeit (zu Grabe zu gehen erlaubt
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Zitationshilfe: | Gutzkow, Karl: Die neuen Serapionsbrüder. Bd. 2. Breslau, 1877, S. 106. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gutzkow_serapionsbrueder02_1877/112>, abgerufen am 17.02.2025. |