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Gundling, Nicolaus Hieronymus: Discovrs über Weyl. Herrn D. Io. Franc. Bvddei [...] Philosophiæ Practicæ Part. III. Die Politic. Frankfurt (Main) u. a., 1733.

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PROLEGOMENA.

Alle Menschen können freylich nicht zum Regieren kommen,Ministres.
doch braucht ein Fürst viele Subalternen, welche alle mit ad regi-
men concurri
ren. Offte thut der Ministre das meiste. Der
Princeps ist bisweilen die Marionette, der redet, was der Mini-
stre
redet, und der Ministre spricht offt was sein Secretaire d'Etat
saget. Die haben alle nöthig, die Kunst regieren zu lernen.

Quaer. Wie ist das möglich, daß man in der Schule kan ler-Ob die Poli-
tica
auf Aca-
demien könne
erlernet wer-
den.

nen, wie man soll weislich regieren? Vor diesen hat man die Poli-
tic,
wie alle andere philosophische disciplinen, nur tractiret wie ein
Lexicon, da man die terminos expliciret, und dabey haben sie
noch so einige Fragen mit untergemischet, von denen societatibus,
woraus die regna bestehen etc. Dahin gehören die societates zwischen
Mann und Weib, zwischen Eltern und Kindern, Herren und Knech-
ten, hernach haben sie gezeiget, wie aus diesen dreyen societatibus,
societas civilis
entstanden. Sie haben gefraget: woher das Im-
perium in civili societate
komme? wobey sie die Wörter: Ari-
stocratia, Monarchia, Democratia &c.
erkläret; drauf sind sie
auf die virtutes kommen, und endlich zeigten sie, wie die Republic
könne dissolviret werden. Das Hauptwerck aber, wie eine Re-
public
solle regieret werden, wie man die regalia exerciren solle,
haben sie weggelassen. Was ad illud totum universale gehöre,
wird in Jure Naturae gewiesen; aber wie man alles dieses gescheut
employren müsse. e.g. wie vectigalia müssen angeleget werden,
davon muß in der Politic gehandelt werden. Weil es aber negli-
gi
ret worden, so haben alle Leute, die auf pragmatische Dinge ge-
sehen, gesagt, die Politic hätte keinen Nutzen: hergegen, tractiret
man die Politic, wie es seyn soll, gehet man ad specialia, und be-
weiset diese immer mit principiis rectae rationis, nimmt auch in
gewisser Maaß dazu die cognition der Menschen, so kan man dieselbe
allerdings in praxi gebrauchen.

Es ist viel, was man hier lernet, sed omnibus prodest, exWas die Er-
fahrung hier-
bey würcke?

usu rerum aliquid addi. Nicht anders, als wenn man das Jus
in Schulen noch so gut gelernet, kan doch in praxi noch vieles dazu
gethan werden. Die experientia thut also viel, aber nicht alles.

Es
A 2
PROLEGOMENA.

Alle Menſchen koͤnnen freylich nicht zum Regieren kommen,Miniſtres.
doch braucht ein Fuͤrſt viele Subalternen, welche alle mit ad regi-
men concurri
ren. Offte thut der Miniſtre das meiſte. Der
Princeps iſt bisweilen die Marionette, der redet, was der Mini-
ſtre
redet, und der Miniſtre ſpricht offt was ſein Secretaire d’Etat
ſaget. Die haben alle noͤthig, die Kunſt regieren zu lernen.

Quær. Wie iſt das moͤglich, daß man in der Schule kan ler-Ob die Poli-
tica
auf Aca-
demien koͤnne
erlernet wer-
den.

nen, wie man ſoll weislich regieren? Vor dieſen hat man die Poli-
tic,
wie alle andere philoſophiſche disciplinen, nur tractiret wie ein
Lexicon, da man die terminos expliciret, und dabey haben ſie
noch ſo einige Fragen mit untergemiſchet, von denen ſocietatibus,
woraus die regna beſtehen ꝛc. Dahin gehoͤren die ſocietates zwiſchen
Mann und Weib, zwiſchen Eltern und Kindern, Herren und Knech-
ten, hernach haben ſie gezeiget, wie aus dieſen dreyen ſocietatibus,
ſocietas civilis
entſtanden. Sie haben gefraget: woher das Im-
perium in civili ſocietate
komme? wobey ſie die Woͤrter: Ari-
ſtocratia, Monarchia, Democratia &c.
erklaͤret; drauf ſind ſie
auf die virtutes kommen, und endlich zeigten ſie, wie die Republic
koͤnne diſſolviret werden. Das Hauptwerck aber, wie eine Re-
public
ſolle regieret werden, wie man die regalia exerciren ſolle,
haben ſie weggelaſſen. Was ad illud totum univerſale gehoͤre,
wird in Jure Naturæ gewieſen; aber wie man alles dieſes geſcheut
employren muͤſſe. e.g. wie vectigalia muͤſſen angeleget werden,
davon muß in der Politic gehandelt werden. Weil es aber negli-
gi
ret worden, ſo haben alle Leute, die auf pragmatiſche Dinge ge-
ſehen, geſagt, die Politic haͤtte keinen Nutzen: hergegen, tractiret
man die Politic, wie es ſeyn ſoll, gehet man ad ſpecialia, und be-
weiſet dieſe immer mit principiis rectæ rationis, nimmt auch in
gewiſſer Maaß dazu die cognition der Menſchen, ſo kan man dieſelbe
allerdings in praxi gebrauchen.

Es iſt viel, was man hier lernet, ſed omnibus prodeſt, exWas die Er-
fahrung hier-
bey wuͤrcke?

uſu rerum aliquid addi. Nicht anders, als wenn man das Jus
in Schulen noch ſo gut gelernet, kan doch in praxi noch vieles dazu
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Es
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[3/0023] PROLEGOMENA. Alle Menſchen koͤnnen freylich nicht zum Regieren kommen, doch braucht ein Fuͤrſt viele Subalternen, welche alle mit ad regi- men concurriren. Offte thut der Miniſtre das meiſte. Der Princeps iſt bisweilen die Marionette, der redet, was der Mini- ſtre redet, und der Miniſtre ſpricht offt was ſein Secretaire d’Etat ſaget. Die haben alle noͤthig, die Kunſt regieren zu lernen. Miniſtres. Quær. Wie iſt das moͤglich, daß man in der Schule kan ler- nen, wie man ſoll weislich regieren? Vor dieſen hat man die Poli- tic, wie alle andere philoſophiſche disciplinen, nur tractiret wie ein Lexicon, da man die terminos expliciret, und dabey haben ſie noch ſo einige Fragen mit untergemiſchet, von denen ſocietatibus, woraus die regna beſtehen ꝛc. Dahin gehoͤren die ſocietates zwiſchen Mann und Weib, zwiſchen Eltern und Kindern, Herren und Knech- ten, hernach haben ſie gezeiget, wie aus dieſen dreyen ſocietatibus, ſocietas civilis entſtanden. Sie haben gefraget: woher das Im- perium in civili ſocietate komme? wobey ſie die Woͤrter: Ari- ſtocratia, Monarchia, Democratia &c. erklaͤret; drauf ſind ſie auf die virtutes kommen, und endlich zeigten ſie, wie die Republic koͤnne diſſolviret werden. Das Hauptwerck aber, wie eine Re- public ſolle regieret werden, wie man die regalia exerciren ſolle, haben ſie weggelaſſen. Was ad illud totum univerſale gehoͤre, wird in Jure Naturæ gewieſen; aber wie man alles dieſes geſcheut employren muͤſſe. e.g. wie vectigalia muͤſſen angeleget werden, davon muß in der Politic gehandelt werden. Weil es aber negli- giret worden, ſo haben alle Leute, die auf pragmatiſche Dinge ge- ſehen, geſagt, die Politic haͤtte keinen Nutzen: hergegen, tractiret man die Politic, wie es ſeyn ſoll, gehet man ad ſpecialia, und be- weiſet dieſe immer mit principiis rectæ rationis, nimmt auch in gewiſſer Maaß dazu die cognition der Menſchen, ſo kan man dieſelbe allerdings in praxi gebrauchen. Ob die Poli- tica auf Aca- demien koͤnne erlernet wer- den. Es iſt viel, was man hier lernet, ſed omnibus prodeſt, ex uſu rerum aliquid addi. Nicht anders, als wenn man das Jus in Schulen noch ſo gut gelernet, kan doch in praxi noch vieles dazu gethan werden. Die experientia thut alſo viel, aber nicht alles. Es Was die Er- fahrung hier- bey wuͤrcke? A 2

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Zitationshilfe: Gundling, Nicolaus Hieronymus: Discovrs über Weyl. Herrn D. Io. Franc. Bvddei [...] Philosophiæ Practicæ Part. III. Die Politic. Frankfurt (Main) u. a., 1733, S. 3. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gundling_discours_1733/23>, abgerufen am 27.02.2024.