Die Grenzboten. Jg. 79, 1920, Erstes Vierteljahr.Georg Lleinow und die Grenzboten Mirski war ebensowenig ein Schwächling wie Herr von Bethmann Hollweg. Die konservative Partei! Wenn Cleinow die Entschluß- und Planlosigkeit Georg Lleinow und die Grenzboten Mirski war ebensowenig ein Schwächling wie Herr von Bethmann Hollweg. Die konservative Partei! Wenn Cleinow die Entschluß- und Planlosigkeit <TEI> <text> <body> <div> <div n="1"> <pb facs="#f0020" corresp="http://brema.suub.uni-bremen.de/grenzboten/periodical/pageview/336865"/> <fw type="header" place="top"> Georg Lleinow und die Grenzboten</fw><lb/> <p xml:id="ID_11" prev="#ID_10"> Mirski war ebensowenig ein Schwächling wie Herr von Bethmann Hollweg.<lb/> Aber jener fühlte sich ebenso von Abhängigkeiten eingeengt wie unser Kanzler;<lb/> vor lauter Nachsinnen und Erwägen fand er ebensowenig den geeigneten<lb/> Augenblick zum Entschluß wie Herr von Bethmann Hollweg. Gewiß, Deutsch¬<lb/> land ist nicht Rußland .... aber das Erbe Friedrich des Großen wurde in<lb/> kaum 20 Jahren vertan I Wer es ernst meint mit unserm Vaterlande, der<lb/> bestärke den Leiter der Reichsregierung nicht in seiner Zurückhaltung, damit<lb/> das Jena, das der konservativen Partei bevorsteht, nicht zu einem Jena der<lb/> Monarchie werde." (Grenzboten 1910. IV. Ur. 40 und 43)</p><lb/> <p xml:id="ID_12"> Die konservative Partei! Wenn Cleinow die Entschluß- und Planlosigkeit<lb/> der Regierung immer aufs neue größte Besorgnis einflößten und seine Kritik<lb/> herausforderten, so ging er auch mit den Parteien scharf ins Gericht, nicht zuletzt<lb/> mit den Konservativen. Durch seine Familientradition, die er hochhielt, und<lb/> durch seine Erziehung dem Konservativismus verschrieben, hielt er es für seine<lb/> Pflicht, die der Nation entfremdete Partei zu bekämpfen und zwar ganz ohne<lb/> Rücksicht darauf, daß er sich mit seiner Zeitschrift vorwiegend an rechts¬<lb/> stehende Kreise wandte. Er hielt sie, die einen ideellen Wert nach dem andern<lb/> aus ihrem Programm preisgab, für todgeweiht und wollte verhindern, daß das<lb/> Schicksal der Monarchie an das ihre geknüpft würde. Wenn die „Kreuz-<lb/> Zeitung" im Anschluß an die Moabiter Vorkommnisse nach energischen, bis zur<lb/> Vernichtung gehenden Ausnahmemaßregeln rief, so stellte er dem die Forderung<lb/> entgegen, daß die Leiter der Regierung die ihnen zur Verfügung stehenden<lb/> politischen Instrumente richtig anwenden sollten. Und als beste Waffe gegen<lb/> den inneren Feind erkannte er die Pflichterfüllung der staatserhaltenden<lb/> Parteien. Mit aller Deutlichkeit betonte er. daß die Leistungen der deutsch¬<lb/> konservativen Partei auf politischem Gebiet mit den Rechten, die der Staa<lb/> ihren Angehörigen auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet einräumte, in<lb/> keinem richtigen Verhältnis stehe. „Wir bekämpfen das an der deutsch-konser¬<lb/> vativen Partei", so schrieb er, „was diese selbst als Internationalismus, als<lb/> politischen Egoismus und als unberechtigte Machtgelüste bei den Demokraten<lb/> bekämpfet" (Grenzboten 1910, IV, Ur. 41) Wenn zwischen Kaiser und Volk<lb/> eine gewisse Entfremdung eintrat, so war das nicht lediglich die Folge einer<lb/> Verhetzung, wie sie der „Vorwärts" und der „Simplizissimus" betrieben,<lb/> sondern vielmehr die sich immer weiter fressende Überzeugung, daß der Kaiser<lb/> dem Einfluß unverantwortlicher Ratgeber unterlag, die aus konservativen,<lb/> schechtweg als „reaktionär" bezeichneten Kreisen stammten und daß er daher<lb/> sein Volk nicht mehr verstehen könne. Mißverständliche Reden, denen entgegen¬<lb/> zutreten Cleinow sich nicht scheute — er hat zum Beispiel die in Beuron und<lb/> Königsberg gehaltenen Reden unter Hinweis auf die durch sie hervorgerufene<lb/> Beunruhigung mit männlichem Ernst kritisiert — haben allerdings dazu bei¬<lb/> getragen, diese Auffassung zu fördern. Die Konservativen freilich sahen alles<lb/> „Unhül" von den „Liberalen" kommen. Und ebenso dachte das Zentrum.</p><lb/> </div> </div> </body> </text> </TEI> [0020]
Georg Lleinow und die Grenzboten
Mirski war ebensowenig ein Schwächling wie Herr von Bethmann Hollweg.
Aber jener fühlte sich ebenso von Abhängigkeiten eingeengt wie unser Kanzler;
vor lauter Nachsinnen und Erwägen fand er ebensowenig den geeigneten
Augenblick zum Entschluß wie Herr von Bethmann Hollweg. Gewiß, Deutsch¬
land ist nicht Rußland .... aber das Erbe Friedrich des Großen wurde in
kaum 20 Jahren vertan I Wer es ernst meint mit unserm Vaterlande, der
bestärke den Leiter der Reichsregierung nicht in seiner Zurückhaltung, damit
das Jena, das der konservativen Partei bevorsteht, nicht zu einem Jena der
Monarchie werde." (Grenzboten 1910. IV. Ur. 40 und 43)
Die konservative Partei! Wenn Cleinow die Entschluß- und Planlosigkeit
der Regierung immer aufs neue größte Besorgnis einflößten und seine Kritik
herausforderten, so ging er auch mit den Parteien scharf ins Gericht, nicht zuletzt
mit den Konservativen. Durch seine Familientradition, die er hochhielt, und
durch seine Erziehung dem Konservativismus verschrieben, hielt er es für seine
Pflicht, die der Nation entfremdete Partei zu bekämpfen und zwar ganz ohne
Rücksicht darauf, daß er sich mit seiner Zeitschrift vorwiegend an rechts¬
stehende Kreise wandte. Er hielt sie, die einen ideellen Wert nach dem andern
aus ihrem Programm preisgab, für todgeweiht und wollte verhindern, daß das
Schicksal der Monarchie an das ihre geknüpft würde. Wenn die „Kreuz-
Zeitung" im Anschluß an die Moabiter Vorkommnisse nach energischen, bis zur
Vernichtung gehenden Ausnahmemaßregeln rief, so stellte er dem die Forderung
entgegen, daß die Leiter der Regierung die ihnen zur Verfügung stehenden
politischen Instrumente richtig anwenden sollten. Und als beste Waffe gegen
den inneren Feind erkannte er die Pflichterfüllung der staatserhaltenden
Parteien. Mit aller Deutlichkeit betonte er. daß die Leistungen der deutsch¬
konservativen Partei auf politischem Gebiet mit den Rechten, die der Staa
ihren Angehörigen auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet einräumte, in
keinem richtigen Verhältnis stehe. „Wir bekämpfen das an der deutsch-konser¬
vativen Partei", so schrieb er, „was diese selbst als Internationalismus, als
politischen Egoismus und als unberechtigte Machtgelüste bei den Demokraten
bekämpfet" (Grenzboten 1910, IV, Ur. 41) Wenn zwischen Kaiser und Volk
eine gewisse Entfremdung eintrat, so war das nicht lediglich die Folge einer
Verhetzung, wie sie der „Vorwärts" und der „Simplizissimus" betrieben,
sondern vielmehr die sich immer weiter fressende Überzeugung, daß der Kaiser
dem Einfluß unverantwortlicher Ratgeber unterlag, die aus konservativen,
schechtweg als „reaktionär" bezeichneten Kreisen stammten und daß er daher
sein Volk nicht mehr verstehen könne. Mißverständliche Reden, denen entgegen¬
zutreten Cleinow sich nicht scheute — er hat zum Beispiel die in Beuron und
Königsberg gehaltenen Reden unter Hinweis auf die durch sie hervorgerufene
Beunruhigung mit männlichem Ernst kritisiert — haben allerdings dazu bei¬
getragen, diese Auffassung zu fördern. Die Konservativen freilich sahen alles
„Unhül" von den „Liberalen" kommen. Und ebenso dachte das Zentrum.
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