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Die Grenzboten. Jg. 70, 1911, Drittes Vierteljahr.

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staatlicher Imperialismus und Individualismus

"Wie kommen die Japaner dazu, den Holländern jährlich 40 Millionen
allein für Zucker zu bezahlen, da sie doch einfach jene Kolonie expropriieren
könnten mitsamt dem Zucker und allein übrigen? Der Japaner hält es für
widernatürlich, daß ein nichtiger europäischer Staat in Asien ein Reich von
38 Millionen Einwohnern besitzen solle, in das er während dreier Jahrhunderte
nur 70000 Einwanderer habe liefern können, während Japan innerhalb eines
Jahrzehnts allein nach Formosa 110000 Menschen entsandte. Daraus ergebe
sich zur Genüge, daß den Japanern ein größeres Anrecht auf Kolonien in Asien
zustehe als europäischen Miniaturstaaten."

Die Streitkräfte der Niederländer würden nicht entfernt genügen, um ihren
indischen Jnselbesitz gegen japanische Annexionsgelüste zu schützen. Übrigens
genügen auch ihre materiellen und ihre Menschenkräfte nicht dazu, diesen Besitz
voll auszunutzen -- wirtschaften doch in niederländisch - Indien zum sehr
großen Teile deutsche Unternehmer, deutsche Angestellte, deutsche Kapitalien.
Aber sie sind weit entfernt davon, irgendwie die politische Sicherheit zu
gefährden.

Daß in jenen fernen Meeren deutsche und niederländische Interessen nicht
gegensätzlich, sondern verwandt sind, ist unter anderm zum Ausdruck gekommen
in der Schaffung eines gemeinsamen deutsch-niederländischen Kabels für nieder¬
ländisch-Indien und die deutschen Südseeinseln. Daß auch daheim in Europa
keine Gegensätzlichkeit, sondern eine Verwandtschaft der deutsch-niederländischen
Interessen besteht, liegt angesichts der geographischen Lage auf der Hand, die
den holländischen Handel leben läßt von dem deutschen Hinterland.

Je natürlicher aber diese Jnteressenverwandtschaft ist, um so mehr sorgt
man sich auf anderer Seite darum, künstlich Gegensätze zu schaffen und Mi߬
trauen zu säen. Die zu diesem Zwecke beliebte, aber bei dem eigenen britischen
Gedankenkreis am Ende ganz verständliche imperialistische Ausbeutung der großen
mitteleuropäischen Interessengemeinschaft ist, wie gesagt, geeignet, an allen Ecken
und Enden Mißtrauen zu schaffen. Deutschland wird demgegenüber beflissen
sein müssen, die ausländischen Imperialisten zu belehren, daß wir in Mittel¬
europa, daß speziell die Deutschen Individualisten sind und daß unser staatlicher
Individualismus im Gegensatze zu dem Imperialismus steht.

Den Politikern, die in ihrer täglichen Beschäftigung stets mit dein Bundes¬
staat bezw. dem Staatenbund zu rechnen haben, ist es etwas ganz Natürliches, auch
die große mitteleuropäische Interessengemeinschaft, die Jnteressenverkuüpfung der
großen Ländergruppeu zwischen der Rhein- und Elbemündung einerseits, der
Donau- und Euphratmündung anderseits nicht zu betrachten von imperialistischen
Zwangsvorstellungen aus, sondern individualistisch als eine Kette mit ihren
Interessen aneinandergefügter, aber nicht durch staatlich-imperialistischen Zwang
zusammengeschmiedeter Glieder.

Für den Umfang der wirtschaftlichen Jntercssenverknüpfung zwischen diesen
Ländern sprechen am deutlichsten die vergleichenden Zahlen der Handelsstatistik.


staatlicher Imperialismus und Individualismus

„Wie kommen die Japaner dazu, den Holländern jährlich 40 Millionen
allein für Zucker zu bezahlen, da sie doch einfach jene Kolonie expropriieren
könnten mitsamt dem Zucker und allein übrigen? Der Japaner hält es für
widernatürlich, daß ein nichtiger europäischer Staat in Asien ein Reich von
38 Millionen Einwohnern besitzen solle, in das er während dreier Jahrhunderte
nur 70000 Einwanderer habe liefern können, während Japan innerhalb eines
Jahrzehnts allein nach Formosa 110000 Menschen entsandte. Daraus ergebe
sich zur Genüge, daß den Japanern ein größeres Anrecht auf Kolonien in Asien
zustehe als europäischen Miniaturstaaten."

Die Streitkräfte der Niederländer würden nicht entfernt genügen, um ihren
indischen Jnselbesitz gegen japanische Annexionsgelüste zu schützen. Übrigens
genügen auch ihre materiellen und ihre Menschenkräfte nicht dazu, diesen Besitz
voll auszunutzen — wirtschaften doch in niederländisch - Indien zum sehr
großen Teile deutsche Unternehmer, deutsche Angestellte, deutsche Kapitalien.
Aber sie sind weit entfernt davon, irgendwie die politische Sicherheit zu
gefährden.

Daß in jenen fernen Meeren deutsche und niederländische Interessen nicht
gegensätzlich, sondern verwandt sind, ist unter anderm zum Ausdruck gekommen
in der Schaffung eines gemeinsamen deutsch-niederländischen Kabels für nieder¬
ländisch-Indien und die deutschen Südseeinseln. Daß auch daheim in Europa
keine Gegensätzlichkeit, sondern eine Verwandtschaft der deutsch-niederländischen
Interessen besteht, liegt angesichts der geographischen Lage auf der Hand, die
den holländischen Handel leben läßt von dem deutschen Hinterland.

Je natürlicher aber diese Jnteressenverwandtschaft ist, um so mehr sorgt
man sich auf anderer Seite darum, künstlich Gegensätze zu schaffen und Mi߬
trauen zu säen. Die zu diesem Zwecke beliebte, aber bei dem eigenen britischen
Gedankenkreis am Ende ganz verständliche imperialistische Ausbeutung der großen
mitteleuropäischen Interessengemeinschaft ist, wie gesagt, geeignet, an allen Ecken
und Enden Mißtrauen zu schaffen. Deutschland wird demgegenüber beflissen
sein müssen, die ausländischen Imperialisten zu belehren, daß wir in Mittel¬
europa, daß speziell die Deutschen Individualisten sind und daß unser staatlicher
Individualismus im Gegensatze zu dem Imperialismus steht.

Den Politikern, die in ihrer täglichen Beschäftigung stets mit dein Bundes¬
staat bezw. dem Staatenbund zu rechnen haben, ist es etwas ganz Natürliches, auch
die große mitteleuropäische Interessengemeinschaft, die Jnteressenverkuüpfung der
großen Ländergruppeu zwischen der Rhein- und Elbemündung einerseits, der
Donau- und Euphratmündung anderseits nicht zu betrachten von imperialistischen
Zwangsvorstellungen aus, sondern individualistisch als eine Kette mit ihren
Interessen aneinandergefügter, aber nicht durch staatlich-imperialistischen Zwang
zusammengeschmiedeter Glieder.

Für den Umfang der wirtschaftlichen Jntercssenverknüpfung zwischen diesen
Ländern sprechen am deutlichsten die vergleichenden Zahlen der Handelsstatistik.


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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 70, 1911, Drittes Vierteljahr, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341893_318948/80>, abgerufen am 01.01.2025.