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Die Grenzboten. Jg. 70, 1911, Zweites Vierteljahr.

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Legende vom Macholderhügcl

"Weiß war's -- und von 'ner Frau war's auch was, aber es huschte in die
Haselbüsche und weg war's."

"Was ihr wohl gesehen habt!" lachte Rudi spöttisch, aber ihm war nicht
ganz geheuer.

Rupert zuckte nur mit den Schultern, und Gode lachte vielsagend. Da kam
keiner mehr drauf zurück. Bald lagen alle schlafend, und Gödes Atemzüge rasselten
wie eine große Holzsäge.

Im Bibliothekzimmer war Reinhold noch wach. Er hatte den Ölkrüsel nicht
angezündet, sondern schritt im Dunkel auf und nieder. Die Dielen knackten leise.

"Das ist nun Leben, dieser trübe, verlorene Teich," murmelte er, nur hin
und wieder einen Gedanken laut werden lassend. "Drunten zerfleischen sich die
Völker. Alles edle Leben muß dabei vergehen. Gott! Gott! Und wir müssen
untätig alles Menschliche untergehen sehen? Schon sitzen wir bis an die Schultern
in dem üblen Teiche. Sollen wir geduldig warten, bis uns das Wasser zum
Munde hereinläuft? Steh mir bei, du großer Gott, hilf, daß die quälenden
Gedanken meiner nicht Herr werdenI"

Er sank vor einem Kruzifix nieder und stöhnte laut. Kühl strich der Nacht-
hauch herein, wie eine Fledermaus, die sich still an den Balken hängt. Draußen
erhob sich plötzlich lautes Eulengeschrei. Er stand müde auf, trat ans Fenster und
schallte gegen den Wald.

Da -- seine Augen wurden scharf -- was bewegte sich weiß vor dem dunklen
Fichtensaume? War es ein Nebel? Es kam näher, vorsichtig schreitend, stand
wie lauschend -- schritt wieder weiter. War es ein menschliches Wesen? Wie es
schien, ein Weib?

Da stand es still, strich seitwärts an der Gartenmauer entlang und verschwand
hinter der Hausecke.

Reinhold griff an die Stirn, zu wissen, ob er wache oder träume. War das
eine Erscheinung? Hatte sie Gott gesandt, oder gar der Böse? Er schlug ein
Kreuz und lauschte atemlos. Nichts regte sich. Da faßte er sich ein Herz und
ging durch den Kreuzgang und das Hauptportal ins Freie. Die Nacht lag still
um Haus und Garten und atmete kaum. Am Walde schalt ein Reh. Reinhold
ging -- halb träumend -- in seine Zelle.




Am anderen Morgen war Luder in seinem Garten beschäftigt. Nur die
Gemüsefelder waren in einiger Ordnung. Was an Blumen zu sehen war, wucherte
wild und bunt durcheinander, wanderte in der Erde weiter und befände sich selber.
Luder stach Spargel. Da flog aus dem Wildrosenbusch ein der Mauer das Drossel-
Pärchen, das dort nistete, mit erschreckten Zwitschertönen auf. Der Bruder Gärtner
schaute auf. Da hörte er den hellen Klang einer Mädchenstimme, und was er
nun auf der Mauer zu sehen bekam, ließ ihm seine Spargel aus der Hand poltern.
Ein Mädchen hockte da, blondhaarig, blaß und verhärmt, mit Augen wie zwei
winzige Maihimmel. Sie trug ein Gewand, das ehemals reich gewesen, nun aber
zerschlissen und durch Brandflecken verunziert war. Ein paar sanfte, fragende
Worte sprach sie in einer Sprache, die er nicht verstand. Eines aber wußte er
gleich, nämlich, daß ihnen von diesem verängstigten Geschöpfe keine Gefahr drohte.
So trat er näher herzu.


Legende vom Macholderhügcl

„Weiß war's — und von 'ner Frau war's auch was, aber es huschte in die
Haselbüsche und weg war's."

„Was ihr wohl gesehen habt!" lachte Rudi spöttisch, aber ihm war nicht
ganz geheuer.

Rupert zuckte nur mit den Schultern, und Gode lachte vielsagend. Da kam
keiner mehr drauf zurück. Bald lagen alle schlafend, und Gödes Atemzüge rasselten
wie eine große Holzsäge.

Im Bibliothekzimmer war Reinhold noch wach. Er hatte den Ölkrüsel nicht
angezündet, sondern schritt im Dunkel auf und nieder. Die Dielen knackten leise.

„Das ist nun Leben, dieser trübe, verlorene Teich," murmelte er, nur hin
und wieder einen Gedanken laut werden lassend. „Drunten zerfleischen sich die
Völker. Alles edle Leben muß dabei vergehen. Gott! Gott! Und wir müssen
untätig alles Menschliche untergehen sehen? Schon sitzen wir bis an die Schultern
in dem üblen Teiche. Sollen wir geduldig warten, bis uns das Wasser zum
Munde hereinläuft? Steh mir bei, du großer Gott, hilf, daß die quälenden
Gedanken meiner nicht Herr werdenI"

Er sank vor einem Kruzifix nieder und stöhnte laut. Kühl strich der Nacht-
hauch herein, wie eine Fledermaus, die sich still an den Balken hängt. Draußen
erhob sich plötzlich lautes Eulengeschrei. Er stand müde auf, trat ans Fenster und
schallte gegen den Wald.

Da — seine Augen wurden scharf — was bewegte sich weiß vor dem dunklen
Fichtensaume? War es ein Nebel? Es kam näher, vorsichtig schreitend, stand
wie lauschend — schritt wieder weiter. War es ein menschliches Wesen? Wie es
schien, ein Weib?

Da stand es still, strich seitwärts an der Gartenmauer entlang und verschwand
hinter der Hausecke.

Reinhold griff an die Stirn, zu wissen, ob er wache oder träume. War das
eine Erscheinung? Hatte sie Gott gesandt, oder gar der Böse? Er schlug ein
Kreuz und lauschte atemlos. Nichts regte sich. Da faßte er sich ein Herz und
ging durch den Kreuzgang und das Hauptportal ins Freie. Die Nacht lag still
um Haus und Garten und atmete kaum. Am Walde schalt ein Reh. Reinhold
ging — halb träumend — in seine Zelle.




Am anderen Morgen war Luder in seinem Garten beschäftigt. Nur die
Gemüsefelder waren in einiger Ordnung. Was an Blumen zu sehen war, wucherte
wild und bunt durcheinander, wanderte in der Erde weiter und befände sich selber.
Luder stach Spargel. Da flog aus dem Wildrosenbusch ein der Mauer das Drossel-
Pärchen, das dort nistete, mit erschreckten Zwitschertönen auf. Der Bruder Gärtner
schaute auf. Da hörte er den hellen Klang einer Mädchenstimme, und was er
nun auf der Mauer zu sehen bekam, ließ ihm seine Spargel aus der Hand poltern.
Ein Mädchen hockte da, blondhaarig, blaß und verhärmt, mit Augen wie zwei
winzige Maihimmel. Sie trug ein Gewand, das ehemals reich gewesen, nun aber
zerschlissen und durch Brandflecken verunziert war. Ein paar sanfte, fragende
Worte sprach sie in einer Sprache, die er nicht verstand. Eines aber wußte er
gleich, nämlich, daß ihnen von diesem verängstigten Geschöpfe keine Gefahr drohte.
So trat er näher herzu.


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[0423] Legende vom Macholderhügcl „Weiß war's — und von 'ner Frau war's auch was, aber es huschte in die Haselbüsche und weg war's." „Was ihr wohl gesehen habt!" lachte Rudi spöttisch, aber ihm war nicht ganz geheuer. Rupert zuckte nur mit den Schultern, und Gode lachte vielsagend. Da kam keiner mehr drauf zurück. Bald lagen alle schlafend, und Gödes Atemzüge rasselten wie eine große Holzsäge. Im Bibliothekzimmer war Reinhold noch wach. Er hatte den Ölkrüsel nicht angezündet, sondern schritt im Dunkel auf und nieder. Die Dielen knackten leise. „Das ist nun Leben, dieser trübe, verlorene Teich," murmelte er, nur hin und wieder einen Gedanken laut werden lassend. „Drunten zerfleischen sich die Völker. Alles edle Leben muß dabei vergehen. Gott! Gott! Und wir müssen untätig alles Menschliche untergehen sehen? Schon sitzen wir bis an die Schultern in dem üblen Teiche. Sollen wir geduldig warten, bis uns das Wasser zum Munde hereinläuft? Steh mir bei, du großer Gott, hilf, daß die quälenden Gedanken meiner nicht Herr werdenI" Er sank vor einem Kruzifix nieder und stöhnte laut. Kühl strich der Nacht- hauch herein, wie eine Fledermaus, die sich still an den Balken hängt. Draußen erhob sich plötzlich lautes Eulengeschrei. Er stand müde auf, trat ans Fenster und schallte gegen den Wald. Da — seine Augen wurden scharf — was bewegte sich weiß vor dem dunklen Fichtensaume? War es ein Nebel? Es kam näher, vorsichtig schreitend, stand wie lauschend — schritt wieder weiter. War es ein menschliches Wesen? Wie es schien, ein Weib? Da stand es still, strich seitwärts an der Gartenmauer entlang und verschwand hinter der Hausecke. Reinhold griff an die Stirn, zu wissen, ob er wache oder träume. War das eine Erscheinung? Hatte sie Gott gesandt, oder gar der Böse? Er schlug ein Kreuz und lauschte atemlos. Nichts regte sich. Da faßte er sich ein Herz und ging durch den Kreuzgang und das Hauptportal ins Freie. Die Nacht lag still um Haus und Garten und atmete kaum. Am Walde schalt ein Reh. Reinhold ging — halb träumend — in seine Zelle. Am anderen Morgen war Luder in seinem Garten beschäftigt. Nur die Gemüsefelder waren in einiger Ordnung. Was an Blumen zu sehen war, wucherte wild und bunt durcheinander, wanderte in der Erde weiter und befände sich selber. Luder stach Spargel. Da flog aus dem Wildrosenbusch ein der Mauer das Drossel- Pärchen, das dort nistete, mit erschreckten Zwitschertönen auf. Der Bruder Gärtner schaute auf. Da hörte er den hellen Klang einer Mädchenstimme, und was er nun auf der Mauer zu sehen bekam, ließ ihm seine Spargel aus der Hand poltern. Ein Mädchen hockte da, blondhaarig, blaß und verhärmt, mit Augen wie zwei winzige Maihimmel. Sie trug ein Gewand, das ehemals reich gewesen, nun aber zerschlissen und durch Brandflecken verunziert war. Ein paar sanfte, fragende Worte sprach sie in einer Sprache, die er nicht verstand. Eines aber wußte er gleich, nämlich, daß ihnen von diesem verängstigten Geschöpfe keine Gefahr drohte. So trat er näher herzu.

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 70, 1911, Zweites Vierteljahr, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341893_318282/423>, abgerufen am 01.07.2024.