Die Grenzboten. Jg. 69, 1910, Zweites Vierteljahr.Chantecler Specht gestört; man fühlt hierauch in Chantecler, wie in Rostand, zu viel Eitelkeit So kommen wir immer zu demselben Ergebnis. Es ist ein literarisches Es ist das Werk eines Franzosen, der sich in deutsche Art hinübersteuert. Vais-je pouvoir clianter? Anm chant of me parMre, nichts Geringes das Geständnis dieses stolzen Kampfhahns: (Zus nu> n's tout Ä Kik Is all-tut qu'it rsverait et'avoir. Man mag in dieser sechsten Szene des vierten Aktes, wo die Nachtigall und Chantecler Specht gestört; man fühlt hierauch in Chantecler, wie in Rostand, zu viel Eitelkeit So kommen wir immer zu demselben Ergebnis. Es ist ein literarisches Es ist das Werk eines Franzosen, der sich in deutsche Art hinübersteuert. Vais-je pouvoir clianter? Anm chant of me parMre, nichts Geringes das Geständnis dieses stolzen Kampfhahns: (Zus nu> n's tout Ä Kik Is all-tut qu'it rsverait et'avoir. Man mag in dieser sechsten Szene des vierten Aktes, wo die Nachtigall und <TEI> <text> <body> <div> <div n="1"> <pb facs="#f0305" corresp="http://brema.suub.uni-bremen.de/grenzboten/periodical/pageview/315944"/> <fw type="header" place="top"> Chantecler</fw><lb/> <p xml:id="ID_1785" prev="#ID_1784"> Specht gestört; man fühlt hierauch in Chantecler, wie in Rostand, zu viel Eitelkeit<lb/> im Idealismus, zu viel Selbstbespiegelung in der Aufopferung. Dagegen gehört<lb/> zu den glänzendsten Partien einer schwelgerischen Wort,- Vers- und Witzkunst die<lb/> große Verschwörung des Nachtgetiers wider den Unkundiger des Morgens — eine<lb/> unübersehbare Jagd von Onomatopöien, eine glänzende Ausbeutung von Namen,<lb/> wie des Uhus, der präsidiert, weil er Zranä eine beitzt —, eine Cyrano würdige<lb/> Witzparade, wie wenn jedes Tier den Grund seiner Abneigung gegen Chantecler<lb/> verrät, der Kapaun aber (Zrivoisene Mlloise!) nur trocken sagt: ,,^e n'aime pas<lb/> le ce>c>. . .« Aber auch hier spricht eben der Dichter, der seine Feinde haßt und,<lb/> gewiß nicht mit Unrecht, bei vielen niederste Motive ihrer Feindschaft vermutet.</p><lb/> <p xml:id="ID_1786"> So kommen wir immer zu demselben Ergebnis. Es ist ein literarisches<lb/> Drama, rein literarisch, zu literarisch. Wo der Dichter redet, wo er von seinen<lb/> Qualen und Ängsten, seinen Hoffnungen und Ambitionen, seiner Arbeit und seinem<lb/> Lohn spricht — da eben spricht ein wirklicher Dichter. Da haben wir Geständnisse<lb/> von ergreifender Kraft. Da leuchtet aus dem Dichter auch das Beste des Menschen<lb/> hervor: seine Vaterlandsliebe, seine Verehrung de.r Kunst, seine Tapferkeit. Aber<lb/> wo Chantecler allgemein Menschliches bringen soll, da bleibt er in der Virtuosität<lb/> stecken, die nur in der ersten wundervollen Schilderung des aufgehenden Tages<lb/> sich zu künstlerischer Höhe erhebt. Und die Abkonterfeiung des Naturalismus,<lb/> Exotismus, Subjektivismus in der zeitgenössischen Dichtung hat den gegen sie<lb/> kämpfenden Poeten zu tief in den Naturalismus, Exotismus. Subjektivismus<lb/> verstrickt. Mußten wir wie in einem Roman Zolas mitleidslos alle Varietäten<lb/> künstlich gezüchteter Hähne vorgeführt und beschrieben sehen? Mußte der Pfnu<lb/> die unmöglichsten Fremdwortbildungen schließlich auf deu Hahn vererben? Mußte<lb/> die individuelle Bekundung der eigenen Kunstfertigkeit bis zur Rücksichtslosigkeit<lb/> gegen die Gesetze des Dramas gehen, die doch Rostand wie einem bekannt sind?<lb/> bis zur Zerstörung der eigenen Kunst durch allzu viel Witz: zur Aufteilung der<lb/> großen Linie, die er selbst entwarf, durch allzu viel Kleinlichkeit?</p><lb/> <p xml:id="ID_1787"> Es ist das Werk eines Franzosen, der sich in deutsche Art hinübersteuert.<lb/> Dieser Urgallier stellt seine Begeisterung für die heimische Art, die dem Chau¬<lb/> vinismus nahekommt, seine unerreichte Vertrautheit mit allen Gaben seiner Sprache<lb/> und seiner Metrik in den Dienst^eines symbolischen Dramas, wie es in dieser<lb/> Art noch nicht auf der französischen Bühne existierte. Vom Thesenstück macht er<lb/> den Weg zum Problemdrama. Von Victor Hugo marschiert er auf Goethe zu.<lb/> Das ist nichts Kleines; und nichts Kleines ist das Geständnis Chanteclers vor der .<lb/> Nachtigall:</p><lb/> <quote> Vais-je pouvoir clianter? Anm chant of me parMre,<lb/> HelasI top rouZe et trop brutal!</quote><lb/> <p xml:id="ID_1788"> nichts Geringes das Geständnis dieses stolzen Kampfhahns:</p><lb/> <quote> (Zus nu> n's tout Ä Kik Is all-tut qu'it rsverait et'avoir.</quote><lb/> <p xml:id="ID_1789"> Man mag in dieser sechsten Szene des vierten Aktes, wo die Nachtigall und<lb/> der Chor der Kröten ein gemeinschaftliches Lied improvisieren, neben der kühnsten<lb/> Virtuosität auch etwas symbolische Selbstironie wittern. Aber dann erkenne man<lb/> auch an, daß Chantecler am Ende, gerettet, seine herrliche Hymne an die Sonne<lb/><note type="byline"> Richard ZU. Meyer-Berlin</note> von neuem singen Wird . . . </p><lb/> </div> </div> </body> </text> </TEI> [0305]
Chantecler
Specht gestört; man fühlt hierauch in Chantecler, wie in Rostand, zu viel Eitelkeit
im Idealismus, zu viel Selbstbespiegelung in der Aufopferung. Dagegen gehört
zu den glänzendsten Partien einer schwelgerischen Wort,- Vers- und Witzkunst die
große Verschwörung des Nachtgetiers wider den Unkundiger des Morgens — eine
unübersehbare Jagd von Onomatopöien, eine glänzende Ausbeutung von Namen,
wie des Uhus, der präsidiert, weil er Zranä eine beitzt —, eine Cyrano würdige
Witzparade, wie wenn jedes Tier den Grund seiner Abneigung gegen Chantecler
verrät, der Kapaun aber (Zrivoisene Mlloise!) nur trocken sagt: ,,^e n'aime pas
le ce>c>. . .« Aber auch hier spricht eben der Dichter, der seine Feinde haßt und,
gewiß nicht mit Unrecht, bei vielen niederste Motive ihrer Feindschaft vermutet.
So kommen wir immer zu demselben Ergebnis. Es ist ein literarisches
Drama, rein literarisch, zu literarisch. Wo der Dichter redet, wo er von seinen
Qualen und Ängsten, seinen Hoffnungen und Ambitionen, seiner Arbeit und seinem
Lohn spricht — da eben spricht ein wirklicher Dichter. Da haben wir Geständnisse
von ergreifender Kraft. Da leuchtet aus dem Dichter auch das Beste des Menschen
hervor: seine Vaterlandsliebe, seine Verehrung de.r Kunst, seine Tapferkeit. Aber
wo Chantecler allgemein Menschliches bringen soll, da bleibt er in der Virtuosität
stecken, die nur in der ersten wundervollen Schilderung des aufgehenden Tages
sich zu künstlerischer Höhe erhebt. Und die Abkonterfeiung des Naturalismus,
Exotismus, Subjektivismus in der zeitgenössischen Dichtung hat den gegen sie
kämpfenden Poeten zu tief in den Naturalismus, Exotismus. Subjektivismus
verstrickt. Mußten wir wie in einem Roman Zolas mitleidslos alle Varietäten
künstlich gezüchteter Hähne vorgeführt und beschrieben sehen? Mußte der Pfnu
die unmöglichsten Fremdwortbildungen schließlich auf deu Hahn vererben? Mußte
die individuelle Bekundung der eigenen Kunstfertigkeit bis zur Rücksichtslosigkeit
gegen die Gesetze des Dramas gehen, die doch Rostand wie einem bekannt sind?
bis zur Zerstörung der eigenen Kunst durch allzu viel Witz: zur Aufteilung der
großen Linie, die er selbst entwarf, durch allzu viel Kleinlichkeit?
Es ist das Werk eines Franzosen, der sich in deutsche Art hinübersteuert.
Dieser Urgallier stellt seine Begeisterung für die heimische Art, die dem Chau¬
vinismus nahekommt, seine unerreichte Vertrautheit mit allen Gaben seiner Sprache
und seiner Metrik in den Dienst^eines symbolischen Dramas, wie es in dieser
Art noch nicht auf der französischen Bühne existierte. Vom Thesenstück macht er
den Weg zum Problemdrama. Von Victor Hugo marschiert er auf Goethe zu.
Das ist nichts Kleines; und nichts Kleines ist das Geständnis Chanteclers vor der .
Nachtigall:
Vais-je pouvoir clianter? Anm chant of me parMre,
HelasI top rouZe et trop brutal!
nichts Geringes das Geständnis dieses stolzen Kampfhahns:
(Zus nu> n's tout Ä Kik Is all-tut qu'it rsverait et'avoir.
Man mag in dieser sechsten Szene des vierten Aktes, wo die Nachtigall und
der Chor der Kröten ein gemeinschaftliches Lied improvisieren, neben der kühnsten
Virtuosität auch etwas symbolische Selbstironie wittern. Aber dann erkenne man
auch an, daß Chantecler am Ende, gerettet, seine herrliche Hymne an die Sonne
Richard ZU. Meyer-Berlin von neuem singen Wird . . .
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