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Die Grenzboten. Jg. 64, 1905, Erstes Vierteljahr.

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Minnesangs Frühling in Frankreich

Kampf gegen den Vater entflammte, und der schließlich nach einem reich¬
bewegter Leben sein Eisenkleid gegen die Mönchskutte vertauschte.

Ich kann hier nicht auf die Wechselfälle seines Lebens eingehn, die, von
der Sage lieblich umwoben, dichterisch oft verwertet worden sind; nur eines
seiner Lieder mag den kennzeichnen, den Dante den vorzüglichsten in grmis,
"in den Waffen, im Kampfe" genannt hat.

Mich freut des süßen Lenzes Flor,
Wenn Blatt und Blüte neu entspringt,
Mich freuts, hör ich den muntern Chor
Der Vöglein, deren Lied verjüngt
Erschallet in den Wäldern;
Mich freut es, seh ich weit und breit
Gezelt und Hütten angereiht;
Mich freuts, wenn auf den Feldern
Schon Mann und Roß zum nahen Streit
Gewappnet stehen und bereit.
Nicht solche Wonne flößt mir ein
Schlaf, Speis und Trank, als wenn es schallt
Von beiden Seiten: Drauf hinein!
Und leerer Pferde Wiehern hallt
Laut aus des Waldes Schatten,
Und Hilferuf die Freunde weckt,
Und groß und klein schon dicht bedeckt
Des Grabens grüne Matten
Und mancher liegt dahingestreckt,
Dem noch der Schaft im Busen steckt. (Diez)

Auf andre Minnesinger einzugehn, verbietet die Fassung des Themas.
Die Zahl der Troubadours wird Legion. Der alte Charakter des Minne¬
sanges schwindet dahin. Man gibt die Einfachheit der Form, die Wahrheit
im Inhalt, das alte Erbteil der ursprünglichen Volkspoesie auf und gefällt
sich nur zu gern in gekünstelter Vers- und Strophenmaßen. Die Frauen¬
verehrung, die immer noch im Mittelpunkte steht, erhält gar bald die frostige,
konventionelle Färbung, die der Frühlingszeit des Minnesanges fremd war.

Auf dem Boden des heimischen Volksliedes in Poitou und Limousin
erwachsen, hatte die lyrische Dichtung, von den fahrenden Spielleuten weiter
getragen, im Süden Frankreichs schnell Gunst und Ansehen erlangt. In
eigentümlicher, höfischer Weise von den Rittern gepflegt und ausgebildet, sollte
die provenzalische Minnedichtung bald den Norden Frankreichs, Italien,
Spanien und Portugal und vom Rhein und Friaul her Deutschland mächtig
beeinflussen: Länder, wo sich bis dahin nur spärliche Neste der aus dem alten
Volksliede hervorgegangnen Liebeslyrik nachweisen ließen. Eine Fülle von
neuen Motiven und neuen Formen, ja ganze neue Liedergattungen wurden
so der gebildeten Welt dank Frankreich übermittelt.


Minnesangs Frühling in Frankreich

Kampf gegen den Vater entflammte, und der schließlich nach einem reich¬
bewegter Leben sein Eisenkleid gegen die Mönchskutte vertauschte.

Ich kann hier nicht auf die Wechselfälle seines Lebens eingehn, die, von
der Sage lieblich umwoben, dichterisch oft verwertet worden sind; nur eines
seiner Lieder mag den kennzeichnen, den Dante den vorzüglichsten in grmis,
„in den Waffen, im Kampfe" genannt hat.

Mich freut des süßen Lenzes Flor,
Wenn Blatt und Blüte neu entspringt,
Mich freuts, hör ich den muntern Chor
Der Vöglein, deren Lied verjüngt
Erschallet in den Wäldern;
Mich freut es, seh ich weit und breit
Gezelt und Hütten angereiht;
Mich freuts, wenn auf den Feldern
Schon Mann und Roß zum nahen Streit
Gewappnet stehen und bereit.
Nicht solche Wonne flößt mir ein
Schlaf, Speis und Trank, als wenn es schallt
Von beiden Seiten: Drauf hinein!
Und leerer Pferde Wiehern hallt
Laut aus des Waldes Schatten,
Und Hilferuf die Freunde weckt,
Und groß und klein schon dicht bedeckt
Des Grabens grüne Matten
Und mancher liegt dahingestreckt,
Dem noch der Schaft im Busen steckt. (Diez)

Auf andre Minnesinger einzugehn, verbietet die Fassung des Themas.
Die Zahl der Troubadours wird Legion. Der alte Charakter des Minne¬
sanges schwindet dahin. Man gibt die Einfachheit der Form, die Wahrheit
im Inhalt, das alte Erbteil der ursprünglichen Volkspoesie auf und gefällt
sich nur zu gern in gekünstelter Vers- und Strophenmaßen. Die Frauen¬
verehrung, die immer noch im Mittelpunkte steht, erhält gar bald die frostige,
konventionelle Färbung, die der Frühlingszeit des Minnesanges fremd war.

Auf dem Boden des heimischen Volksliedes in Poitou und Limousin
erwachsen, hatte die lyrische Dichtung, von den fahrenden Spielleuten weiter
getragen, im Süden Frankreichs schnell Gunst und Ansehen erlangt. In
eigentümlicher, höfischer Weise von den Rittern gepflegt und ausgebildet, sollte
die provenzalische Minnedichtung bald den Norden Frankreichs, Italien,
Spanien und Portugal und vom Rhein und Friaul her Deutschland mächtig
beeinflussen: Länder, wo sich bis dahin nur spärliche Neste der aus dem alten
Volksliede hervorgegangnen Liebeslyrik nachweisen ließen. Eine Fülle von
neuen Motiven und neuen Formen, ja ganze neue Liedergattungen wurden
so der gebildeten Welt dank Frankreich übermittelt.


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[0217] Minnesangs Frühling in Frankreich Kampf gegen den Vater entflammte, und der schließlich nach einem reich¬ bewegter Leben sein Eisenkleid gegen die Mönchskutte vertauschte. Ich kann hier nicht auf die Wechselfälle seines Lebens eingehn, die, von der Sage lieblich umwoben, dichterisch oft verwertet worden sind; nur eines seiner Lieder mag den kennzeichnen, den Dante den vorzüglichsten in grmis, „in den Waffen, im Kampfe" genannt hat. Mich freut des süßen Lenzes Flor, Wenn Blatt und Blüte neu entspringt, Mich freuts, hör ich den muntern Chor Der Vöglein, deren Lied verjüngt Erschallet in den Wäldern; Mich freut es, seh ich weit und breit Gezelt und Hütten angereiht; Mich freuts, wenn auf den Feldern Schon Mann und Roß zum nahen Streit Gewappnet stehen und bereit. Nicht solche Wonne flößt mir ein Schlaf, Speis und Trank, als wenn es schallt Von beiden Seiten: Drauf hinein! Und leerer Pferde Wiehern hallt Laut aus des Waldes Schatten, Und Hilferuf die Freunde weckt, Und groß und klein schon dicht bedeckt Des Grabens grüne Matten Und mancher liegt dahingestreckt, Dem noch der Schaft im Busen steckt. (Diez) Auf andre Minnesinger einzugehn, verbietet die Fassung des Themas. Die Zahl der Troubadours wird Legion. Der alte Charakter des Minne¬ sanges schwindet dahin. Man gibt die Einfachheit der Form, die Wahrheit im Inhalt, das alte Erbteil der ursprünglichen Volkspoesie auf und gefällt sich nur zu gern in gekünstelter Vers- und Strophenmaßen. Die Frauen¬ verehrung, die immer noch im Mittelpunkte steht, erhält gar bald die frostige, konventionelle Färbung, die der Frühlingszeit des Minnesanges fremd war. Auf dem Boden des heimischen Volksliedes in Poitou und Limousin erwachsen, hatte die lyrische Dichtung, von den fahrenden Spielleuten weiter getragen, im Süden Frankreichs schnell Gunst und Ansehen erlangt. In eigentümlicher, höfischer Weise von den Rittern gepflegt und ausgebildet, sollte die provenzalische Minnedichtung bald den Norden Frankreichs, Italien, Spanien und Portugal und vom Rhein und Friaul her Deutschland mächtig beeinflussen: Länder, wo sich bis dahin nur spärliche Neste der aus dem alten Volksliede hervorgegangnen Liebeslyrik nachweisen ließen. Eine Fülle von neuen Motiven und neuen Formen, ja ganze neue Liedergattungen wurden so der gebildeten Welt dank Frankreich übermittelt.

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 64, 1905, Erstes Vierteljahr, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341881_87477/217>, abgerufen am 23.07.2024.