Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Die Grenzboten. Jg. 58, 1899, Zweites Vierteljahr.

Bild:
<< vorherige Seite
Über griechische und römische verfluchungstafeln

Gräber hinein, wo auch die meisten gefunden worden sind; die Persönlichkeit
des dort Bestatteten war dabei gleichgiltig. Sie wurden einfach auf den Voden
niedergelegt oder an die Wand der Grabkammer, in die sich die Thäter natürlich
insgeheim einschleichen mußten, angenagelt. Bevorzugt wurden dabei die Grüber
von solchen Toten, die entweder eines frühzeitigen oder eines gewaltsamen
Todes verstorben waren; der Grund hiervon ist wohl der, daß man glaubte,
die Seelen solcher Toten hielten sich gern in der Nähe des Grabmals auf;
da sie aber doch auch in der Geisterwelt verkehrten, so waren sie am besten
in der Lage, die Tafeln zu lesen und den darin enthaltnen Auftrag den Unter¬
irdischen auszurichten. Hier und da, aber seltner, warf man die Tüfelchen
auch ins Wasser, in Flüsse oder ins Meer; von dort nahmen sie dann die
Seelen der Ertrnnknen zur Unterwelt mit.

Was sodann den Inhalt der Täfelchen anlangt, so ist zunächst die Haupt¬
sache, daß die Gottheit den Namen des Verfluchten erfährt. Dieser muß daher
genannt werden, und vielfach genügt das schon ganz allein; wir haben Tafeln,
auf denen gar nichts weiter als der Name steht, ohne jedes weitere Wort,
oder eine ganze Reihe von Namen, zu denen dann bisweilen noch Stand oder
Herkunft hinzugefügt wird. Aber- meist wird doch die Verwünschung durch
ein Verbum bezeichnet: "binden, festbinden, übergeben" u. dergl. sind die ge¬
wöhnlichen Ausdrücke dafür. Auch wird man in der Regel ausführlicher: man
verflucht nicht bloß allgemein den Betreffenden mit Namen, sondern ausdrücklich
sein Leben, seine Seele. Zwar will man keineswegs immer seinen Tod; man
will oft den Feind uur unschädlich machen, und so "bindet" (bannt) man ihm
Sinn, Verstand, Geist, Gedächtnis, oder einzelne Körperteile, ganz besonders
die Zunge, man verflucht seine Worte und Handlungen, "was er spricht und
beschließt"; oder es heißt ausdrücklich: "das Böse, das er im Sinn hat, soll
ihm fehlschlagen." Darum werden besonders Hände und Füße verflucht; aber
man geht noch viel mehr ins einzelne. So heißt es auf einer Tafel: "O Herr
Hermes, du Gewaltiger, binde den Phrynichvs und seine Glieder, Füße, Hände,
Sinn, Scham. Steiß, Kopf, Bauch"; und auf derselben Tafel in betreff andrer
Verflachten werden die Herzthätigkeit, Zunge, Augen usw. gebannt. Selbst¬
verständlich spielen auch Liebesiutriguen hierbei eine Rolle, so richtet sich z. B.
eine Verwünschung dahin, daß weder Frau noch Mädchen den Betreffenden
heiraten soll; gelegentlich werden mit andern Angehörigen auch die Buhlerinnen
des Verfluchten genannt. Sonst erstreckt sich der Fluch vom Körper des
Feindes weiter auf seinen Besitz und Beruf: Werkzeug, Handel, Geschäft.
Stand, Geld, Besitz überhaupt werden besonders erwähnt und verwünscht.
Teil am Fluche haben auch die Verwandten des Betreffenden, die manchmal
nur allgemein genannt sind als seine Familie, seine Freunde, mitunter aber
auch einzeln angeführt werden: Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Solen,
Tochter. Ganz besonders aber gilt der Fluch deuen, die den Gegner beschützen,


Über griechische und römische verfluchungstafeln

Gräber hinein, wo auch die meisten gefunden worden sind; die Persönlichkeit
des dort Bestatteten war dabei gleichgiltig. Sie wurden einfach auf den Voden
niedergelegt oder an die Wand der Grabkammer, in die sich die Thäter natürlich
insgeheim einschleichen mußten, angenagelt. Bevorzugt wurden dabei die Grüber
von solchen Toten, die entweder eines frühzeitigen oder eines gewaltsamen
Todes verstorben waren; der Grund hiervon ist wohl der, daß man glaubte,
die Seelen solcher Toten hielten sich gern in der Nähe des Grabmals auf;
da sie aber doch auch in der Geisterwelt verkehrten, so waren sie am besten
in der Lage, die Tafeln zu lesen und den darin enthaltnen Auftrag den Unter¬
irdischen auszurichten. Hier und da, aber seltner, warf man die Tüfelchen
auch ins Wasser, in Flüsse oder ins Meer; von dort nahmen sie dann die
Seelen der Ertrnnknen zur Unterwelt mit.

Was sodann den Inhalt der Täfelchen anlangt, so ist zunächst die Haupt¬
sache, daß die Gottheit den Namen des Verfluchten erfährt. Dieser muß daher
genannt werden, und vielfach genügt das schon ganz allein; wir haben Tafeln,
auf denen gar nichts weiter als der Name steht, ohne jedes weitere Wort,
oder eine ganze Reihe von Namen, zu denen dann bisweilen noch Stand oder
Herkunft hinzugefügt wird. Aber- meist wird doch die Verwünschung durch
ein Verbum bezeichnet: „binden, festbinden, übergeben" u. dergl. sind die ge¬
wöhnlichen Ausdrücke dafür. Auch wird man in der Regel ausführlicher: man
verflucht nicht bloß allgemein den Betreffenden mit Namen, sondern ausdrücklich
sein Leben, seine Seele. Zwar will man keineswegs immer seinen Tod; man
will oft den Feind uur unschädlich machen, und so „bindet" (bannt) man ihm
Sinn, Verstand, Geist, Gedächtnis, oder einzelne Körperteile, ganz besonders
die Zunge, man verflucht seine Worte und Handlungen, „was er spricht und
beschließt"; oder es heißt ausdrücklich: „das Böse, das er im Sinn hat, soll
ihm fehlschlagen." Darum werden besonders Hände und Füße verflucht; aber
man geht noch viel mehr ins einzelne. So heißt es auf einer Tafel: „O Herr
Hermes, du Gewaltiger, binde den Phrynichvs und seine Glieder, Füße, Hände,
Sinn, Scham. Steiß, Kopf, Bauch"; und auf derselben Tafel in betreff andrer
Verflachten werden die Herzthätigkeit, Zunge, Augen usw. gebannt. Selbst¬
verständlich spielen auch Liebesiutriguen hierbei eine Rolle, so richtet sich z. B.
eine Verwünschung dahin, daß weder Frau noch Mädchen den Betreffenden
heiraten soll; gelegentlich werden mit andern Angehörigen auch die Buhlerinnen
des Verfluchten genannt. Sonst erstreckt sich der Fluch vom Körper des
Feindes weiter auf seinen Besitz und Beruf: Werkzeug, Handel, Geschäft.
Stand, Geld, Besitz überhaupt werden besonders erwähnt und verwünscht.
Teil am Fluche haben auch die Verwandten des Betreffenden, die manchmal
nur allgemein genannt sind als seine Familie, seine Freunde, mitunter aber
auch einzeln angeführt werden: Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Solen,
Tochter. Ganz besonders aber gilt der Fluch deuen, die den Gegner beschützen,


<TEI>
  <text>
    <body>
      <div>
        <div n="1">
          <pb facs="#f0491" corresp="http://brema.suub.uni-bremen.de/grenzboten/periodical/pageview/230923"/>
          <fw type="header" place="top"> Über griechische und römische verfluchungstafeln</fw><lb/>
          <p xml:id="ID_1649" prev="#ID_1648"> Gräber hinein, wo auch die meisten gefunden worden sind; die Persönlichkeit<lb/>
des dort Bestatteten war dabei gleichgiltig. Sie wurden einfach auf den Voden<lb/>
niedergelegt oder an die Wand der Grabkammer, in die sich die Thäter natürlich<lb/>
insgeheim einschleichen mußten, angenagelt. Bevorzugt wurden dabei die Grüber<lb/>
von solchen Toten, die entweder eines frühzeitigen oder eines gewaltsamen<lb/>
Todes verstorben waren; der Grund hiervon ist wohl der, daß man glaubte,<lb/>
die Seelen solcher Toten hielten sich gern in der Nähe des Grabmals auf;<lb/>
da sie aber doch auch in der Geisterwelt verkehrten, so waren sie am besten<lb/>
in der Lage, die Tafeln zu lesen und den darin enthaltnen Auftrag den Unter¬<lb/>
irdischen auszurichten. Hier und da, aber seltner, warf man die Tüfelchen<lb/>
auch ins Wasser, in Flüsse oder ins Meer; von dort nahmen sie dann die<lb/>
Seelen der Ertrnnknen zur Unterwelt mit.</p><lb/>
          <p xml:id="ID_1650" next="#ID_1651"> Was sodann den Inhalt der Täfelchen anlangt, so ist zunächst die Haupt¬<lb/>
sache, daß die Gottheit den Namen des Verfluchten erfährt. Dieser muß daher<lb/>
genannt werden, und vielfach genügt das schon ganz allein; wir haben Tafeln,<lb/>
auf denen gar nichts weiter als der Name steht, ohne jedes weitere Wort,<lb/>
oder eine ganze Reihe von Namen, zu denen dann bisweilen noch Stand oder<lb/>
Herkunft hinzugefügt wird. Aber- meist wird doch die Verwünschung durch<lb/>
ein Verbum bezeichnet: &#x201E;binden, festbinden, übergeben" u. dergl. sind die ge¬<lb/>
wöhnlichen Ausdrücke dafür. Auch wird man in der Regel ausführlicher: man<lb/>
verflucht nicht bloß allgemein den Betreffenden mit Namen, sondern ausdrücklich<lb/>
sein Leben, seine Seele. Zwar will man keineswegs immer seinen Tod; man<lb/>
will oft den Feind uur unschädlich machen, und so &#x201E;bindet" (bannt) man ihm<lb/>
Sinn, Verstand, Geist, Gedächtnis, oder einzelne Körperteile, ganz besonders<lb/>
die Zunge, man verflucht seine Worte und Handlungen, &#x201E;was er spricht und<lb/>
beschließt"; oder es heißt ausdrücklich: &#x201E;das Böse, das er im Sinn hat, soll<lb/>
ihm fehlschlagen." Darum werden besonders Hände und Füße verflucht; aber<lb/>
man geht noch viel mehr ins einzelne. So heißt es auf einer Tafel: &#x201E;O Herr<lb/>
Hermes, du Gewaltiger, binde den Phrynichvs und seine Glieder, Füße, Hände,<lb/>
Sinn, Scham. Steiß, Kopf, Bauch"; und auf derselben Tafel in betreff andrer<lb/>
Verflachten werden die Herzthätigkeit, Zunge, Augen usw. gebannt. Selbst¬<lb/>
verständlich spielen auch Liebesiutriguen hierbei eine Rolle, so richtet sich z. B.<lb/>
eine Verwünschung dahin, daß weder Frau noch Mädchen den Betreffenden<lb/>
heiraten soll; gelegentlich werden mit andern Angehörigen auch die Buhlerinnen<lb/>
des Verfluchten genannt. Sonst erstreckt sich der Fluch vom Körper des<lb/>
Feindes weiter auf seinen Besitz und Beruf: Werkzeug, Handel, Geschäft.<lb/>
Stand, Geld, Besitz überhaupt werden besonders erwähnt und verwünscht.<lb/>
Teil am Fluche haben auch die Verwandten des Betreffenden, die manchmal<lb/>
nur allgemein genannt sind als seine Familie, seine Freunde, mitunter aber<lb/>
auch einzeln angeführt werden: Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Solen,<lb/>
Tochter. Ganz besonders aber gilt der Fluch deuen, die den Gegner beschützen,</p><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0491] Über griechische und römische verfluchungstafeln Gräber hinein, wo auch die meisten gefunden worden sind; die Persönlichkeit des dort Bestatteten war dabei gleichgiltig. Sie wurden einfach auf den Voden niedergelegt oder an die Wand der Grabkammer, in die sich die Thäter natürlich insgeheim einschleichen mußten, angenagelt. Bevorzugt wurden dabei die Grüber von solchen Toten, die entweder eines frühzeitigen oder eines gewaltsamen Todes verstorben waren; der Grund hiervon ist wohl der, daß man glaubte, die Seelen solcher Toten hielten sich gern in der Nähe des Grabmals auf; da sie aber doch auch in der Geisterwelt verkehrten, so waren sie am besten in der Lage, die Tafeln zu lesen und den darin enthaltnen Auftrag den Unter¬ irdischen auszurichten. Hier und da, aber seltner, warf man die Tüfelchen auch ins Wasser, in Flüsse oder ins Meer; von dort nahmen sie dann die Seelen der Ertrnnknen zur Unterwelt mit. Was sodann den Inhalt der Täfelchen anlangt, so ist zunächst die Haupt¬ sache, daß die Gottheit den Namen des Verfluchten erfährt. Dieser muß daher genannt werden, und vielfach genügt das schon ganz allein; wir haben Tafeln, auf denen gar nichts weiter als der Name steht, ohne jedes weitere Wort, oder eine ganze Reihe von Namen, zu denen dann bisweilen noch Stand oder Herkunft hinzugefügt wird. Aber- meist wird doch die Verwünschung durch ein Verbum bezeichnet: „binden, festbinden, übergeben" u. dergl. sind die ge¬ wöhnlichen Ausdrücke dafür. Auch wird man in der Regel ausführlicher: man verflucht nicht bloß allgemein den Betreffenden mit Namen, sondern ausdrücklich sein Leben, seine Seele. Zwar will man keineswegs immer seinen Tod; man will oft den Feind uur unschädlich machen, und so „bindet" (bannt) man ihm Sinn, Verstand, Geist, Gedächtnis, oder einzelne Körperteile, ganz besonders die Zunge, man verflucht seine Worte und Handlungen, „was er spricht und beschließt"; oder es heißt ausdrücklich: „das Böse, das er im Sinn hat, soll ihm fehlschlagen." Darum werden besonders Hände und Füße verflucht; aber man geht noch viel mehr ins einzelne. So heißt es auf einer Tafel: „O Herr Hermes, du Gewaltiger, binde den Phrynichvs und seine Glieder, Füße, Hände, Sinn, Scham. Steiß, Kopf, Bauch"; und auf derselben Tafel in betreff andrer Verflachten werden die Herzthätigkeit, Zunge, Augen usw. gebannt. Selbst¬ verständlich spielen auch Liebesiutriguen hierbei eine Rolle, so richtet sich z. B. eine Verwünschung dahin, daß weder Frau noch Mädchen den Betreffenden heiraten soll; gelegentlich werden mit andern Angehörigen auch die Buhlerinnen des Verfluchten genannt. Sonst erstreckt sich der Fluch vom Körper des Feindes weiter auf seinen Besitz und Beruf: Werkzeug, Handel, Geschäft. Stand, Geld, Besitz überhaupt werden besonders erwähnt und verwünscht. Teil am Fluche haben auch die Verwandten des Betreffenden, die manchmal nur allgemein genannt sind als seine Familie, seine Freunde, mitunter aber auch einzeln angeführt werden: Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Solen, Tochter. Ganz besonders aber gilt der Fluch deuen, die den Gegner beschützen,

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Staats- und Universitätsbibliothek (SuUB) Bremen: Bereitstellung der Texttranskription.
Kay-Michael Würzner: Bearbeitung der digitalen Edition.

Weitere Informationen:

Verfahren der Texterfassung: OCR mit Nachkorrektur.

Bogensignaturen: gekennzeichnet;Druckfehler: ignoriert;fremdsprachliches Material: nicht gekennzeichnet;Geminations-/Abkürzungsstriche: wie Vorlage;Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): nicht ausgezeichnet;i/j in Fraktur: wie Vorlage;I/J in Fraktur: wie Vorlage;Kolumnentitel: gekennzeichnet;Kustoden: gekennzeichnet;langes s (ſ): als s transkribiert;Normalisierungen: stillschweigend;rundes r (&#xa75b;): als r/et transkribiert;Seitenumbrüche markiert: ja;Silbentrennung: wie Vorlage;u/v bzw. U/V: wie Vorlage;Vokale mit übergest. e: als ä/ö/ü transkribiert;Vollständigkeit: vollständig erfasst;Zeichensetzung: wie Vorlage;Zeilenumbrüche markiert: ja;

Nachkorrektur erfolgte automatisch.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341869_230431
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341869_230431/491
Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 58, 1899, Zweites Vierteljahr, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341869_230431/491>, abgerufen am 28.09.2024.