Die Grenzboten. Jg. 57, 1898, Drittes Vierteljahr.Die Gedichte Michelangelos sehen mußte, und zudem die Arbeit für das Grabmal Julius II., die "Tra¬ Er hat solche Stimmungen überwunden. Die Arbeit selbst hielt ihn auf¬ Die Gedichte Michelangelos sehen mußte, und zudem die Arbeit für das Grabmal Julius II., die „Tra¬ Er hat solche Stimmungen überwunden. Die Arbeit selbst hielt ihn auf¬ <TEI> <text> <body> <div> <div n="1"> <div n="2"> <pb facs="#f0464" corresp="http://brema.suub.uni-bremen.de/grenzboten/periodical/pageview/228766"/> <fw type="header" place="top"> Die Gedichte Michelangelos</fw><lb/> <p xml:id="ID_1595" prev="#ID_1594"> sehen mußte, und zudem die Arbeit für das Grabmal Julius II., die „Tra¬<lb/> gödie seines Lebens," zu keinem Abschluß kommen wollte. Michelangelo hielt<lb/> sich, nachdem das Schicksal seiner Vaterstadt besiegelt war, wo die Sieger<lb/> grausam schälkelen, in gänzlicher Zurückgezogenheit. Von tiefer Verstimmung<lb/> erfaßt, stürzte er sich rastlos von einer Arbeit in die andre; seine Freunde<lb/> klagten, daß er zu viel arbeite, zu schlecht esse, zu wenig schlafe, daß er ganz<lb/> abgemagert sei, an Schwindel leide, daß er bald sterben müsse, wenn nicht<lb/> Hilfe geschafft werde. Damals mag er Stunden gehabt haben, wo ihm Ge¬<lb/> danken an ein freiwilliges Lebensende kamen, wie sie in einem Fragment<lb/> (XXXVIII) ausgedrückt sind.</p><lb/> <p xml:id="ID_1596" next="#ID_1597"> Er hat solche Stimmungen überwunden. Die Arbeit selbst hielt ihn auf¬<lb/> recht, das Bewußtsein seines Künstlerberufs, die unbezwingliche Leidenschaft für<lb/> das Schöne, die ihn nie so mächtig ergriffen hatte, wie in diesen drangvollen<lb/> politischen Jahren. Er baute sich im Innern eine Welt auf: die Reaktion<lb/> seines Künstlerberufs gegen die Unbilden der äußern Welt. Und er machte<lb/> die Muse zur Vertrauten der Wonnen und der Leiden, die ihm die Sehnsucht<lb/> nach der ewigen Schönheit schuf. Es ist doch wohl kein Zufall, daß ungefähr<lb/> vom Jahre 1530 an eine Änderung des Stils in seinen Gedichten zu bemerken<lb/> ist (vgl. XXXI und ff.), eine erhöhte Sprache und erhöhte Gedanken. Liebes¬<lb/> gedichte sind es, wie bisher, aber wir nehmen in ihnen eine Steigerung im<lb/> Ausdruck der Empfindungen wahr. Er geht damit noch nicht aus dem Ge¬<lb/> dankenkreise seiner Vorgänger heraus, es sind petrarkische Wendungen, deren<lb/> er sich bedient, dennoch kündigt sich selbst in so empfindungsvollen Ge¬<lb/> dichten wie XXXI ein neues Motiv an: die Liebesglut, die ihn erfaßt, was<lb/> ist sie, woher stammt sie, was ist das Geheimnis ihrer Macht? Das Ergriffen-<lb/> sein vom Schönen treibt ihn dazu, über das Wesen der Schönheit und ihre<lb/> Wirkungen nachzusinnen. Die Gedankenreihen, die sich daran schließen, nehmen<lb/> ihn ganz gefangen, in den Gedichten dieser Art liegt seine Eigentümlichkeit.<lb/> Der Dichter war jetzt fünfundfünfzig Jahre alt. Eine für diese Jahre merk¬<lb/> würdige Glut strömt noch durch seine Verse, aber sie ist mit einem verstandes¬<lb/> müßigen Element verbunden. Der Reiz jugendlich frischer Empfindung fehlt,<lb/> dafür beginnen wir jetzt deutlicher in die Werkstütte seiner Gedanken zu<lb/> schauen. Das innere Leben seiner frühern Jahre ist uns verschleiert, von jetzt<lb/> an mehren sich die zuverlässigen Zeugnisse wie für sein äußeres, so für sein<lb/> inneres Leben. Er ist im Begriff, seine Vaterstadt zu verlassen und seine<lb/> Wohnung in Rom zu nehmen, wo er Freunde hat, wo er als unbestrittnes<lb/> Haupt der Künstlerschaft verehrt und als die erste Berühmtheit Roms, ja<lb/> ganz Italiens im vollen Lichte der Öffentlichkeit steht. Bisher ist uns nichts<lb/> von den persönlichen Beziehungen bekannt, durch die seine erotischen Gedichte<lb/> veranlaßt waren. Kein Name ist überliefert. Keine biographische Notiz, keine<lb/> Andeutung in Briefen kommt unsrer Neugierde zu Hilfe — wir wissen nicht,<lb/> wer die angebeteten Schönen waren; ja nur sehr wenige der Gedichte sind</p><lb/> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [0464]
Die Gedichte Michelangelos
sehen mußte, und zudem die Arbeit für das Grabmal Julius II., die „Tra¬
gödie seines Lebens," zu keinem Abschluß kommen wollte. Michelangelo hielt
sich, nachdem das Schicksal seiner Vaterstadt besiegelt war, wo die Sieger
grausam schälkelen, in gänzlicher Zurückgezogenheit. Von tiefer Verstimmung
erfaßt, stürzte er sich rastlos von einer Arbeit in die andre; seine Freunde
klagten, daß er zu viel arbeite, zu schlecht esse, zu wenig schlafe, daß er ganz
abgemagert sei, an Schwindel leide, daß er bald sterben müsse, wenn nicht
Hilfe geschafft werde. Damals mag er Stunden gehabt haben, wo ihm Ge¬
danken an ein freiwilliges Lebensende kamen, wie sie in einem Fragment
(XXXVIII) ausgedrückt sind.
Er hat solche Stimmungen überwunden. Die Arbeit selbst hielt ihn auf¬
recht, das Bewußtsein seines Künstlerberufs, die unbezwingliche Leidenschaft für
das Schöne, die ihn nie so mächtig ergriffen hatte, wie in diesen drangvollen
politischen Jahren. Er baute sich im Innern eine Welt auf: die Reaktion
seines Künstlerberufs gegen die Unbilden der äußern Welt. Und er machte
die Muse zur Vertrauten der Wonnen und der Leiden, die ihm die Sehnsucht
nach der ewigen Schönheit schuf. Es ist doch wohl kein Zufall, daß ungefähr
vom Jahre 1530 an eine Änderung des Stils in seinen Gedichten zu bemerken
ist (vgl. XXXI und ff.), eine erhöhte Sprache und erhöhte Gedanken. Liebes¬
gedichte sind es, wie bisher, aber wir nehmen in ihnen eine Steigerung im
Ausdruck der Empfindungen wahr. Er geht damit noch nicht aus dem Ge¬
dankenkreise seiner Vorgänger heraus, es sind petrarkische Wendungen, deren
er sich bedient, dennoch kündigt sich selbst in so empfindungsvollen Ge¬
dichten wie XXXI ein neues Motiv an: die Liebesglut, die ihn erfaßt, was
ist sie, woher stammt sie, was ist das Geheimnis ihrer Macht? Das Ergriffen-
sein vom Schönen treibt ihn dazu, über das Wesen der Schönheit und ihre
Wirkungen nachzusinnen. Die Gedankenreihen, die sich daran schließen, nehmen
ihn ganz gefangen, in den Gedichten dieser Art liegt seine Eigentümlichkeit.
Der Dichter war jetzt fünfundfünfzig Jahre alt. Eine für diese Jahre merk¬
würdige Glut strömt noch durch seine Verse, aber sie ist mit einem verstandes¬
müßigen Element verbunden. Der Reiz jugendlich frischer Empfindung fehlt,
dafür beginnen wir jetzt deutlicher in die Werkstütte seiner Gedanken zu
schauen. Das innere Leben seiner frühern Jahre ist uns verschleiert, von jetzt
an mehren sich die zuverlässigen Zeugnisse wie für sein äußeres, so für sein
inneres Leben. Er ist im Begriff, seine Vaterstadt zu verlassen und seine
Wohnung in Rom zu nehmen, wo er Freunde hat, wo er als unbestrittnes
Haupt der Künstlerschaft verehrt und als die erste Berühmtheit Roms, ja
ganz Italiens im vollen Lichte der Öffentlichkeit steht. Bisher ist uns nichts
von den persönlichen Beziehungen bekannt, durch die seine erotischen Gedichte
veranlaßt waren. Kein Name ist überliefert. Keine biographische Notiz, keine
Andeutung in Briefen kommt unsrer Neugierde zu Hilfe — wir wissen nicht,
wer die angebeteten Schönen waren; ja nur sehr wenige der Gedichte sind
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