Die Grenzboten. Jg. 57, 1898, Zweites Vierteljahr.Jahre 1376 trat er in den großen Debattirklub zu Westminster als Abgeord¬ Bisher hatten sich die Radikalen bescheiden im Hintergrunde gehalten, Wie wertvoll der Verband als Wahlmaschine war, zeigte sich bei den Jahre 1376 trat er in den großen Debattirklub zu Westminster als Abgeord¬ Bisher hatten sich die Radikalen bescheiden im Hintergrunde gehalten, Wie wertvoll der Verband als Wahlmaschine war, zeigte sich bei den <TEI> <text> <body> <div> <div n="1"> <pb facs="#f0165" corresp="http://brema.suub.uni-bremen.de/grenzboten/periodical/pageview/227801"/> <p xml:id="ID_437" prev="#ID_436"> Jahre 1376 trat er in den großen Debattirklub zu Westminster als Abgeord¬<lb/> neter für Birmingham und Mitglied des radikalen Flügels der liberalen Partei,<lb/> die damals Ihrer Majestät allergetreuste Opposition war. In allen Parla¬<lb/> menten spielt die Mehrzahl der Abgeordneten nnr die Rolle eines Opernchors.<lb/> Sie sind dazu gewählt, auf Befehl der Führer einzuschwenken wie die Rekruten.<lb/> Je weniger Parteien, umso geringer die individuelle Bedeutung des Abgeord¬<lb/> neten, wenn er es nicht versteht, sich innerhalb der Partei zur Geltung zu<lb/> bringen. Im britischen Unterhause, das 670 Mitglieder zählt und erst seit<lb/> ungefähr fünfundzwanzig Jahren zu seinen beiden alten Parteien eine dritte,<lb/> die irische hat, ist die Mannszucht immer scharf gehandhabt worden, und die<lb/> Einpeitscher, wie die Herren geschmackvoll benannt werden, spielen eine wichtige<lb/> Rolle. Chamberlain war jedoch keineswegs gesonnen, im Hanse der Gemeinen<lb/> nur als Gemeiner zu dienen. Sein Ehrgeiz trieb ihn in die Höhe und stachelte<lb/> ihn an, andern seinen Willen aufzuzwingen. Freilich leicht und ohne Gefahr<lb/> ist solch ein Ziel nicht zu gewinnen. Lord Randolph Churchill kam bei seinein<lb/> Versuche, Salisbury zu meistern, zu Fall. Chnmberlain wollte, wagte und<lb/> gewann.</p><lb/> <p xml:id="ID_438"> Bisher hatten sich die Radikalen bescheiden im Hintergrunde gehalten,<lb/> waren zufrieden gewesen mit den Brocken, die ihnen die liberale Partei zu¬<lb/> kommen ließ. Das wurde mit Chamberlains Eintritt anders. Er hatte etwas<lb/> von dem Geiste Parnells in sich, der Gladstone bekehrte, indem er sich ihm<lb/> unangenehm machte. Eine nationale Macht wie die irische Partei hatte<lb/> Chamberlain zwar nicht hinter sich; aber die Radikalen waren stark genng,<lb/> den Liberalen große Verlegenheiten zu bereiten, während ihre Schärfe gegen<lb/> die Konservativen sie als Mitstreiter sehr wertvoll machte. Die hieraus sich<lb/> ergebende Politik war, die Radikalen möglichst selbständig zu halten und<lb/> nötigenfalls, wie es einmal wirklich geschah, den Liberalen die Gefolgschaft<lb/> auszusagen. Der Erfolg gab Chamberlain Recht, die Radikalen wurden ein¬<lb/> flußreich. Unabhängig hiervon sicherte sich Chamberlain seine Stellung auch<lb/> durch unmittelbares Einwirken auf die Wähler. Die alten Parteien hatten<lb/> eine durch die Interessen von Ackerbau und Handel gesicherte Stellung. Die<lb/> Radikalen mußten den Mangel eines solchen festen Rückhalts durch verbesserte<lb/> Organisation wettzumachen suchen, und wie Parnell durch die Landliga zum<lb/> ungekrönten König von Irland wurde, so errang sich Chamberlain politische<lb/> Macht durch den nationalen Verband liberaler Vereine, der seinen Sitz in<lb/> Birmingham und ihn zum Vorsitzenden hatte.</p><lb/> <p xml:id="ID_439" next="#ID_440"> Wie wertvoll der Verband als Wahlmaschine war, zeigte sich bei den<lb/> Wahlen des Jahres 1880, die der Laufbahn Beaconsfields ein Ende machten.<lb/> Nun war der Vorsitzende dieses Verbands eine zu gewichtige und möglicher¬<lb/> weise gefährliche Person, als daß man ihn hätte beiseite lassen können. Ob¬<lb/> wohl er als Parlamentarier noch jung und ein Neuling in der Politik war,</p><lb/> </div> </div> </body> </text> </TEI> [0165]
Jahre 1376 trat er in den großen Debattirklub zu Westminster als Abgeord¬
neter für Birmingham und Mitglied des radikalen Flügels der liberalen Partei,
die damals Ihrer Majestät allergetreuste Opposition war. In allen Parla¬
menten spielt die Mehrzahl der Abgeordneten nnr die Rolle eines Opernchors.
Sie sind dazu gewählt, auf Befehl der Führer einzuschwenken wie die Rekruten.
Je weniger Parteien, umso geringer die individuelle Bedeutung des Abgeord¬
neten, wenn er es nicht versteht, sich innerhalb der Partei zur Geltung zu
bringen. Im britischen Unterhause, das 670 Mitglieder zählt und erst seit
ungefähr fünfundzwanzig Jahren zu seinen beiden alten Parteien eine dritte,
die irische hat, ist die Mannszucht immer scharf gehandhabt worden, und die
Einpeitscher, wie die Herren geschmackvoll benannt werden, spielen eine wichtige
Rolle. Chamberlain war jedoch keineswegs gesonnen, im Hanse der Gemeinen
nur als Gemeiner zu dienen. Sein Ehrgeiz trieb ihn in die Höhe und stachelte
ihn an, andern seinen Willen aufzuzwingen. Freilich leicht und ohne Gefahr
ist solch ein Ziel nicht zu gewinnen. Lord Randolph Churchill kam bei seinein
Versuche, Salisbury zu meistern, zu Fall. Chnmberlain wollte, wagte und
gewann.
Bisher hatten sich die Radikalen bescheiden im Hintergrunde gehalten,
waren zufrieden gewesen mit den Brocken, die ihnen die liberale Partei zu¬
kommen ließ. Das wurde mit Chamberlains Eintritt anders. Er hatte etwas
von dem Geiste Parnells in sich, der Gladstone bekehrte, indem er sich ihm
unangenehm machte. Eine nationale Macht wie die irische Partei hatte
Chamberlain zwar nicht hinter sich; aber die Radikalen waren stark genng,
den Liberalen große Verlegenheiten zu bereiten, während ihre Schärfe gegen
die Konservativen sie als Mitstreiter sehr wertvoll machte. Die hieraus sich
ergebende Politik war, die Radikalen möglichst selbständig zu halten und
nötigenfalls, wie es einmal wirklich geschah, den Liberalen die Gefolgschaft
auszusagen. Der Erfolg gab Chamberlain Recht, die Radikalen wurden ein¬
flußreich. Unabhängig hiervon sicherte sich Chamberlain seine Stellung auch
durch unmittelbares Einwirken auf die Wähler. Die alten Parteien hatten
eine durch die Interessen von Ackerbau und Handel gesicherte Stellung. Die
Radikalen mußten den Mangel eines solchen festen Rückhalts durch verbesserte
Organisation wettzumachen suchen, und wie Parnell durch die Landliga zum
ungekrönten König von Irland wurde, so errang sich Chamberlain politische
Macht durch den nationalen Verband liberaler Vereine, der seinen Sitz in
Birmingham und ihn zum Vorsitzenden hatte.
Wie wertvoll der Verband als Wahlmaschine war, zeigte sich bei den
Wahlen des Jahres 1880, die der Laufbahn Beaconsfields ein Ende machten.
Nun war der Vorsitzende dieses Verbands eine zu gewichtige und möglicher¬
weise gefährliche Person, als daß man ihn hätte beiseite lassen können. Ob¬
wohl er als Parlamentarier noch jung und ein Neuling in der Politik war,
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