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Die Grenzboten. Jg. 51, 1892, Drittes Vierteljahr.

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Studium die Ausschließlichkeit der akademischen Senate, die von der Zulassung
von Studeutimien eine Herabsetzung der Wissenschaft befürchte". Es
wehrt sich ferner dagegen der Eigennutz der Ärzte, die in deu Ärztinnen un¬
bequeme Mitbewerberinnen fürchten. Es wehrt sich auch dagegen der Chor
der sentimentalen Anhänger des Hergebrachten, deren ganze Weisheit darin
besteht, zu behaupten: das Weib gehört nicht in die Öffentlichkeit, das Weib
gehört ins Haus, obwohl wir doch wissen, daß ein starker Prozentsatz unsrer
Mädchen gebildeten Standes, aber in wenig vermögenden Verhältnissen er¬
wachsen, unverehelicht bleibt, weil sich entweder keine Gelegenheit zur Ehe dar¬
bot, oder weil sie nach Ed. von Hartmanns Ansicht thöricht genug sind, nicht
ohne Herzensneigung heiraten zu wollen. Und zu diesen Hindernissen, die
bisher dem ärztlichen Studium der Frauen entgegengestanden haben, gesellt
sich noch ein weiteres: die Gewerbeordnung legt zwar dem Weibe kein Hindernis
in den Weg, den ärztlichen Beruf auszuüben; aber die deutscheu Universitäten
bieten ihm nicht die Möglichkeit zum Studium, und thäten sie es auch, so
ist doch das medizinische Studium abhängig von einer Reifeprüfung, wie sie
nur am Gymnasium möglich ist, und dazu gehört Griechisch und Latein und
höhere Mathematik, Wissensgebiete also, die dem weiblichen Geschlechte bisher
völlig verschlossen waren und wohl auch, besonders begabte Persönlichkeiten
ausgenommen, dauernd verschlossen bleiben werden. Daraus ergiebt sich ein
wunderbarer fehlerhafter Zirkel: die deutsche Frau, die die erforderlichen Kennt¬
nisse nachweist, darf in Deutschland die ärztliche Praxis üben, aber sie findet
in Deutschland keine Lehranstalt, wo sie sich die zur Reifeprüfung für die
Universität erforderlichen Kenntnisse erwerben, keine Universität, wo sie Heil¬
kunde studiren kann. So sind denn die wenigen mutigen und thatkräftigen
deutschen Frauen, die sich bisher zur ärztlichen Praxis in einigen unsrer Gro߬
städte emporgerungen haben, überall, nur nicht in Deutschland gebildet, in
Zürich, Paris, England. Seltsame Zustände!

Dabei ist es der gesamten Bewegung für das ärztliche Studium der
Frauen sehr nachteilig gewesen, daß die russischen Studentinnen, die sich in
Zürich den medizinischen Studien widmeten, bisweilen in unliebsamer Weise
zu zeigen schienen, diese Studien seien mit der Bewahrung einer idealen Weib¬
lichkeit nicht vereinbar, und für ein echtes deutsches Gemüt ist mit vollem
Rechte nichts widerlicher als ein Weib, das sich unweiblich geberdet. Man hielt
es für unvereinbar mit der guten Sitte, daß ein junges Mädchen, auch wenn
es die scheinbar unübersteiglichen Schwierigkeiten der Vorbildung überwunden
hatte, gemeinsam mit jungen Männern im Kolleg sitzen, auf der Anatomie
arbeiten sollte. Man forderte daher nicht bloß besondre Mädchengymncisien
für die Vorbereitung, sondern auch Frauenkurse sür Studentinnen der Heil¬
kunde oder gar besondre Frauenuniversitäten. Das war natürlich auch wieder
arg übers Ziel geschossen, denn derartige Einrichtungen würden Geldmittel


Studium die Ausschließlichkeit der akademischen Senate, die von der Zulassung
von Studeutimien eine Herabsetzung der Wissenschaft befürchte«. Es
wehrt sich ferner dagegen der Eigennutz der Ärzte, die in deu Ärztinnen un¬
bequeme Mitbewerberinnen fürchten. Es wehrt sich auch dagegen der Chor
der sentimentalen Anhänger des Hergebrachten, deren ganze Weisheit darin
besteht, zu behaupten: das Weib gehört nicht in die Öffentlichkeit, das Weib
gehört ins Haus, obwohl wir doch wissen, daß ein starker Prozentsatz unsrer
Mädchen gebildeten Standes, aber in wenig vermögenden Verhältnissen er¬
wachsen, unverehelicht bleibt, weil sich entweder keine Gelegenheit zur Ehe dar¬
bot, oder weil sie nach Ed. von Hartmanns Ansicht thöricht genug sind, nicht
ohne Herzensneigung heiraten zu wollen. Und zu diesen Hindernissen, die
bisher dem ärztlichen Studium der Frauen entgegengestanden haben, gesellt
sich noch ein weiteres: die Gewerbeordnung legt zwar dem Weibe kein Hindernis
in den Weg, den ärztlichen Beruf auszuüben; aber die deutscheu Universitäten
bieten ihm nicht die Möglichkeit zum Studium, und thäten sie es auch, so
ist doch das medizinische Studium abhängig von einer Reifeprüfung, wie sie
nur am Gymnasium möglich ist, und dazu gehört Griechisch und Latein und
höhere Mathematik, Wissensgebiete also, die dem weiblichen Geschlechte bisher
völlig verschlossen waren und wohl auch, besonders begabte Persönlichkeiten
ausgenommen, dauernd verschlossen bleiben werden. Daraus ergiebt sich ein
wunderbarer fehlerhafter Zirkel: die deutsche Frau, die die erforderlichen Kennt¬
nisse nachweist, darf in Deutschland die ärztliche Praxis üben, aber sie findet
in Deutschland keine Lehranstalt, wo sie sich die zur Reifeprüfung für die
Universität erforderlichen Kenntnisse erwerben, keine Universität, wo sie Heil¬
kunde studiren kann. So sind denn die wenigen mutigen und thatkräftigen
deutschen Frauen, die sich bisher zur ärztlichen Praxis in einigen unsrer Gro߬
städte emporgerungen haben, überall, nur nicht in Deutschland gebildet, in
Zürich, Paris, England. Seltsame Zustände!

Dabei ist es der gesamten Bewegung für das ärztliche Studium der
Frauen sehr nachteilig gewesen, daß die russischen Studentinnen, die sich in
Zürich den medizinischen Studien widmeten, bisweilen in unliebsamer Weise
zu zeigen schienen, diese Studien seien mit der Bewahrung einer idealen Weib¬
lichkeit nicht vereinbar, und für ein echtes deutsches Gemüt ist mit vollem
Rechte nichts widerlicher als ein Weib, das sich unweiblich geberdet. Man hielt
es für unvereinbar mit der guten Sitte, daß ein junges Mädchen, auch wenn
es die scheinbar unübersteiglichen Schwierigkeiten der Vorbildung überwunden
hatte, gemeinsam mit jungen Männern im Kolleg sitzen, auf der Anatomie
arbeiten sollte. Man forderte daher nicht bloß besondre Mädchengymncisien
für die Vorbereitung, sondern auch Frauenkurse sür Studentinnen der Heil¬
kunde oder gar besondre Frauenuniversitäten. Das war natürlich auch wieder
arg übers Ziel geschossen, denn derartige Einrichtungen würden Geldmittel


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[0214] Studium die Ausschließlichkeit der akademischen Senate, die von der Zulassung von Studeutimien eine Herabsetzung der Wissenschaft befürchte«. Es wehrt sich ferner dagegen der Eigennutz der Ärzte, die in deu Ärztinnen un¬ bequeme Mitbewerberinnen fürchten. Es wehrt sich auch dagegen der Chor der sentimentalen Anhänger des Hergebrachten, deren ganze Weisheit darin besteht, zu behaupten: das Weib gehört nicht in die Öffentlichkeit, das Weib gehört ins Haus, obwohl wir doch wissen, daß ein starker Prozentsatz unsrer Mädchen gebildeten Standes, aber in wenig vermögenden Verhältnissen er¬ wachsen, unverehelicht bleibt, weil sich entweder keine Gelegenheit zur Ehe dar¬ bot, oder weil sie nach Ed. von Hartmanns Ansicht thöricht genug sind, nicht ohne Herzensneigung heiraten zu wollen. Und zu diesen Hindernissen, die bisher dem ärztlichen Studium der Frauen entgegengestanden haben, gesellt sich noch ein weiteres: die Gewerbeordnung legt zwar dem Weibe kein Hindernis in den Weg, den ärztlichen Beruf auszuüben; aber die deutscheu Universitäten bieten ihm nicht die Möglichkeit zum Studium, und thäten sie es auch, so ist doch das medizinische Studium abhängig von einer Reifeprüfung, wie sie nur am Gymnasium möglich ist, und dazu gehört Griechisch und Latein und höhere Mathematik, Wissensgebiete also, die dem weiblichen Geschlechte bisher völlig verschlossen waren und wohl auch, besonders begabte Persönlichkeiten ausgenommen, dauernd verschlossen bleiben werden. Daraus ergiebt sich ein wunderbarer fehlerhafter Zirkel: die deutsche Frau, die die erforderlichen Kennt¬ nisse nachweist, darf in Deutschland die ärztliche Praxis üben, aber sie findet in Deutschland keine Lehranstalt, wo sie sich die zur Reifeprüfung für die Universität erforderlichen Kenntnisse erwerben, keine Universität, wo sie Heil¬ kunde studiren kann. So sind denn die wenigen mutigen und thatkräftigen deutschen Frauen, die sich bisher zur ärztlichen Praxis in einigen unsrer Gro߬ städte emporgerungen haben, überall, nur nicht in Deutschland gebildet, in Zürich, Paris, England. Seltsame Zustände! Dabei ist es der gesamten Bewegung für das ärztliche Studium der Frauen sehr nachteilig gewesen, daß die russischen Studentinnen, die sich in Zürich den medizinischen Studien widmeten, bisweilen in unliebsamer Weise zu zeigen schienen, diese Studien seien mit der Bewahrung einer idealen Weib¬ lichkeit nicht vereinbar, und für ein echtes deutsches Gemüt ist mit vollem Rechte nichts widerlicher als ein Weib, das sich unweiblich geberdet. Man hielt es für unvereinbar mit der guten Sitte, daß ein junges Mädchen, auch wenn es die scheinbar unübersteiglichen Schwierigkeiten der Vorbildung überwunden hatte, gemeinsam mit jungen Männern im Kolleg sitzen, auf der Anatomie arbeiten sollte. Man forderte daher nicht bloß besondre Mädchengymncisien für die Vorbereitung, sondern auch Frauenkurse sür Studentinnen der Heil¬ kunde oder gar besondre Frauenuniversitäten. Das war natürlich auch wieder arg übers Ziel geschossen, denn derartige Einrichtungen würden Geldmittel

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 51, 1892, Drittes Vierteljahr, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341855_212475/214>, abgerufen am 06.01.2025.