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Die Grenzboten. Jg. 46, 1887, Erstes Vierteljahr.

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Ungehaltene Reden eines Nichtgewählten.

legen auf krumme Nasen -- was wäre nicht möglich in dieser schlimmen Zeit,
in welcher ein Träger, mein Tyrtcius, durchfällt, ein Virchow, das größte staats¬
männische Genie dieses Jahrhunderts, und ein Alexander Meyer nur in die
Stichwahl kommen.

Doch glauben Sie nicht, meine Herren, daß die Freunde der Freiheit darob
verzagen. Die Zukunft gehört uns! War's nicht also, mein geliebter Richter?
Was kümmert uns das bischen Gegenwart. Noch muß Eugen Richters be¬
rühmte Droschke zweimal fahren, um seine Fraktion in die Sitzung zu bringen,
noch stehen die wackern Degen Windthorst, Bebel, Antoine u. s. w. in treuer
Waffenbrüderschaft zu uns, noch ist Polen nicht verloren. Und wenn ich Polen
sage, meine ich Deutschland, und wir werden nicht ermüden in unsern patrio¬
tischen Anstrengungen, den deutschen Reichstag zu einem polnischen zu machen,
und somit Deutschland desselben Heils teilhaftig werden zu lassen, welches Polen
seinem Reichstage verdankt.

Sollten indessen diese Bemühungen wider Erwarten keinen Erfolg haben,
sollte die Mehrheit der deutschen Wähler in ihrer Verblendung beharren, so
werden wir uns auch damit abfinden. Wir werden uns, wie das herrliche
"Berliner Tageblatt," vor ihrem Willen beugen. Unfehlbar ist der Abonnent,
lind heilig ist das Inserat. Wenn die Abonnenten durchaus geknechtet sein
wollen, wenn ihnen garnichts an der guten Meinung Derouledes, Peyramonts
und Meschtscherskys gelegen ist: nun wohl, mögen sie ihren Willen haben, an
das Geschäft lassen wir nicht rühren. Schon sehe ich eine Fraktion Mosse
entstehen mit dem Wahlspruch "Nix Gewisses weiß man nicht," und ihr werde
ich mich, und mit mir ohne Zweifel noch mancher Nichtgewählte, mit Begeisterung
sich anschließen, indem wir uns immer auf einer Linie halten, welche das Ab¬
schwenken leicht macht. Wir wechseln deshalb unsre Gesinnung nicht, beileibe
nicht, wir legen sie nur zu unsern andern Heiligtümern -- unter denen sich
ohnehin schon mehrere Gesinnungen befinden -- in die feuerfeste Kasse, aus
welcher sie im Augenblicke des Bedarfs blank und unversehrt wieder hervor¬
geholt werden kann. Sich der Mehrheit unterzuordnen ist ja erstes konstitu¬
tionelles Gebot, und konstitutionell sind wir -- wer wagt daran zu zweifeln?

Übrigens bitte ich hiervon vorläufig keinen Gebrauch zu machen, wir
müssen vor allem die Nachwahleu abwarte", die mit Gottes und der Sozial¬
demokraten Hilfe noch manches ändern können.




Grenzboten I. 1887.62
Ungehaltene Reden eines Nichtgewählten.

legen auf krumme Nasen — was wäre nicht möglich in dieser schlimmen Zeit,
in welcher ein Träger, mein Tyrtcius, durchfällt, ein Virchow, das größte staats¬
männische Genie dieses Jahrhunderts, und ein Alexander Meyer nur in die
Stichwahl kommen.

Doch glauben Sie nicht, meine Herren, daß die Freunde der Freiheit darob
verzagen. Die Zukunft gehört uns! War's nicht also, mein geliebter Richter?
Was kümmert uns das bischen Gegenwart. Noch muß Eugen Richters be¬
rühmte Droschke zweimal fahren, um seine Fraktion in die Sitzung zu bringen,
noch stehen die wackern Degen Windthorst, Bebel, Antoine u. s. w. in treuer
Waffenbrüderschaft zu uns, noch ist Polen nicht verloren. Und wenn ich Polen
sage, meine ich Deutschland, und wir werden nicht ermüden in unsern patrio¬
tischen Anstrengungen, den deutschen Reichstag zu einem polnischen zu machen,
und somit Deutschland desselben Heils teilhaftig werden zu lassen, welches Polen
seinem Reichstage verdankt.

Sollten indessen diese Bemühungen wider Erwarten keinen Erfolg haben,
sollte die Mehrheit der deutschen Wähler in ihrer Verblendung beharren, so
werden wir uns auch damit abfinden. Wir werden uns, wie das herrliche
„Berliner Tageblatt," vor ihrem Willen beugen. Unfehlbar ist der Abonnent,
lind heilig ist das Inserat. Wenn die Abonnenten durchaus geknechtet sein
wollen, wenn ihnen garnichts an der guten Meinung Derouledes, Peyramonts
und Meschtscherskys gelegen ist: nun wohl, mögen sie ihren Willen haben, an
das Geschäft lassen wir nicht rühren. Schon sehe ich eine Fraktion Mosse
entstehen mit dem Wahlspruch „Nix Gewisses weiß man nicht," und ihr werde
ich mich, und mit mir ohne Zweifel noch mancher Nichtgewählte, mit Begeisterung
sich anschließen, indem wir uns immer auf einer Linie halten, welche das Ab¬
schwenken leicht macht. Wir wechseln deshalb unsre Gesinnung nicht, beileibe
nicht, wir legen sie nur zu unsern andern Heiligtümern — unter denen sich
ohnehin schon mehrere Gesinnungen befinden — in die feuerfeste Kasse, aus
welcher sie im Augenblicke des Bedarfs blank und unversehrt wieder hervor¬
geholt werden kann. Sich der Mehrheit unterzuordnen ist ja erstes konstitu¬
tionelles Gebot, und konstitutionell sind wir — wer wagt daran zu zweifeln?

Übrigens bitte ich hiervon vorläufig keinen Gebrauch zu machen, wir
müssen vor allem die Nachwahleu abwarte«, die mit Gottes und der Sozial¬
demokraten Hilfe noch manches ändern können.




Grenzboten I. 1887.62
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[0497] Ungehaltene Reden eines Nichtgewählten. legen auf krumme Nasen — was wäre nicht möglich in dieser schlimmen Zeit, in welcher ein Träger, mein Tyrtcius, durchfällt, ein Virchow, das größte staats¬ männische Genie dieses Jahrhunderts, und ein Alexander Meyer nur in die Stichwahl kommen. Doch glauben Sie nicht, meine Herren, daß die Freunde der Freiheit darob verzagen. Die Zukunft gehört uns! War's nicht also, mein geliebter Richter? Was kümmert uns das bischen Gegenwart. Noch muß Eugen Richters be¬ rühmte Droschke zweimal fahren, um seine Fraktion in die Sitzung zu bringen, noch stehen die wackern Degen Windthorst, Bebel, Antoine u. s. w. in treuer Waffenbrüderschaft zu uns, noch ist Polen nicht verloren. Und wenn ich Polen sage, meine ich Deutschland, und wir werden nicht ermüden in unsern patrio¬ tischen Anstrengungen, den deutschen Reichstag zu einem polnischen zu machen, und somit Deutschland desselben Heils teilhaftig werden zu lassen, welches Polen seinem Reichstage verdankt. Sollten indessen diese Bemühungen wider Erwarten keinen Erfolg haben, sollte die Mehrheit der deutschen Wähler in ihrer Verblendung beharren, so werden wir uns auch damit abfinden. Wir werden uns, wie das herrliche „Berliner Tageblatt," vor ihrem Willen beugen. Unfehlbar ist der Abonnent, lind heilig ist das Inserat. Wenn die Abonnenten durchaus geknechtet sein wollen, wenn ihnen garnichts an der guten Meinung Derouledes, Peyramonts und Meschtscherskys gelegen ist: nun wohl, mögen sie ihren Willen haben, an das Geschäft lassen wir nicht rühren. Schon sehe ich eine Fraktion Mosse entstehen mit dem Wahlspruch „Nix Gewisses weiß man nicht," und ihr werde ich mich, und mit mir ohne Zweifel noch mancher Nichtgewählte, mit Begeisterung sich anschließen, indem wir uns immer auf einer Linie halten, welche das Ab¬ schwenken leicht macht. Wir wechseln deshalb unsre Gesinnung nicht, beileibe nicht, wir legen sie nur zu unsern andern Heiligtümern — unter denen sich ohnehin schon mehrere Gesinnungen befinden — in die feuerfeste Kasse, aus welcher sie im Augenblicke des Bedarfs blank und unversehrt wieder hervor¬ geholt werden kann. Sich der Mehrheit unterzuordnen ist ja erstes konstitu¬ tionelles Gebot, und konstitutionell sind wir — wer wagt daran zu zweifeln? Übrigens bitte ich hiervon vorläufig keinen Gebrauch zu machen, wir müssen vor allem die Nachwahleu abwarte«, die mit Gottes und der Sozial¬ demokraten Hilfe noch manches ändern können. Grenzboten I. 1887.62

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 46, 1887, Erstes Vierteljahr, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341845_200104/497>, abgerufen am 22.07.2024.