Die Grenzboten. Jg. 43, 1884, Erstes Quartal.Mode und Palnotismus. solche Frauen gebe es nicht. Dort niber wird man uns belehren, daß es Mode¬ Mode und Palnotismus. solche Frauen gebe es nicht. Dort niber wird man uns belehren, daß es Mode¬ <TEI> <text> <body> <div> <div n="1"> <pb facs="#f0362" corresp="http://brema.suub.uni-bremen.de/grenzboten/periodical/pageview/155245"/> <fw type="header" place="top"> Mode und Palnotismus.</fw><lb/> <p xml:id="ID_1491" prev="#ID_1490"> solche Frauen gebe es nicht. Dort niber wird man uns belehren, daß es Mode¬<lb/> thorheiten gegeben habe, solange Menschen in Gesellschaft leben, daß gegen die<lb/> Thorheiten immer gepredigt worden sei und immer erfolglos. Das alles ist<lb/> richtig, aber nicht entscheidend. Vor allem ist ein Unterschied zwischen einst und<lb/> jetzt augenfällig. Die Trachten der Vergangenheit lassen sich in Beziehung setzen<lb/> zum Gesamtcharakter der Zeit; wenn jedoch die Gegenwart wirklich so beschaffen<lb/> wäre, daß sie dem Kaleidoskop entspräche, welches, aus Kostümbestandteilen<lb/> aller Zeiten, Nationen, Klimate znsanimengewürfclt, jährlich einmal oder mehr¬<lb/> mals geschüttelt wird, dann müßte mau wohl an ihr verzweifeln. Und was<lb/> das Predigen betrifft, so sind durch dasselbe überhaupt noch niemals Ver¬<lb/> brechen oder Thorheiten völlig ausgerottet worden, ohne daß ein vernünftiger<lb/> Mensch damit die Entbehrlichkeit des Predigtamtes beweisen möchte. Außerdem<lb/> haben die Sittenrichter oft das Kind mit demi Bade ausgeschüttet. In diesen<lb/> Fehler möchten wir nicht verfallen. Nicht gegen die Mode, den Wechsel, die<lb/> Freude am Neuen ziehen wir ins Feld; wir bilden uns nicht ein, daß wieder<lb/> ein langsameres Tempo im Wechsel angenommen werden könne, denn Stoffe<lb/> und Farben dauern ja heutzutage kaum solange wie die Moden, und Dank dem<lb/> nimmer ermüdenden Eifer der Chemie werden beide noch immer schlechter. Allein<lb/> wir sehen nicht ein, weshalb die Deutschen sich auf diesem Gebiete fort und fort<lb/> von derselben Nation gängeln lassen und derselben Nation tributpflichtig bleiben<lb/> sollen, deren Feindseligkeit, anstatt sich abzuschwächen, sich noch steigert; sehen<lb/> nicht ein, weshalb die deutschen Frauen durch ihre Ausgaben für ihren Putz<lb/> den Kriegsschatz des Feindes direkt oder indirekt stärken sollen. Bordeaux<lb/> wächst leider in Deutschland nicht, und Chianti würde den Ausfall nicht decken,<lb/> wenn wir auf französischen Wein absolut verzichten wollten. Aber die Kostüm-<lb/> und Musterzeichner und Fabrikanten, Schneider und Putzmacherinnen, welche<lb/> imstande wären, ohne Pariser Modelle neue, kleidsame, zweckmüßige nud an¬<lb/> ständige Trachten herzustellen, wird Deutschland doch wohl aufbringen, und an<lb/> entschlossenem Patriotismus werden die deutschen Frauen nach 1870 nicht gegen<lb/> Mogyarinnen von 1859 zurückstehen!</p><lb/> <figure facs="http://media.dwds.de/dta/images/grenzboten_341839_158199/figures/grenzboten_341839_158199_155245_003.jpg"/><lb/> </div> </div> </body> </text> </TEI> [0362]
Mode und Palnotismus.
solche Frauen gebe es nicht. Dort niber wird man uns belehren, daß es Mode¬
thorheiten gegeben habe, solange Menschen in Gesellschaft leben, daß gegen die
Thorheiten immer gepredigt worden sei und immer erfolglos. Das alles ist
richtig, aber nicht entscheidend. Vor allem ist ein Unterschied zwischen einst und
jetzt augenfällig. Die Trachten der Vergangenheit lassen sich in Beziehung setzen
zum Gesamtcharakter der Zeit; wenn jedoch die Gegenwart wirklich so beschaffen
wäre, daß sie dem Kaleidoskop entspräche, welches, aus Kostümbestandteilen
aller Zeiten, Nationen, Klimate znsanimengewürfclt, jährlich einmal oder mehr¬
mals geschüttelt wird, dann müßte mau wohl an ihr verzweifeln. Und was
das Predigen betrifft, so sind durch dasselbe überhaupt noch niemals Ver¬
brechen oder Thorheiten völlig ausgerottet worden, ohne daß ein vernünftiger
Mensch damit die Entbehrlichkeit des Predigtamtes beweisen möchte. Außerdem
haben die Sittenrichter oft das Kind mit demi Bade ausgeschüttet. In diesen
Fehler möchten wir nicht verfallen. Nicht gegen die Mode, den Wechsel, die
Freude am Neuen ziehen wir ins Feld; wir bilden uns nicht ein, daß wieder
ein langsameres Tempo im Wechsel angenommen werden könne, denn Stoffe
und Farben dauern ja heutzutage kaum solange wie die Moden, und Dank dem
nimmer ermüdenden Eifer der Chemie werden beide noch immer schlechter. Allein
wir sehen nicht ein, weshalb die Deutschen sich auf diesem Gebiete fort und fort
von derselben Nation gängeln lassen und derselben Nation tributpflichtig bleiben
sollen, deren Feindseligkeit, anstatt sich abzuschwächen, sich noch steigert; sehen
nicht ein, weshalb die deutschen Frauen durch ihre Ausgaben für ihren Putz
den Kriegsschatz des Feindes direkt oder indirekt stärken sollen. Bordeaux
wächst leider in Deutschland nicht, und Chianti würde den Ausfall nicht decken,
wenn wir auf französischen Wein absolut verzichten wollten. Aber die Kostüm-
und Musterzeichner und Fabrikanten, Schneider und Putzmacherinnen, welche
imstande wären, ohne Pariser Modelle neue, kleidsame, zweckmüßige nud an¬
ständige Trachten herzustellen, wird Deutschland doch wohl aufbringen, und an
entschlossenem Patriotismus werden die deutschen Frauen nach 1870 nicht gegen
Mogyarinnen von 1859 zurückstehen!
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