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Die Grenzboten. Jg. 43, 1884, Viertes Quartal.

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Schiller und Bürger.

innerhalb der Lyrik das höchste sein. Obgleich Bürger versicherte, daß er nur
scherze, wenn er immer sein eignes Lob verkünde, so hatte er sich doch, vielleicht
nächst Klopstock, auf den er sich schon in der Vorrede zur ersten Auflage be¬
rufen hatte, zu Schillers und Goethes Nachteil an die Spitze der deutschen
Lyrik stellen wollen.

Die Antwort darauf war 1791 Schillers Rezension von Bürgers Ge¬
dichten. Sie ist älter als Schillers berühmte Abhandlungen auf kcmtischcr
Grundlage. Den von Bürger aufgestellten Satz, daß Popularität das Siegel
der Vollkommenheit an einem übrigens schon vorzüglichen Gedichte sei, unter¬
schreibt Schiller, wendet ihn aber zu Bürgers Nachteil auf diesen selbst an.
Daß Bürger ein Volkssänger sein will, läßt er gelten, aber nur um zu be¬
weisen, daß er es nicht sei. "Glückliche Wahl des Stoffes und höchste Sim-
plizität in Behandlung desselben" ist nach Schiller das Mittel, um ein Volks¬
sänger zu werden. Den Stoff soll der Volkssänger ausschließend nur unter
Situationen und Empfindungen wählen, die dem Menschen als Menschen eigen
sind. "Alles, wozu Erfahrungen, Aufschlüsse, Fertigkeiten gehören, die man nur
in positiven und künstlichen Verhältnissen erlaugt, müßte er sich sorgfältig
untersagen, und durch diese reine Scheidung dessen, was im Menschen bloß
menschlich ist, gleichsam den Verlornen Zustand der Natur zurückrufen." Könnte
man nach diesen Worten es noch für möglich halten, daß Schiller der Rich¬
tung, welche Bürger durch Nachahmung des Volksliedes in die Kunstpoesie ein¬
geführt hatte, gerade ihrer Volkstümlichkeit wegen einen besondern Wert zuge¬
stehen würde, so würde diese Auffassung doch durch die bald darauffolgenden
Worte Schillers zerstört werden: "Selbst die erhabenste Philosophie des Lebens
würde ein solcher Dichter in die einfachen Gefühle der Natur auflösen, die Re¬
sultate des mühsamsten Forschens der Einbildungskraft überliefern und die Ge¬
heimnisse des Denkens in leicht zu entziffernder Bildersprache dem Kindcrsinn
zu erraten geben. Ein Vorläufer der hellen Erkenntnis, brächte er die promp¬
testen Vernnnftwahrheiten in reizender, verdachtloser Hülle lange vorher unter
das Volk, ehe der Philosoph und Gesetzgeber sich erkühnen dürfen, sie in ihrem
vollen Glänze heraufzuführen." Durch dieses Programm stellte Schiller sich
mit klarem Selbstbewußtsein als den eigentlichen Volksdichter der Deutschen
hin, genau so wie die Nation selbst es verstand, für welche Bürger und der
von ihm einzig gefeierte Klopstock hinter Schiller mit Recht immer mehr zurück¬
treten mußte.

Schillers Kritik war für Bürger gewiß umso schmerzlicher, als sie auch
den einschneidenden Satz aufstellte: "Kein noch so großes Talent kann dem
einzelnen Kunstwerke verleihen, was dem Schöpfer desselben gebricht, und
Mängel, die aus dieser Quelle entspringen, kann selbst die Feile nicht hinweg¬
nehmen." Schiller überließ es dem Leser, die Anwendung davon auf Bürger
zu machen, der in seinen schönsten Liebesliedern, z. B. im "Hohen Liede" und


Grenzboten IV. 1384. 3
Schiller und Bürger.

innerhalb der Lyrik das höchste sein. Obgleich Bürger versicherte, daß er nur
scherze, wenn er immer sein eignes Lob verkünde, so hatte er sich doch, vielleicht
nächst Klopstock, auf den er sich schon in der Vorrede zur ersten Auflage be¬
rufen hatte, zu Schillers und Goethes Nachteil an die Spitze der deutschen
Lyrik stellen wollen.

Die Antwort darauf war 1791 Schillers Rezension von Bürgers Ge¬
dichten. Sie ist älter als Schillers berühmte Abhandlungen auf kcmtischcr
Grundlage. Den von Bürger aufgestellten Satz, daß Popularität das Siegel
der Vollkommenheit an einem übrigens schon vorzüglichen Gedichte sei, unter¬
schreibt Schiller, wendet ihn aber zu Bürgers Nachteil auf diesen selbst an.
Daß Bürger ein Volkssänger sein will, läßt er gelten, aber nur um zu be¬
weisen, daß er es nicht sei. „Glückliche Wahl des Stoffes und höchste Sim-
plizität in Behandlung desselben" ist nach Schiller das Mittel, um ein Volks¬
sänger zu werden. Den Stoff soll der Volkssänger ausschließend nur unter
Situationen und Empfindungen wählen, die dem Menschen als Menschen eigen
sind. „Alles, wozu Erfahrungen, Aufschlüsse, Fertigkeiten gehören, die man nur
in positiven und künstlichen Verhältnissen erlaugt, müßte er sich sorgfältig
untersagen, und durch diese reine Scheidung dessen, was im Menschen bloß
menschlich ist, gleichsam den Verlornen Zustand der Natur zurückrufen." Könnte
man nach diesen Worten es noch für möglich halten, daß Schiller der Rich¬
tung, welche Bürger durch Nachahmung des Volksliedes in die Kunstpoesie ein¬
geführt hatte, gerade ihrer Volkstümlichkeit wegen einen besondern Wert zuge¬
stehen würde, so würde diese Auffassung doch durch die bald darauffolgenden
Worte Schillers zerstört werden: „Selbst die erhabenste Philosophie des Lebens
würde ein solcher Dichter in die einfachen Gefühle der Natur auflösen, die Re¬
sultate des mühsamsten Forschens der Einbildungskraft überliefern und die Ge¬
heimnisse des Denkens in leicht zu entziffernder Bildersprache dem Kindcrsinn
zu erraten geben. Ein Vorläufer der hellen Erkenntnis, brächte er die promp¬
testen Vernnnftwahrheiten in reizender, verdachtloser Hülle lange vorher unter
das Volk, ehe der Philosoph und Gesetzgeber sich erkühnen dürfen, sie in ihrem
vollen Glänze heraufzuführen." Durch dieses Programm stellte Schiller sich
mit klarem Selbstbewußtsein als den eigentlichen Volksdichter der Deutschen
hin, genau so wie die Nation selbst es verstand, für welche Bürger und der
von ihm einzig gefeierte Klopstock hinter Schiller mit Recht immer mehr zurück¬
treten mußte.

Schillers Kritik war für Bürger gewiß umso schmerzlicher, als sie auch
den einschneidenden Satz aufstellte: „Kein noch so großes Talent kann dem
einzelnen Kunstwerke verleihen, was dem Schöpfer desselben gebricht, und
Mängel, die aus dieser Quelle entspringen, kann selbst die Feile nicht hinweg¬
nehmen." Schiller überließ es dem Leser, die Anwendung davon auf Bürger
zu machen, der in seinen schönsten Liebesliedern, z. B. im „Hohen Liede" und


Grenzboten IV. 1384. 3
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[0025] Schiller und Bürger. innerhalb der Lyrik das höchste sein. Obgleich Bürger versicherte, daß er nur scherze, wenn er immer sein eignes Lob verkünde, so hatte er sich doch, vielleicht nächst Klopstock, auf den er sich schon in der Vorrede zur ersten Auflage be¬ rufen hatte, zu Schillers und Goethes Nachteil an die Spitze der deutschen Lyrik stellen wollen. Die Antwort darauf war 1791 Schillers Rezension von Bürgers Ge¬ dichten. Sie ist älter als Schillers berühmte Abhandlungen auf kcmtischcr Grundlage. Den von Bürger aufgestellten Satz, daß Popularität das Siegel der Vollkommenheit an einem übrigens schon vorzüglichen Gedichte sei, unter¬ schreibt Schiller, wendet ihn aber zu Bürgers Nachteil auf diesen selbst an. Daß Bürger ein Volkssänger sein will, läßt er gelten, aber nur um zu be¬ weisen, daß er es nicht sei. „Glückliche Wahl des Stoffes und höchste Sim- plizität in Behandlung desselben" ist nach Schiller das Mittel, um ein Volks¬ sänger zu werden. Den Stoff soll der Volkssänger ausschließend nur unter Situationen und Empfindungen wählen, die dem Menschen als Menschen eigen sind. „Alles, wozu Erfahrungen, Aufschlüsse, Fertigkeiten gehören, die man nur in positiven und künstlichen Verhältnissen erlaugt, müßte er sich sorgfältig untersagen, und durch diese reine Scheidung dessen, was im Menschen bloß menschlich ist, gleichsam den Verlornen Zustand der Natur zurückrufen." Könnte man nach diesen Worten es noch für möglich halten, daß Schiller der Rich¬ tung, welche Bürger durch Nachahmung des Volksliedes in die Kunstpoesie ein¬ geführt hatte, gerade ihrer Volkstümlichkeit wegen einen besondern Wert zuge¬ stehen würde, so würde diese Auffassung doch durch die bald darauffolgenden Worte Schillers zerstört werden: „Selbst die erhabenste Philosophie des Lebens würde ein solcher Dichter in die einfachen Gefühle der Natur auflösen, die Re¬ sultate des mühsamsten Forschens der Einbildungskraft überliefern und die Ge¬ heimnisse des Denkens in leicht zu entziffernder Bildersprache dem Kindcrsinn zu erraten geben. Ein Vorläufer der hellen Erkenntnis, brächte er die promp¬ testen Vernnnftwahrheiten in reizender, verdachtloser Hülle lange vorher unter das Volk, ehe der Philosoph und Gesetzgeber sich erkühnen dürfen, sie in ihrem vollen Glänze heraufzuführen." Durch dieses Programm stellte Schiller sich mit klarem Selbstbewußtsein als den eigentlichen Volksdichter der Deutschen hin, genau so wie die Nation selbst es verstand, für welche Bürger und der von ihm einzig gefeierte Klopstock hinter Schiller mit Recht immer mehr zurück¬ treten mußte. Schillers Kritik war für Bürger gewiß umso schmerzlicher, als sie auch den einschneidenden Satz aufstellte: „Kein noch so großes Talent kann dem einzelnen Kunstwerke verleihen, was dem Schöpfer desselben gebricht, und Mängel, die aus dieser Quelle entspringen, kann selbst die Feile nicht hinweg¬ nehmen." Schiller überließ es dem Leser, die Anwendung davon auf Bürger zu machen, der in seinen schönsten Liebesliedern, z. B. im „Hohen Liede" und Grenzboten IV. 1384. 3

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 43, 1884, Viertes Quartal, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341839_156924/25>, abgerufen am 28.12.2024.