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Die Grenzboten. Jg. 21, 1862, II. Semester. III. Band.

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die Politik der Machthaber vierzig Jahre braucht, ehe sie zu dem Erkenntniß
großer Lebensbedürfnisse ihres Volkes durchdringt, so ist solche Langsamkeit nicht
nur ein Unglück für sie selbst, auch für die Millionen, welche während dieser
Zeit leben, und nicht zuletzt für die, welche sich am ersten und wärmsten mit
der neuen Wahrheit erfüllt haben.

Denn auch der Briefwechsel der Angeschuldigten, so weit er bei den Unter-
tersuchungsacten Ludwig von Mühlenfels erhalten ist, gibt allerdings die leb¬
hafte Empfindung, daß die Männer, die so schrieben, nicht staatsgefährlich waren.
Es ist immer noch etwas von Weichheit und Gefühlsseligkeit darin zu er¬
kennen, immer noch wird ein Mann leicht als groß und bedeutend, ein Mo¬
ment, z. B. Genuß der schönen Gegend, Unterhaltung mit einem Gleichgesinn¬
ten als erhebend und begeisternd empfunden. Ein frommes Gottvertrauen, ein
unschuldiges Vertrauen zu der eigenen Kraft, feste Ueberzeugung von der Rein¬
heit des eigenen Strebens, fast ängstliches Bemühen, sich in den Empfindungen
des Herzens edel und hoch zu halten, sind überall sichtbar. Bei den Stärkern,
wie bei Mühlenfels selbst, bricht.trotz der vorsichtigen Mäßigung, zu welcher
der Briefschreiber in jener Zeit des Argwohns sich verpflichtet fühlte, doch
zuweilen ein heftiger Zorn über die elende Lage heraus, in welche die viel-
getheilte deutsche Nation gekommen war. Und die Briefe enthalten nichts, was
auf das Andenken der Männer, welche sie schrieben, einen düstern Schatten wer¬
fen könnte. Aber trotzdem ist nicht zu leugnen, daß auch in diese sittlich strengen
idealen Naturen ein krankhaftes Moment gekommen war. Sie, kein verächt¬
licher Theil der deutschen Jugendkraft, waren angefüllt mit politischer Leiden¬
schaft, sie erhoben Forderungen, sie waren bereit, Gut und Leben an die Er¬
reichung des Höchsten, an die Erhebung des Vaterlandes zu setzen, und sie leb¬
ten in der Atmosphäre der Karlsbader Beschlüsse, es gab keine freie Presse,
es gab keine Tribüne, es gab kein Mitte! für den Einzelnen, seine Ueberzeugungen
einem, weiteren Kreise mitzutheilen und zu politischer Geltung zu bringen.
Eine engherzige Gewalt umschloß das Volksleben mit eherner Faust. Den Ein¬
zelnen stand kein Weg offen zu bessern und zu helfen, nur irgend ein Ungeheu¬
res schien retten zu können. In solcher stinkenden Atmosphäre war es möglich,
daß politische Schwärmerei einen exaltirten Jüngling bis zum Morde des un¬
seligen Kotzebue brachte, und in solcher Zeit konnte es geschehen, daß auch Viele,
welche stärker und gesünder organisirt waren, als der Mörder, in dieser Un¬
that kein Verbrechen zu erkennen vermochten. Es war eine unheimliche Ver-
irrung des Urtheils, auch bei feinfühlenden Menschen eine Verkümmerung ihrer po¬
litischen Sittlichkeit. Und die reaktionären Beamten, welche jetzt allmächtig wur¬
den, empfanden sehr lebhaft die Gefahren einer solchen Verirrung, mehr als
einer von ihnen, der als Spürer eine traurige Berühmtheit erhalten hat, zitterte
in der Stille für sich selbst. Daher die scharfe Animosität, mit welcher die


die Politik der Machthaber vierzig Jahre braucht, ehe sie zu dem Erkenntniß
großer Lebensbedürfnisse ihres Volkes durchdringt, so ist solche Langsamkeit nicht
nur ein Unglück für sie selbst, auch für die Millionen, welche während dieser
Zeit leben, und nicht zuletzt für die, welche sich am ersten und wärmsten mit
der neuen Wahrheit erfüllt haben.

Denn auch der Briefwechsel der Angeschuldigten, so weit er bei den Unter-
tersuchungsacten Ludwig von Mühlenfels erhalten ist, gibt allerdings die leb¬
hafte Empfindung, daß die Männer, die so schrieben, nicht staatsgefährlich waren.
Es ist immer noch etwas von Weichheit und Gefühlsseligkeit darin zu er¬
kennen, immer noch wird ein Mann leicht als groß und bedeutend, ein Mo¬
ment, z. B. Genuß der schönen Gegend, Unterhaltung mit einem Gleichgesinn¬
ten als erhebend und begeisternd empfunden. Ein frommes Gottvertrauen, ein
unschuldiges Vertrauen zu der eigenen Kraft, feste Ueberzeugung von der Rein¬
heit des eigenen Strebens, fast ängstliches Bemühen, sich in den Empfindungen
des Herzens edel und hoch zu halten, sind überall sichtbar. Bei den Stärkern,
wie bei Mühlenfels selbst, bricht.trotz der vorsichtigen Mäßigung, zu welcher
der Briefschreiber in jener Zeit des Argwohns sich verpflichtet fühlte, doch
zuweilen ein heftiger Zorn über die elende Lage heraus, in welche die viel-
getheilte deutsche Nation gekommen war. Und die Briefe enthalten nichts, was
auf das Andenken der Männer, welche sie schrieben, einen düstern Schatten wer¬
fen könnte. Aber trotzdem ist nicht zu leugnen, daß auch in diese sittlich strengen
idealen Naturen ein krankhaftes Moment gekommen war. Sie, kein verächt¬
licher Theil der deutschen Jugendkraft, waren angefüllt mit politischer Leiden¬
schaft, sie erhoben Forderungen, sie waren bereit, Gut und Leben an die Er¬
reichung des Höchsten, an die Erhebung des Vaterlandes zu setzen, und sie leb¬
ten in der Atmosphäre der Karlsbader Beschlüsse, es gab keine freie Presse,
es gab keine Tribüne, es gab kein Mitte! für den Einzelnen, seine Ueberzeugungen
einem, weiteren Kreise mitzutheilen und zu politischer Geltung zu bringen.
Eine engherzige Gewalt umschloß das Volksleben mit eherner Faust. Den Ein¬
zelnen stand kein Weg offen zu bessern und zu helfen, nur irgend ein Ungeheu¬
res schien retten zu können. In solcher stinkenden Atmosphäre war es möglich,
daß politische Schwärmerei einen exaltirten Jüngling bis zum Morde des un¬
seligen Kotzebue brachte, und in solcher Zeit konnte es geschehen, daß auch Viele,
welche stärker und gesünder organisirt waren, als der Mörder, in dieser Un¬
that kein Verbrechen zu erkennen vermochten. Es war eine unheimliche Ver-
irrung des Urtheils, auch bei feinfühlenden Menschen eine Verkümmerung ihrer po¬
litischen Sittlichkeit. Und die reaktionären Beamten, welche jetzt allmächtig wur¬
den, empfanden sehr lebhaft die Gefahren einer solchen Verirrung, mehr als
einer von ihnen, der als Spürer eine traurige Berühmtheit erhalten hat, zitterte
in der Stille für sich selbst. Daher die scharfe Animosität, mit welcher die


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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 21, 1862, II. Semester. III. Band, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341795_114313/260>, abgerufen am 02.10.2024.