Die Grenzboten. Jg. 17, 1858, II. Semester. IV. Band.des Mißfallens über das ungewöhnliche Geberdenspiel gab, nahm er die Maske des Mißfallens über das ungewöhnliche Geberdenspiel gab, nahm er die Maske <TEI> <text> <body> <div> <div n="1"> <pb facs="#f0520" corresp="http://brema.suub.uni-bremen.de/grenzboten/periodical/pageview/266329"/> <p xml:id="ID_1475" prev="#ID_1474"> des Mißfallens über das ungewöhnliche Geberdenspiel gab, nahm er die Maske<lb/> ab und rief: „Ihr Thoren, mein Tanz stellt ja einen Rasenden vor!" Ein<lb/> anderes Mal zeigte er mit dem Finger höhnend auf einen Zuschauer, der ihn<lb/> auszischte. Dies war für Augustus genug, ihn aus Rom und Italien auf<lb/> einige Zeit zu verbannen. - Die Zurückberufung des geliebten Pantomimen<lb/> söhnte das Volk mit mancher strengen Maßregel der kaiserlichen Regierung<lb/> wieder aus. und als ihm Augustus drohend die Feindschaft mit dem prvtegirten<lb/> Bathyllos vorwarf, antwortete er keck und treffend: „Es ist Dir blos von<lb/> Nutzen, o Kaiser, wenn sich das Volk im Streite über uns^ die Zeit vertreibt!"<lb/> — In der Wahl der Stoffe blieben die Erfinder und ihre Nachfolger bis in<lb/> die späteste Zeit bei demselben abgeschlossenen Kreise der Mythologie und der<lb/> ältesten Sagengeschichte stehen. Ferner war das > Spiel in den ersten zwei<lb/> Jahrhunderten auf eine einzige Person beschränkt, die so schnell als möglich<lb/> ihr Costüm wechselte und durch ein rasches Nacheinander gleichen Schritt mit<lb/> dem Nebeneinander der Handlung zu halten suchte. .In Bezug darauf erzählt<lb/> Luci an, es sei einst ein Ausländer ins Theater gekommen und habe bemerkt,<lb/> daß fünferlei verschiedene Masken für den Tänzer in Bereitschaft waren. - Da<lb/> er nun blos einen Tänzer sah, habe er gefragt, wo denn die übrigen vier<lb/> wären, die mit demselben agiren sollten. Man sagte ihm, dieser Einzige<lb/> würde alle fünf Rollen spielen. „Um Verzeihung," sprach der Fremde zum<lb/> Pantomimen, „Du hast also in einem Leibe fünf Seelen? Das konnte ich<lb/> nicht wissen." Ja derselbe Lucian erklärt sich den vielgestaltigen Proteus<lb/> schon auf echt rationalistische Weise als eiyen recht geschickten ägyptischen Tän¬<lb/> zer! — Die Masken waren immer schön und dem Sujet angemessen, nicht<lb/> mit offenem, sondern mit geschlossenem Munde. Natürlich hinderten sie das<lb/> uns so nöthig dünkende Mienenspiel ganz; allein erstlich lag in der alten pan¬<lb/> tomimischen Kunst der Hauptaccent aus der Cheironomie, der Gesticulation,<lb/> und dann konnten in den ersten Jahrhunderten, wo keine weiblichen Panto¬<lb/> mimen öffentlich auftraten, die Tänzer bei weiblichen Rollen der Larven nicht<lb/> entbehren. Die Flbtcnmusik verstärkte man bald durch audere Instrumente<lb/> und besondere Taktschläger regelten durch das sogenannte Skabillum, eine<lb/> eiserne Schuhsohle, den Rhythmus des Gesanges. Allein der stärkere Effect,<lb/> der durch das Zusammenklingen mehrerer Instrumente erreicht wurde und die<lb/> größere Biegsamkeit in der Modulation sanden bald strenge Tadler. Es wär<lb/> dies nach unserer Ansicht ein naturgemäßes Bedürfniß nach concreterer Bele¬<lb/> bung der Musik durch Harmonie; aber dieses Schmelzen und Flüssigwerden<lb/> des kalten Einklangs erschien den alten Kunstkennern als Verweichlichung,<lb/> Entnervung der edlen Tonkunst, und die Klagen über ihre schlechte Theatermusik<lb/> erinnern uns lebhaft an die vielleicht gerechteren Stoßseufzer über leichtfertige<lb/> Ballet- und Opcrncompositioncn in der Neuzeit.</p><lb/> </div> </div> </body> </text> </TEI> [0520]
des Mißfallens über das ungewöhnliche Geberdenspiel gab, nahm er die Maske
ab und rief: „Ihr Thoren, mein Tanz stellt ja einen Rasenden vor!" Ein
anderes Mal zeigte er mit dem Finger höhnend auf einen Zuschauer, der ihn
auszischte. Dies war für Augustus genug, ihn aus Rom und Italien auf
einige Zeit zu verbannen. - Die Zurückberufung des geliebten Pantomimen
söhnte das Volk mit mancher strengen Maßregel der kaiserlichen Regierung
wieder aus. und als ihm Augustus drohend die Feindschaft mit dem prvtegirten
Bathyllos vorwarf, antwortete er keck und treffend: „Es ist Dir blos von
Nutzen, o Kaiser, wenn sich das Volk im Streite über uns^ die Zeit vertreibt!"
— In der Wahl der Stoffe blieben die Erfinder und ihre Nachfolger bis in
die späteste Zeit bei demselben abgeschlossenen Kreise der Mythologie und der
ältesten Sagengeschichte stehen. Ferner war das > Spiel in den ersten zwei
Jahrhunderten auf eine einzige Person beschränkt, die so schnell als möglich
ihr Costüm wechselte und durch ein rasches Nacheinander gleichen Schritt mit
dem Nebeneinander der Handlung zu halten suchte. .In Bezug darauf erzählt
Luci an, es sei einst ein Ausländer ins Theater gekommen und habe bemerkt,
daß fünferlei verschiedene Masken für den Tänzer in Bereitschaft waren. - Da
er nun blos einen Tänzer sah, habe er gefragt, wo denn die übrigen vier
wären, die mit demselben agiren sollten. Man sagte ihm, dieser Einzige
würde alle fünf Rollen spielen. „Um Verzeihung," sprach der Fremde zum
Pantomimen, „Du hast also in einem Leibe fünf Seelen? Das konnte ich
nicht wissen." Ja derselbe Lucian erklärt sich den vielgestaltigen Proteus
schon auf echt rationalistische Weise als eiyen recht geschickten ägyptischen Tän¬
zer! — Die Masken waren immer schön und dem Sujet angemessen, nicht
mit offenem, sondern mit geschlossenem Munde. Natürlich hinderten sie das
uns so nöthig dünkende Mienenspiel ganz; allein erstlich lag in der alten pan¬
tomimischen Kunst der Hauptaccent aus der Cheironomie, der Gesticulation,
und dann konnten in den ersten Jahrhunderten, wo keine weiblichen Panto¬
mimen öffentlich auftraten, die Tänzer bei weiblichen Rollen der Larven nicht
entbehren. Die Flbtcnmusik verstärkte man bald durch audere Instrumente
und besondere Taktschläger regelten durch das sogenannte Skabillum, eine
eiserne Schuhsohle, den Rhythmus des Gesanges. Allein der stärkere Effect,
der durch das Zusammenklingen mehrerer Instrumente erreicht wurde und die
größere Biegsamkeit in der Modulation sanden bald strenge Tadler. Es wär
dies nach unserer Ansicht ein naturgemäßes Bedürfniß nach concreterer Bele¬
bung der Musik durch Harmonie; aber dieses Schmelzen und Flüssigwerden
des kalten Einklangs erschien den alten Kunstkennern als Verweichlichung,
Entnervung der edlen Tonkunst, und die Klagen über ihre schlechte Theatermusik
erinnern uns lebhaft an die vielleicht gerechteren Stoßseufzer über leichtfertige
Ballet- und Opcrncompositioncn in der Neuzeit.
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