Die Grenzboten. Jg. 10, 1851, II. Semester. IV. Band.selbst den Rang des ersten Gentleman in England in Anspruch nahm, fand bald Grenzboten. IV. I8!i-I. !>!j
selbst den Rang des ersten Gentleman in England in Anspruch nahm, fand bald Grenzboten. IV. I8!i-I. !>!j
<TEI> <text> <body> <div> <div n="1"> <pb facs="#f0421" corresp="http://brema.suub.uni-bremen.de/grenzboten/periodical/pageview/281038"/> <p xml:id="ID_1207" prev="#ID_1206" next="#ID_1208"> selbst den Rang des ersten Gentleman in England in Anspruch nahm, fand bald<lb/> Gefallen an dein jungen Fähndrich, dessen kaustische Petulanz, elegante Manieren<lb/> und ungewöhnliche Anlagen zu den tausend kleinen Künsten der Toilette ihm<lb/> frühzeitig eine der ersten Stellen in den Reihen der Jeunesse dorve sicherten,<lb/> welche der Thronerbe um sich sammelte. Als Militair war der junge Dandy<lb/> natürlich nur Dilettant; er selbst liebte zu erzählen, daß er seine Compagnie nur<lb/> an dem Flügelmann erkenne, der glücklicher Weise eine rothe Nase hätte. Auch<lb/> litt es ihn nicht lange darunter; sein in Sachen der Mode so zartes Herz blutete<lb/> bei dem Gedanken, daß er als Militair noch Puder benutzen mußte, während die<lb/> ganze feine Welt, dem revolutionairen Impulse Frankreichs folgend, denselben<lb/> ausgegeben hatte, und die Versetzung des Regiments nach Manchester, wo es<lb/> nur Kaufleute, Arbeiter, Maschinen und Baumwolle gab, bewogen Brummell, seinen<lb/> Abschied zu nehmen. „Eure königliche Hoheit", sagte er zum Prinzen von Wales,<lb/> „werden fühlen können, wie unangenehm mir diese Versetzung sein muß. Denken<lb/> Sie nur einmal: Manchester!" Um so ungestörter konnte er jetzt seinem Beruf<lb/> als Fürst und erste Autorität im Reiche der Mode nachleben. Er war um jene<lb/> Zeit majorenn geworden, und in Besitz seines Vermögens getreten, das zwar<lb/> anständig, aber doch nicht groß genug für den Freund eines Prinzen war, welcher<lb/> 100,000 Pfd. für seine Garderobe ausgab. Brnmmell verwaltete zwar sein Ver¬<lb/> mögen Anfangs mit großer Ordnung, deun er war viel zu berechnend, kalt und<lb/> Phantasielos, um sich von seinen Leidenschaften zu eigentlichen Ausschweifungen<lb/> fortreißen zu lassen, und erst später richtete er sich durch das Spiel zu Grnnde.<lb/> Er miethete ein kleines Haus im Westend, zwei Pferde und einen Koch, und empfing<lb/> hier seine Freunde. In kurzer Zeit hatte er sich zur erste» Autorität in alle»<lb/> Sachen der Mode und zum Schutzheiligen der Schneider und der Daudies,<lb/> die sein Beifall oder sein Tadel in die Welt aufnahm oder aus ihr verbannte,<lb/> aufgeschwungen. Das Ziel seines Strebens war, der bestgeklcidete Mensch in<lb/> London zu sein, und- man kann nicht läugnen, daß er das Ziel mit Geschmack,<lb/> und Geist zu erreichen wußte. Wie alle Menschen von wahrem Geschmack<lb/> vermied er alles Uebertriebeue, und zeichnete sich nur durch gewählte Einfachheit<lb/> ans. Früh Stiefeln und Pantalons, einen Ueberrock und eine helle Weste; des<lb/> Abends einen blauen Frack, weiße Weste, schwarze an den Knöcheln sehr eng<lb/> «»geknopfte Beinkleider, seidene Strümpfe und eine Claque. Das Hauptstück<lb/> seiner Garderobe aber war die Halsbinde, welcher er eine in der Geschichte der<lb/> Mode Epoche machende Bedeutung gegeben hat. Früher legte man das Tuch<lb/> um deu Hals, und schlang die Enden mit wahrhaft sträflicher Sorglosigkeit zu<lb/> einem Knoten zusammen; Brummell aber schuf die gestärkte Cravate, und machte<lb/> ihr Umbinden zu einer schwer zu erlerncudeu und schwer zu übende» Kunst.<lb/> Hinsichtlich des Grades der Steifheit seiner Cravate war er zwar »icht so difficil<lb/> 'wie eiuer seiner Nachahmer, welcher jede verwarf, die sich nicht an einem Zipfel</p><lb/> <fw type="sig" place="bottom"> Grenzboten. IV. I8!i-I. !>!j</fw><lb/> </div> </div> </body> </text> </TEI> [0421]
selbst den Rang des ersten Gentleman in England in Anspruch nahm, fand bald
Gefallen an dein jungen Fähndrich, dessen kaustische Petulanz, elegante Manieren
und ungewöhnliche Anlagen zu den tausend kleinen Künsten der Toilette ihm
frühzeitig eine der ersten Stellen in den Reihen der Jeunesse dorve sicherten,
welche der Thronerbe um sich sammelte. Als Militair war der junge Dandy
natürlich nur Dilettant; er selbst liebte zu erzählen, daß er seine Compagnie nur
an dem Flügelmann erkenne, der glücklicher Weise eine rothe Nase hätte. Auch
litt es ihn nicht lange darunter; sein in Sachen der Mode so zartes Herz blutete
bei dem Gedanken, daß er als Militair noch Puder benutzen mußte, während die
ganze feine Welt, dem revolutionairen Impulse Frankreichs folgend, denselben
ausgegeben hatte, und die Versetzung des Regiments nach Manchester, wo es
nur Kaufleute, Arbeiter, Maschinen und Baumwolle gab, bewogen Brummell, seinen
Abschied zu nehmen. „Eure königliche Hoheit", sagte er zum Prinzen von Wales,
„werden fühlen können, wie unangenehm mir diese Versetzung sein muß. Denken
Sie nur einmal: Manchester!" Um so ungestörter konnte er jetzt seinem Beruf
als Fürst und erste Autorität im Reiche der Mode nachleben. Er war um jene
Zeit majorenn geworden, und in Besitz seines Vermögens getreten, das zwar
anständig, aber doch nicht groß genug für den Freund eines Prinzen war, welcher
100,000 Pfd. für seine Garderobe ausgab. Brnmmell verwaltete zwar sein Ver¬
mögen Anfangs mit großer Ordnung, deun er war viel zu berechnend, kalt und
Phantasielos, um sich von seinen Leidenschaften zu eigentlichen Ausschweifungen
fortreißen zu lassen, und erst später richtete er sich durch das Spiel zu Grnnde.
Er miethete ein kleines Haus im Westend, zwei Pferde und einen Koch, und empfing
hier seine Freunde. In kurzer Zeit hatte er sich zur erste» Autorität in alle»
Sachen der Mode und zum Schutzheiligen der Schneider und der Daudies,
die sein Beifall oder sein Tadel in die Welt aufnahm oder aus ihr verbannte,
aufgeschwungen. Das Ziel seines Strebens war, der bestgeklcidete Mensch in
London zu sein, und- man kann nicht läugnen, daß er das Ziel mit Geschmack,
und Geist zu erreichen wußte. Wie alle Menschen von wahrem Geschmack
vermied er alles Uebertriebeue, und zeichnete sich nur durch gewählte Einfachheit
ans. Früh Stiefeln und Pantalons, einen Ueberrock und eine helle Weste; des
Abends einen blauen Frack, weiße Weste, schwarze an den Knöcheln sehr eng
«»geknopfte Beinkleider, seidene Strümpfe und eine Claque. Das Hauptstück
seiner Garderobe aber war die Halsbinde, welcher er eine in der Geschichte der
Mode Epoche machende Bedeutung gegeben hat. Früher legte man das Tuch
um deu Hals, und schlang die Enden mit wahrhaft sträflicher Sorglosigkeit zu
einem Knoten zusammen; Brummell aber schuf die gestärkte Cravate, und machte
ihr Umbinden zu einer schwer zu erlerncudeu und schwer zu übende» Kunst.
Hinsichtlich des Grades der Steifheit seiner Cravate war er zwar »icht so difficil
'wie eiuer seiner Nachahmer, welcher jede verwarf, die sich nicht an einem Zipfel
Grenzboten. IV. I8!i-I. !>!j
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