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Die Grenzboten. Jg. 10, 1851, II. Semester. IV. Band.

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der Zeit wetteiferten die Romanschreiber, solide, prosaische, der Pflicht nachlebende
Menschen als die eigentlichen Verläumder darzustellen, denen das in verführeri¬
schen, vergeistigter Egoismus versunkene Zeitalter nicht gerecht werde. -- Dumas
hat die Sache einfacher und handgreiflicher aufgefaßt. Der geniale Künstler muß
tüchtig trinken, nach allen Seiten hin lieben und ähnliche Ausschweifungen trei¬
ben; seine gesunde, kräftige Natur wird die daraus entstehenden Verwickelungen
schon zu lösen wissen. So unwahr diese Voraussetzung ist, so muß man doch zu¬
gestehen, daß das Stück, trotz aller Münchhausen'schen Abenteuerlichkeiten, voll
guter Laune ist, und viel weniger unsittlich, als unsre deutsche Manier, die Ge¬
nialität bis in ihre schmuzigsten Krankheiten hinein zu rechtfertigen.

Richard d'Ar ling ton ist nach einem Roman Walter Scott's bearbeitet,
"Die Tochter des Arztes." Die Tochter eines mächtigen Lords wird durch einen
Man" verführt, von dem man nachher erfährt, daß er Scharfrichter ist. Sie
kommt in dem Hause eines armen Landarztes nieder. Der Knabe, der als Sohn
desselben auferzogen wird, zeigt schon früh einen brennenden Ehrgeiz, dem er alle
seine besseren Neigungen opfert. Durch seine Intriguen bringt er es zuerst dahin,
ius Parlament gewählt zu werde"; dort zeichnet er sich als Führer der Oppo¬
sition aus, bis ihm von Seiten der Aristokratie die glänzendsten Anerbietungen
gemacht werden: er soll die Tochter eines reichen Lords heirathen und selbst Lord
und Minister werden. Er opfert seinem Ehrgeiz uicht blos seine Principien,
souderu auch sein Weib, die Tochter seines Pflegevaters. Wie Robert den Teu¬
fel, umgeben ihn zwei Genien, der gute und der böse; der gute ist sein eigent¬
licher Vater, der ehemalige Scharfrichter, der ihn in allen kritischen Al¬
len seines Lebens warnt, der böse die bekannte Charaktermaske des gefühllosen
Maschinisten. Die Hauptstcafe des Ehrgeizigen besteht darin, daß er, der lV
Dunkel seiner Herkunft früher davon geträumt hat, er sei der Sohn eiues Großen,
vielleicht des Königs selbst, zuletzt erfahren muß, der Henker sei sein Vater.
Das Stück ist in der rohesten Melodrammauier geschrieben.

Caligula (1837) halte ich für Dumas' bestes Drama, trotz der vielfache"
Rohheiten und Liederlichkeiten, die sich auch darin vorfinden. Die Zeit des römi¬
schen Kaiserreichs mit ihren ausschweifenden Gelüsten und ihren raffinirten Greueln,
ihrem Skepticismus und ihrem Aberglauben mußte den Romantikern die beste
Ausbeute verheißen, und mau muß sich wundern, daß Victor Hugo nicht daranl
gekommen ist. Gutzkow hatte es einige Jahre vorher in seinem "Nerv" ver¬
sucht, der aber nicht für das Theater geschrieben war, und sich in aphoristische
Empfindungen und Reflexionen verlor. Dumas versichert, zu seinem Drama w
Rom und Neapel die eifrigsten Studien gemacht zu haben. Es wird wol nicht
so gefährlich damit sein, und die einzelnen historischen Kuriositäten, die er nach
seiner Weise anbringt, hätte er sich ganz beqnem ersparen können. Dagegen h"
er den Sinn jener Zeit, das wüste Traumleben, in dem man nicht blos an die


der Zeit wetteiferten die Romanschreiber, solide, prosaische, der Pflicht nachlebende
Menschen als die eigentlichen Verläumder darzustellen, denen das in verführeri¬
schen, vergeistigter Egoismus versunkene Zeitalter nicht gerecht werde. — Dumas
hat die Sache einfacher und handgreiflicher aufgefaßt. Der geniale Künstler muß
tüchtig trinken, nach allen Seiten hin lieben und ähnliche Ausschweifungen trei¬
ben; seine gesunde, kräftige Natur wird die daraus entstehenden Verwickelungen
schon zu lösen wissen. So unwahr diese Voraussetzung ist, so muß man doch zu¬
gestehen, daß das Stück, trotz aller Münchhausen'schen Abenteuerlichkeiten, voll
guter Laune ist, und viel weniger unsittlich, als unsre deutsche Manier, die Ge¬
nialität bis in ihre schmuzigsten Krankheiten hinein zu rechtfertigen.

Richard d'Ar ling ton ist nach einem Roman Walter Scott's bearbeitet,
„Die Tochter des Arztes." Die Tochter eines mächtigen Lords wird durch einen
Man» verführt, von dem man nachher erfährt, daß er Scharfrichter ist. Sie
kommt in dem Hause eines armen Landarztes nieder. Der Knabe, der als Sohn
desselben auferzogen wird, zeigt schon früh einen brennenden Ehrgeiz, dem er alle
seine besseren Neigungen opfert. Durch seine Intriguen bringt er es zuerst dahin,
ius Parlament gewählt zu werde»; dort zeichnet er sich als Führer der Oppo¬
sition aus, bis ihm von Seiten der Aristokratie die glänzendsten Anerbietungen
gemacht werden: er soll die Tochter eines reichen Lords heirathen und selbst Lord
und Minister werden. Er opfert seinem Ehrgeiz uicht blos seine Principien,
souderu auch sein Weib, die Tochter seines Pflegevaters. Wie Robert den Teu¬
fel, umgeben ihn zwei Genien, der gute und der böse; der gute ist sein eigent¬
licher Vater, der ehemalige Scharfrichter, der ihn in allen kritischen Al¬
len seines Lebens warnt, der böse die bekannte Charaktermaske des gefühllosen
Maschinisten. Die Hauptstcafe des Ehrgeizigen besteht darin, daß er, der lV
Dunkel seiner Herkunft früher davon geträumt hat, er sei der Sohn eiues Großen,
vielleicht des Königs selbst, zuletzt erfahren muß, der Henker sei sein Vater.
Das Stück ist in der rohesten Melodrammauier geschrieben.

Caligula (1837) halte ich für Dumas' bestes Drama, trotz der vielfache"
Rohheiten und Liederlichkeiten, die sich auch darin vorfinden. Die Zeit des römi¬
schen Kaiserreichs mit ihren ausschweifenden Gelüsten und ihren raffinirten Greueln,
ihrem Skepticismus und ihrem Aberglauben mußte den Romantikern die beste
Ausbeute verheißen, und mau muß sich wundern, daß Victor Hugo nicht daranl
gekommen ist. Gutzkow hatte es einige Jahre vorher in seinem „Nerv" ver¬
sucht, der aber nicht für das Theater geschrieben war, und sich in aphoristische
Empfindungen und Reflexionen verlor. Dumas versichert, zu seinem Drama w
Rom und Neapel die eifrigsten Studien gemacht zu haben. Es wird wol nicht
so gefährlich damit sein, und die einzelnen historischen Kuriositäten, die er nach
seiner Weise anbringt, hätte er sich ganz beqnem ersparen können. Dagegen h"
er den Sinn jener Zeit, das wüste Traumleben, in dem man nicht blos an die


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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 10, 1851, II. Semester. IV. Band, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341570_280616/174>, abgerufen am 23.07.2024.