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Die Grenzboten. Erster Jahrgang. Leipzig, 1841.

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die ansehnliche Stadt Huy, die noch nie ohne Preis aus einem Concurs ge¬
gangen war, dießmal ohne die geringste Auszeichnung blieb. Man denke
sich die Freude der Erstern, die ohne Hoffnung zu dem Wettstreite gezogen,
und den Verdruß der Andern, die im stolzesten Selbstvertrauen gekommen.
Ich sprach Jemand, der an diesem Abend zwischen den beiden Dirigenten
der genannten Harmonien saß, und, da sie ihm Beide verwandt sind, nun
geduldig die verschiedenen Ausrufe der Seligkeit, und die Klagen über Par¬
teilichkeit anhören mußte.

In der That scheinen bei diesem letzten Wettstreite einige Sachen vor¬
gegangen zu sein, die nicht in der Ordnung waren, indem einige der besten
Mitglieder der Brüsseler Harmonieen, die, als Musiker von Profession, überall
spielen, wo man sie bezahlt, der Eisenbahn wegen, leicht zu Mitgliedern der
Societät von Hal gemacht werden konnten, und ferner bei der Gesellschaft
von Alost sich, wie man sagt, ein Professor des Lütticher, und einer des
Genter Conservatoriums vorfand, -- kein Wunder, daß diese Gesellschaften,
besonders da man bei den Variationen bedeutende Solostellen anbringen
konnte, den Preis davon trugen.

Am Sonntag fand das letzte Pferderennen statt, und Nachmittags end¬
lich jenes vielbesprochene und denkwürdige Wettsingen, wobei die Deutschen
einen so glänzenden Sieg davontrugen.

Mit diesen: letzten Wettspiele waren die Festlichkeiten im Ganzen zu
Ende, wenn wir noch die unten näher zu beschreibende Parkerleuchtung, so
wie die Preisvertheilung an die Schützen und die auf den Montag verscho¬
bene Eröffnung der neuen Nordstation hinzurechnen. Man sollte wahrlich
bei der Einrichtung von Volksfesten nicht so leichtsinnig verfahren, als das
gewöhnlich zu geschehen pflegt. Ein ächtes Volksfest sollte sich, streng ge¬
nommen, aus dem Volke selbst bilden, daher kommt es denn, daß alles Ar-
rangiren so leicht seinen Zweck verfehlt.

Wenn unsere Festanordner, wie es auf den ersten Anblick scheinen könnte
(da ja das ganze Fest fast ans Nichts als Concursen bestand), an die
olympischen Spiele gedacht haben, so haben sie einige Hauptpuncte ganz
außer Acht gelassen. Wettspiele verschiedener Art fanden zwar Statt und
zwar solche, wie sie für unsere Zeit völlig passen, aber man vergaß
dabei auf die Zuschauenden Rücksicht zu nehmen. Bei dem Wettrennen muß
das Volk im Koth waten, die Schießwetten finden in abgesonderten Localen
Statt, und bei dem musikalischen Concurse begeht man die Thorheit, dieje¬
nigen, die aus Neugierde die unvortheilhaften Plätze einnehmen wollen,
durch einen Eintrittspreis gar zu verscheuchen. Wenn in Paris die Aus¬
dehnung der Stadt es als nohtwendig gebietet, an der Barriere du trone
ebenfalls eine Feierlichkeit zu veranstalten, wahrend die Hauptmassen sich zu

die ansehnliche Stadt Huy, die noch nie ohne Preis aus einem Concurs ge¬
gangen war, dießmal ohne die geringste Auszeichnung blieb. Man denke
sich die Freude der Erstern, die ohne Hoffnung zu dem Wettstreite gezogen,
und den Verdruß der Andern, die im stolzesten Selbstvertrauen gekommen.
Ich sprach Jemand, der an diesem Abend zwischen den beiden Dirigenten
der genannten Harmonien saß, und, da sie ihm Beide verwandt sind, nun
geduldig die verschiedenen Ausrufe der Seligkeit, und die Klagen über Par¬
teilichkeit anhören mußte.

In der That scheinen bei diesem letzten Wettstreite einige Sachen vor¬
gegangen zu sein, die nicht in der Ordnung waren, indem einige der besten
Mitglieder der Brüsseler Harmonieen, die, als Musiker von Profession, überall
spielen, wo man sie bezahlt, der Eisenbahn wegen, leicht zu Mitgliedern der
Societät von Hal gemacht werden konnten, und ferner bei der Gesellschaft
von Alost sich, wie man sagt, ein Professor des Lütticher, und einer des
Genter Conservatoriums vorfand, — kein Wunder, daß diese Gesellschaften,
besonders da man bei den Variationen bedeutende Solostellen anbringen
konnte, den Preis davon trugen.

Am Sonntag fand das letzte Pferderennen statt, und Nachmittags end¬
lich jenes vielbesprochene und denkwürdige Wettsingen, wobei die Deutschen
einen so glänzenden Sieg davontrugen.

Mit diesen: letzten Wettspiele waren die Festlichkeiten im Ganzen zu
Ende, wenn wir noch die unten näher zu beschreibende Parkerleuchtung, so
wie die Preisvertheilung an die Schützen und die auf den Montag verscho¬
bene Eröffnung der neuen Nordstation hinzurechnen. Man sollte wahrlich
bei der Einrichtung von Volksfesten nicht so leichtsinnig verfahren, als das
gewöhnlich zu geschehen pflegt. Ein ächtes Volksfest sollte sich, streng ge¬
nommen, aus dem Volke selbst bilden, daher kommt es denn, daß alles Ar-
rangiren so leicht seinen Zweck verfehlt.

Wenn unsere Festanordner, wie es auf den ersten Anblick scheinen könnte
(da ja das ganze Fest fast ans Nichts als Concursen bestand), an die
olympischen Spiele gedacht haben, so haben sie einige Hauptpuncte ganz
außer Acht gelassen. Wettspiele verschiedener Art fanden zwar Statt und
zwar solche, wie sie für unsere Zeit völlig passen, aber man vergaß
dabei auf die Zuschauenden Rücksicht zu nehmen. Bei dem Wettrennen muß
das Volk im Koth waten, die Schießwetten finden in abgesonderten Localen
Statt, und bei dem musikalischen Concurse begeht man die Thorheit, dieje¬
nigen, die aus Neugierde die unvortheilhaften Plätze einnehmen wollen,
durch einen Eintrittspreis gar zu verscheuchen. Wenn in Paris die Aus¬
dehnung der Stadt es als nohtwendig gebietet, an der Barriere du trone
ebenfalls eine Feierlichkeit zu veranstalten, wahrend die Hauptmassen sich zu

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[42/0050] die ansehnliche Stadt Huy, die noch nie ohne Preis aus einem Concurs ge¬ gangen war, dießmal ohne die geringste Auszeichnung blieb. Man denke sich die Freude der Erstern, die ohne Hoffnung zu dem Wettstreite gezogen, und den Verdruß der Andern, die im stolzesten Selbstvertrauen gekommen. Ich sprach Jemand, der an diesem Abend zwischen den beiden Dirigenten der genannten Harmonien saß, und, da sie ihm Beide verwandt sind, nun geduldig die verschiedenen Ausrufe der Seligkeit, und die Klagen über Par¬ teilichkeit anhören mußte. In der That scheinen bei diesem letzten Wettstreite einige Sachen vor¬ gegangen zu sein, die nicht in der Ordnung waren, indem einige der besten Mitglieder der Brüsseler Harmonieen, die, als Musiker von Profession, überall spielen, wo man sie bezahlt, der Eisenbahn wegen, leicht zu Mitgliedern der Societät von Hal gemacht werden konnten, und ferner bei der Gesellschaft von Alost sich, wie man sagt, ein Professor des Lütticher, und einer des Genter Conservatoriums vorfand, — kein Wunder, daß diese Gesellschaften, besonders da man bei den Variationen bedeutende Solostellen anbringen konnte, den Preis davon trugen. Am Sonntag fand das letzte Pferderennen statt, und Nachmittags end¬ lich jenes vielbesprochene und denkwürdige Wettsingen, wobei die Deutschen einen so glänzenden Sieg davontrugen. Mit diesen: letzten Wettspiele waren die Festlichkeiten im Ganzen zu Ende, wenn wir noch die unten näher zu beschreibende Parkerleuchtung, so wie die Preisvertheilung an die Schützen und die auf den Montag verscho¬ bene Eröffnung der neuen Nordstation hinzurechnen. Man sollte wahrlich bei der Einrichtung von Volksfesten nicht so leichtsinnig verfahren, als das gewöhnlich zu geschehen pflegt. Ein ächtes Volksfest sollte sich, streng ge¬ nommen, aus dem Volke selbst bilden, daher kommt es denn, daß alles Ar- rangiren so leicht seinen Zweck verfehlt. Wenn unsere Festanordner, wie es auf den ersten Anblick scheinen könnte (da ja das ganze Fest fast ans Nichts als Concursen bestand), an die olympischen Spiele gedacht haben, so haben sie einige Hauptpuncte ganz außer Acht gelassen. Wettspiele verschiedener Art fanden zwar Statt und zwar solche, wie sie für unsere Zeit völlig passen, aber man vergaß dabei auf die Zuschauenden Rücksicht zu nehmen. Bei dem Wettrennen muß das Volk im Koth waten, die Schießwetten finden in abgesonderten Localen Statt, und bei dem musikalischen Concurse begeht man die Thorheit, dieje¬ nigen, die aus Neugierde die unvortheilhaften Plätze einnehmen wollen, durch einen Eintrittspreis gar zu verscheuchen. Wenn in Paris die Aus¬ dehnung der Stadt es als nohtwendig gebietet, an der Barriere du trone ebenfalls eine Feierlichkeit zu veranstalten, wahrend die Hauptmassen sich zu

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Erster Jahrgang. Leipzig, 1841, S. 42. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_179382_282158/50>, abgerufen am 16.04.2024.