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Die Grenzboten. Erster Jahrgang. Leipzig, 1841.

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Es ist zu begreifen, daß das Genie unbekannt bleiben könne; die Um¬
stände können ihm zuwider sein, aber daß es unverstanden bleibe? nein!
"Unverstandenes Genie?" Entdeckung der eiteln Mittelmäßigkeit! "Wieder¬
einsetzung des unverstandenen Genies?" paradoxe Phrase, entstanden aus dem
Bedürfniß, etwas Besonderes zu sagen. Ohne Zweifel hebt die Nachwelt
manchmal die Beschlüsse eines Jahrhunderts auf, und verbrennt was dieses
vergötterte, aber das, was die Nachwelt bewundert, konnte nicht in einer Epoche
entstehen, wo der Kern der Gesellschaft keinen Begriff davon gehabt hätte. De߬
halb genügt ein Werk des Genies, um die Bildung seiner Zeit nachzuweisen;
der Ausdruck setzt die Idee voraus. Camoens verschmachtete unbekannt in
einer Garnison China's. Wer hätte auch errathen wollen, welches Meisterwerk
bald die Hand des Schiffbrüchigen über die Fluchen erheben würde? Aber
kaum ist die Lusiade veröffentlicht, so erklärt ihn ganz Portugal für den Kö¬
nig seiner Dichter. Ganz England klatscht Shakspeare bei seinem Leben Bei¬
fall; die entferntesten Provinzen Frankreichs rufen, wenn etwas Außerordent¬
liches sich ihren Augen darstellt, aus: Das ist schön wie der Cid! Tasso wird
auf dem Capitole gekrönt; in den Abruzzen werfen sich die Räuber bei dem
Namen Ariosto's nieder; und Göthe, "der Zukunftsdichter," hatte wahrlich
über seine Mitwelt nicht zu klagen, wie auch die Hypochondrie eines Riemer's
darüber stöhnen und ächzen mag.

Fassen wir in Kurzem das Endziel dieser Betrachtung, so gelangen wir
zu dem Schluß, daß der Zustand der Gesellschaft in einem weit innigern Zu¬
sammenhang mit der Idee des Schriftstellers steht, als man im gewöhnlichen
Leben anzunehmen geneigt ist. Mag immerhin die Kritik sich damit beschäftigen,
wie weit diese oder jene geistige Production der Wahrheit näher gerückt ist, und
wie sich von ihr entfernt hat, mag sie, das Endziel der geistigen Aufgabe im
Auge haltend, ihre Blicke stets vorwärts richten; wir wollen die Mühe über¬
nehmen, von Zeit zu Zeit uns umzusehen, in wie weit die Gesellschaft, der all¬
gemeine Geist der Zeit, die literarischen Bestrebungen begleitet oder dahin fah¬
ren läßt. Wir wollen die Zeit aus der Idee und die Idee aus der Zeit zu
erkennen trachten. Vielleicht rücken wir dadurch etwas näher dem Verständniß
der Gegenwart.

A. Baron,
Professor der Literaturgeschichte an der
freien Universität zu Brüssel.


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Es ist zu begreifen, daß das Genie unbekannt bleiben könne; die Um¬
stände können ihm zuwider sein, aber daß es unverstanden bleibe? nein!
„Unverstandenes Genie?“ Entdeckung der eiteln Mittelmäßigkeit! „Wieder¬
einsetzung des unverstandenen Genies?“ paradoxe Phrase, entstanden aus dem
Bedürfniß, etwas Besonderes zu sagen. Ohne Zweifel hebt die Nachwelt
manchmal die Beschlüsse eines Jahrhunderts auf, und verbrennt was dieses
vergötterte, aber das, was die Nachwelt bewundert, konnte nicht in einer Epoche
entstehen, wo der Kern der Gesellschaft keinen Begriff davon gehabt hätte. De߬
halb genügt ein Werk des Genies, um die Bildung seiner Zeit nachzuweisen;
der Ausdruck setzt die Idee voraus. Camoens verschmachtete unbekannt in
einer Garnison China's. Wer hätte auch errathen wollen, welches Meisterwerk
bald die Hand des Schiffbrüchigen über die Fluchen erheben würde? Aber
kaum ist die Lusiade veröffentlicht, so erklärt ihn ganz Portugal für den Kö¬
nig seiner Dichter. Ganz England klatscht Shakspeare bei seinem Leben Bei¬
fall; die entferntesten Provinzen Frankreichs rufen, wenn etwas Außerordent¬
liches sich ihren Augen darstellt, aus: Das ist schön wie der Cid! Tasso wird
auf dem Capitole gekrönt; in den Abruzzen werfen sich die Räuber bei dem
Namen Ariosto's nieder; und Göthe, „der Zukunftsdichter,“ hatte wahrlich
über seine Mitwelt nicht zu klagen, wie auch die Hypochondrie eines Riemer's
darüber stöhnen und ächzen mag.

Fassen wir in Kurzem das Endziel dieser Betrachtung, so gelangen wir
zu dem Schluß, daß der Zustand der Gesellschaft in einem weit innigern Zu¬
sammenhang mit der Idee des Schriftstellers steht, als man im gewöhnlichen
Leben anzunehmen geneigt ist. Mag immerhin die Kritik sich damit beschäftigen,
wie weit diese oder jene geistige Production der Wahrheit näher gerückt ist, und
wie sich von ihr entfernt hat, mag sie, das Endziel der geistigen Aufgabe im
Auge haltend, ihre Blicke stets vorwärts richten; wir wollen die Mühe über¬
nehmen, von Zeit zu Zeit uns umzusehen, in wie weit die Gesellschaft, der all¬
gemeine Geist der Zeit, die literarischen Bestrebungen begleitet oder dahin fah¬
ren läßt. Wir wollen die Zeit aus der Idee und die Idee aus der Zeit zu
erkennen trachten. Vielleicht rücken wir dadurch etwas näher dem Verständniß
der Gegenwart.

A. Baron,
Professor der Literaturgeschichte an der
freien Universität zu Brüssel.


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[25/0033] Es ist zu begreifen, daß das Genie unbekannt bleiben könne; die Um¬ stände können ihm zuwider sein, aber daß es unverstanden bleibe? nein! „Unverstandenes Genie?“ Entdeckung der eiteln Mittelmäßigkeit! „Wieder¬ einsetzung des unverstandenen Genies?“ paradoxe Phrase, entstanden aus dem Bedürfniß, etwas Besonderes zu sagen. Ohne Zweifel hebt die Nachwelt manchmal die Beschlüsse eines Jahrhunderts auf, und verbrennt was dieses vergötterte, aber das, was die Nachwelt bewundert, konnte nicht in einer Epoche entstehen, wo der Kern der Gesellschaft keinen Begriff davon gehabt hätte. De߬ halb genügt ein Werk des Genies, um die Bildung seiner Zeit nachzuweisen; der Ausdruck setzt die Idee voraus. Camoens verschmachtete unbekannt in einer Garnison China's. Wer hätte auch errathen wollen, welches Meisterwerk bald die Hand des Schiffbrüchigen über die Fluchen erheben würde? Aber kaum ist die Lusiade veröffentlicht, so erklärt ihn ganz Portugal für den Kö¬ nig seiner Dichter. Ganz England klatscht Shakspeare bei seinem Leben Bei¬ fall; die entferntesten Provinzen Frankreichs rufen, wenn etwas Außerordent¬ liches sich ihren Augen darstellt, aus: Das ist schön wie der Cid! Tasso wird auf dem Capitole gekrönt; in den Abruzzen werfen sich die Räuber bei dem Namen Ariosto's nieder; und Göthe, „der Zukunftsdichter,“ hatte wahrlich über seine Mitwelt nicht zu klagen, wie auch die Hypochondrie eines Riemer's darüber stöhnen und ächzen mag. Fassen wir in Kurzem das Endziel dieser Betrachtung, so gelangen wir zu dem Schluß, daß der Zustand der Gesellschaft in einem weit innigern Zu¬ sammenhang mit der Idee des Schriftstellers steht, als man im gewöhnlichen Leben anzunehmen geneigt ist. Mag immerhin die Kritik sich damit beschäftigen, wie weit diese oder jene geistige Production der Wahrheit näher gerückt ist, und wie sich von ihr entfernt hat, mag sie, das Endziel der geistigen Aufgabe im Auge haltend, ihre Blicke stets vorwärts richten; wir wollen die Mühe über¬ nehmen, von Zeit zu Zeit uns umzusehen, in wie weit die Gesellschaft, der all¬ gemeine Geist der Zeit, die literarischen Bestrebungen begleitet oder dahin fah¬ ren läßt. Wir wollen die Zeit aus der Idee und die Idee aus der Zeit zu erkennen trachten. Vielleicht rücken wir dadurch etwas näher dem Verständniß der Gegenwart. A. Baron, Professor der Literaturgeschichte an der freien Universität zu Brüssel. 4

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Erster Jahrgang. Leipzig, 1841, S. 25. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_179382_282158/33>, abgerufen am 23.04.2024.