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Die Grenzboten. Erster Jahrgang. Leipzig, 1841.

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Wenn wir die Annalen der Bildungsgeschichte entrollen, so begegnen wir
Zeiträumen und Völkern, gleich reich an That und Darstellung; der Himmel
und die Erde lächelten ihnen zu gleicher Zeit, und die Namen eines Perikles,
eines Franz des Ersten, einer Elisabeth, eines Ludwig des Vierzehnten, strahl¬
ten nach allen Seiten. Andere dagegen, eben so arm an Helden als an Schrift¬
stellern, hatten im Ganzen genommen weder denkende Köpfe, noch streitende
Arme, weder Federn, noch Degen. Hier entfaltete sich eine merkwürdige Größe
der Begebenheiten und eine nicht minder erstaunenswerthe Mittelmäßigkeit der
Schriften: so sahen wir in Frankreich die letzten Jahre des achtzehnten und die
ersten des neunzehnten Jahrhunderts verfließen. Dort war Alles umgekehrt,
und Conrad Celtes hatte Kaiser Friedrich den Dritten, Montesquieu, Buffon,
Rousseau und Voltaire hatten einen Dubois, eine Pompadour und das Parla¬
ment Maupeou zu Zeitgenossen.

Wir verlangen von der Geschichte die Erklärung dieser Erscheinungen, und
nur indem wir mit ihrem Lichte alle Seiten der Gesellschaft beleuchten, glau¬
ben wir die Elemente des Hervorragens oder der Unzulänglichkeit dieser oder
jener Epoche, dieses oder jenes Volkes erfassen und unterscheiden zu können,
je nachdem sich die vorbildenden und die entscheidenden Perioden, die Zeiten
des Triumphs, des Kampfs, des Verfalls und des Uebergangs vorbereiten
und vollenden. Wir sehen zugleich ein, daß, wenn in der Dauer der Natio-
nalexistenzen die Darstellung immer im Einklang mit dem Gedanken ist, es
geschehen kann, daß diese nicht mit den Thaten übereinstimmen, daß oft Na¬
tionen, wie Einzelmenschen, so zu sagen ein ideales Leben außerhalb ihres prak¬
tischen Lebens haben; daß man nicht zu sehr zu erstaunen braucht, wenn in
Frankreich das Zeitalter, welches dem Aeußern nach das ausschweifendste und
leichtfertigste war, sich im Grunde als das kräftigst erneuernde darstellte;
wenn das Ungestümste und Glänzendste auf dem Schlachtfelde im Cabinete
das furchtsamst Klassische war, wenn endlich dasjenige, welches sich im wirk¬
lichen Leben als das Gesetzteste und Spießbürgerlichste zeigt, sich mit allem Un¬
gestüm in die heftigsten Ausschweifungen einer excentrischen Literatur stürzt.
Nun füge man noch hinzu, daß es Beschaffenheiten der Gesellschaft gibt, wo
man sie ihrer Gegenwart entfremdet meinen möchte, indem sie sich auf der einen
Seite, wie ein Greis, nur damit beschäftigt, die Vergangenheit zu rühmen und
zurückzuwünschen, auf der andern Seite aber, wie ein Jüngling, sich an Uto-
pieen weidet und an einer erträumten Zukunft erbaut.

Aber wenn so viele geistige und sittliche Verschiedenheiten der Zeiträume
und der Völker für uns ein anziehender Gegenstand der Beleuchtung sind, so
erscheinen uns die Aehnlichkeiten und Analogieen derselben unseres Studiums
noch würdiger.

Allen örtlichen und zeitlichen Verschiedenheiten liegt immer die gleiche und

Wenn wir die Annalen der Bildungsgeschichte entrollen, so begegnen wir
Zeiträumen und Völkern, gleich reich an That und Darstellung; der Himmel
und die Erde lächelten ihnen zu gleicher Zeit, und die Namen eines Perikles,
eines Franz des Ersten, einer Elisabeth, eines Ludwig des Vierzehnten, strahl¬
ten nach allen Seiten. Andere dagegen, eben so arm an Helden als an Schrift¬
stellern, hatten im Ganzen genommen weder denkende Köpfe, noch streitende
Arme, weder Federn, noch Degen. Hier entfaltete sich eine merkwürdige Größe
der Begebenheiten und eine nicht minder erstaunenswerthe Mittelmäßigkeit der
Schriften: so sahen wir in Frankreich die letzten Jahre des achtzehnten und die
ersten des neunzehnten Jahrhunderts verfließen. Dort war Alles umgekehrt,
und Conrad Celtes hatte Kaiser Friedrich den Dritten, Montesquieu, Buffon,
Rousseau und Voltaire hatten einen Dubois, eine Pompadour und das Parla¬
ment Maupeou zu Zeitgenossen.

Wir verlangen von der Geschichte die Erklärung dieser Erscheinungen, und
nur indem wir mit ihrem Lichte alle Seiten der Gesellschaft beleuchten, glau¬
ben wir die Elemente des Hervorragens oder der Unzulänglichkeit dieser oder
jener Epoche, dieses oder jenes Volkes erfassen und unterscheiden zu können,
je nachdem sich die vorbildenden und die entscheidenden Perioden, die Zeiten
des Triumphs, des Kampfs, des Verfalls und des Uebergangs vorbereiten
und vollenden. Wir sehen zugleich ein, daß, wenn in der Dauer der Natio-
nalexistenzen die Darstellung immer im Einklang mit dem Gedanken ist, es
geschehen kann, daß diese nicht mit den Thaten übereinstimmen, daß oft Na¬
tionen, wie Einzelmenschen, so zu sagen ein ideales Leben außerhalb ihres prak¬
tischen Lebens haben; daß man nicht zu sehr zu erstaunen braucht, wenn in
Frankreich das Zeitalter, welches dem Aeußern nach das ausschweifendste und
leichtfertigste war, sich im Grunde als das kräftigst erneuernde darstellte;
wenn das Ungestümste und Glänzendste auf dem Schlachtfelde im Cabinete
das furchtsamst Klassische war, wenn endlich dasjenige, welches sich im wirk¬
lichen Leben als das Gesetzteste und Spießbürgerlichste zeigt, sich mit allem Un¬
gestüm in die heftigsten Ausschweifungen einer excentrischen Literatur stürzt.
Nun füge man noch hinzu, daß es Beschaffenheiten der Gesellschaft gibt, wo
man sie ihrer Gegenwart entfremdet meinen möchte, indem sie sich auf der einen
Seite, wie ein Greis, nur damit beschäftigt, die Vergangenheit zu rühmen und
zurückzuwünschen, auf der andern Seite aber, wie ein Jüngling, sich an Uto-
pieen weidet und an einer erträumten Zukunft erbaut.

Aber wenn so viele geistige und sittliche Verschiedenheiten der Zeiträume
und der Völker für uns ein anziehender Gegenstand der Beleuchtung sind, so
erscheinen uns die Aehnlichkeiten und Analogieen derselben unseres Studiums
noch würdiger.

Allen örtlichen und zeitlichen Verschiedenheiten liegt immer die gleiche und

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[20/0028] Wenn wir die Annalen der Bildungsgeschichte entrollen, so begegnen wir Zeiträumen und Völkern, gleich reich an That und Darstellung; der Himmel und die Erde lächelten ihnen zu gleicher Zeit, und die Namen eines Perikles, eines Franz des Ersten, einer Elisabeth, eines Ludwig des Vierzehnten, strahl¬ ten nach allen Seiten. Andere dagegen, eben so arm an Helden als an Schrift¬ stellern, hatten im Ganzen genommen weder denkende Köpfe, noch streitende Arme, weder Federn, noch Degen. Hier entfaltete sich eine merkwürdige Größe der Begebenheiten und eine nicht minder erstaunenswerthe Mittelmäßigkeit der Schriften: so sahen wir in Frankreich die letzten Jahre des achtzehnten und die ersten des neunzehnten Jahrhunderts verfließen. Dort war Alles umgekehrt, und Conrad Celtes hatte Kaiser Friedrich den Dritten, Montesquieu, Buffon, Rousseau und Voltaire hatten einen Dubois, eine Pompadour und das Parla¬ ment Maupeou zu Zeitgenossen. Wir verlangen von der Geschichte die Erklärung dieser Erscheinungen, und nur indem wir mit ihrem Lichte alle Seiten der Gesellschaft beleuchten, glau¬ ben wir die Elemente des Hervorragens oder der Unzulänglichkeit dieser oder jener Epoche, dieses oder jenes Volkes erfassen und unterscheiden zu können, je nachdem sich die vorbildenden und die entscheidenden Perioden, die Zeiten des Triumphs, des Kampfs, des Verfalls und des Uebergangs vorbereiten und vollenden. Wir sehen zugleich ein, daß, wenn in der Dauer der Natio- nalexistenzen die Darstellung immer im Einklang mit dem Gedanken ist, es geschehen kann, daß diese nicht mit den Thaten übereinstimmen, daß oft Na¬ tionen, wie Einzelmenschen, so zu sagen ein ideales Leben außerhalb ihres prak¬ tischen Lebens haben; daß man nicht zu sehr zu erstaunen braucht, wenn in Frankreich das Zeitalter, welches dem Aeußern nach das ausschweifendste und leichtfertigste war, sich im Grunde als das kräftigst erneuernde darstellte; wenn das Ungestümste und Glänzendste auf dem Schlachtfelde im Cabinete das furchtsamst Klassische war, wenn endlich dasjenige, welches sich im wirk¬ lichen Leben als das Gesetzteste und Spießbürgerlichste zeigt, sich mit allem Un¬ gestüm in die heftigsten Ausschweifungen einer excentrischen Literatur stürzt. Nun füge man noch hinzu, daß es Beschaffenheiten der Gesellschaft gibt, wo man sie ihrer Gegenwart entfremdet meinen möchte, indem sie sich auf der einen Seite, wie ein Greis, nur damit beschäftigt, die Vergangenheit zu rühmen und zurückzuwünschen, auf der andern Seite aber, wie ein Jüngling, sich an Uto- pieen weidet und an einer erträumten Zukunft erbaut. Aber wenn so viele geistige und sittliche Verschiedenheiten der Zeiträume und der Völker für uns ein anziehender Gegenstand der Beleuchtung sind, so erscheinen uns die Aehnlichkeiten und Analogieen derselben unseres Studiums noch würdiger. Allen örtlichen und zeitlichen Verschiedenheiten liegt immer die gleiche und

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Erster Jahrgang. Leipzig, 1841, S. 20. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_179382_282158/28>, abgerufen am 21.04.2024.