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Die Grenzboten. Erster Jahrgang. Leipzig, 1841.

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Literarische Uebersichten vom Standpuncte der Ge¬
sellschaft.


1.
Vorwort.

Faßt man das Wort "Literatur" in seiner ausgedehntesten Bedeutung,
so bezeichnet es die Gesammtheit der Hervorbringungen des menschlichen Gei¬
stes, sofern derselbe sich durch Wort und Schrift offenbart.

In einem engern und gewöhnlichern Sinne sagt man es von den geistigen
Werken, die sich an die Gesammtmasse richten, als: lyrische und epische Dicht¬
kunst, Geschichte, Beredsamkeit, Drama, Roman. Die Werke, deren Plan
rein wissenschaftlich ist und deren Gebrauch sich auf eine besondre Klasse von Le¬
sern beschränkt, gehören nicht in ihren Bereich, es sei denn, daß sie, ihre Sphäre
ausdehnend, einen gewissen Einfluß auf die Kunst, die Bildung und die Ge¬
sellschaft im Allgemeinen geäußert haben; oder auch, daß sie mit dem Gedan¬
ken das Verdienst des schönen Ausdrucks vereinen, und daß die Meinung ihres
Jahrhunderts, der Nachwelt oder einer gesunden Kritik in ihnen den Vorzug der
Form anerkennen. In der That, jedes gut geschriebene Buch, was auch im¬
mer desselben Gegenstand sein mag, gehört der Allgemeinheit an. Denn ein
solches Buch trägt in sich einen allgemeinen Character, der Allen verständlich
und zugänglich ist, das Schöne, d. h. Einheit, vollkommene Beziehung der
Mittel auf den Zweck, vollkommene Harmonie der Theile unter sich.

So wie das Wort der Ausdruck der Idee, und die Idee das durch das
Wort Dargestellte ist, so ist die Literatur der Ausdruck einer Nation, und die
Nation dasjenige, was sich in der Literatur darstellt. Als Offenbarung der
ausgezeichnetsten Geister ist sie der Spiegel, in dem sich die ganze Existenz
eines Volkes abbildet; sie ist in einem höhern Grade, als jede Kunst und jede
Wissenschaft, der Ausdruck der Gesellschaft, in dem Sinne, daß sie zu¬
gleich ihre Erinnerungen der Vergangenheit, ihre Eindrücke der Gegenwart
und ihre Wünsche für die Zukunft, -- daß sie Alles was sie liebt und Alles
was sie haßt, Alles was sie besitzt und Alles was ihr mangelt, darstellt.

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Literarische Uebersichten vom Standpuncte der Ge¬
sellschaft.


1.
Vorwort.

Faßt man das Wort „Literatur“ in seiner ausgedehntesten Bedeutung,
so bezeichnet es die Gesammtheit der Hervorbringungen des menschlichen Gei¬
stes, sofern derselbe sich durch Wort und Schrift offenbart.

In einem engern und gewöhnlichern Sinne sagt man es von den geistigen
Werken, die sich an die Gesammtmasse richten, als: lyrische und epische Dicht¬
kunst, Geschichte, Beredsamkeit, Drama, Roman. Die Werke, deren Plan
rein wissenschaftlich ist und deren Gebrauch sich auf eine besondre Klasse von Le¬
sern beschränkt, gehören nicht in ihren Bereich, es sei denn, daß sie, ihre Sphäre
ausdehnend, einen gewissen Einfluß auf die Kunst, die Bildung und die Ge¬
sellschaft im Allgemeinen geäußert haben; oder auch, daß sie mit dem Gedan¬
ken das Verdienst des schönen Ausdrucks vereinen, und daß die Meinung ihres
Jahrhunderts, der Nachwelt oder einer gesunden Kritik in ihnen den Vorzug der
Form anerkennen. In der That, jedes gut geschriebene Buch, was auch im¬
mer desselben Gegenstand sein mag, gehört der Allgemeinheit an. Denn ein
solches Buch trägt in sich einen allgemeinen Character, der Allen verständlich
und zugänglich ist, das Schöne, d. h. Einheit, vollkommene Beziehung der
Mittel auf den Zweck, vollkommene Harmonie der Theile unter sich.

So wie das Wort der Ausdruck der Idee, und die Idee das durch das
Wort Dargestellte ist, so ist die Literatur der Ausdruck einer Nation, und die
Nation dasjenige, was sich in der Literatur darstellt. Als Offenbarung der
ausgezeichnetsten Geister ist sie der Spiegel, in dem sich die ganze Existenz
eines Volkes abbildet; sie ist in einem höhern Grade, als jede Kunst und jede
Wissenschaft, der Ausdruck der Gesellschaft, in dem Sinne, daß sie zu¬
gleich ihre Erinnerungen der Vergangenheit, ihre Eindrücke der Gegenwart
und ihre Wünsche für die Zukunft, — daß sie Alles was sie liebt und Alles
was sie haßt, Alles was sie besitzt und Alles was ihr mangelt, darstellt.

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[19/0027] Literarische Uebersichten vom Standpuncte der Ge¬ sellschaft. 1. Vorwort. Faßt man das Wort „Literatur“ in seiner ausgedehntesten Bedeutung, so bezeichnet es die Gesammtheit der Hervorbringungen des menschlichen Gei¬ stes, sofern derselbe sich durch Wort und Schrift offenbart. In einem engern und gewöhnlichern Sinne sagt man es von den geistigen Werken, die sich an die Gesammtmasse richten, als: lyrische und epische Dicht¬ kunst, Geschichte, Beredsamkeit, Drama, Roman. Die Werke, deren Plan rein wissenschaftlich ist und deren Gebrauch sich auf eine besondre Klasse von Le¬ sern beschränkt, gehören nicht in ihren Bereich, es sei denn, daß sie, ihre Sphäre ausdehnend, einen gewissen Einfluß auf die Kunst, die Bildung und die Ge¬ sellschaft im Allgemeinen geäußert haben; oder auch, daß sie mit dem Gedan¬ ken das Verdienst des schönen Ausdrucks vereinen, und daß die Meinung ihres Jahrhunderts, der Nachwelt oder einer gesunden Kritik in ihnen den Vorzug der Form anerkennen. In der That, jedes gut geschriebene Buch, was auch im¬ mer desselben Gegenstand sein mag, gehört der Allgemeinheit an. Denn ein solches Buch trägt in sich einen allgemeinen Character, der Allen verständlich und zugänglich ist, das Schöne, d. h. Einheit, vollkommene Beziehung der Mittel auf den Zweck, vollkommene Harmonie der Theile unter sich. So wie das Wort der Ausdruck der Idee, und die Idee das durch das Wort Dargestellte ist, so ist die Literatur der Ausdruck einer Nation, und die Nation dasjenige, was sich in der Literatur darstellt. Als Offenbarung der ausgezeichnetsten Geister ist sie der Spiegel, in dem sich die ganze Existenz eines Volkes abbildet; sie ist in einem höhern Grade, als jede Kunst und jede Wissenschaft, der Ausdruck der Gesellschaft, in dem Sinne, daß sie zu¬ gleich ihre Erinnerungen der Vergangenheit, ihre Eindrücke der Gegenwart und ihre Wünsche für die Zukunft, — daß sie Alles was sie liebt und Alles was sie haßt, Alles was sie besitzt und Alles was ihr mangelt, darstellt. 3*

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Erster Jahrgang. Leipzig, 1841, S. 19. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_179382_282158/27>, abgerufen am 14.04.2024.