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Grabbe, Christian Dietrich: Napoleon oder Die hundert Tage. Frankfurt (Main), 1831.

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meßlichen Dunkel gar nichts mehr fühlt, als das
Zittern des eignen kleinen Herzens, -- dem nahe
Gott, wie mir! -- Er ist der letzte, einzige, aber
größte Trost. Mir nahte er, und ich ward stark
und ruhig.
König Ludwig.
Theure Nichte, ich glaube, du sagst die Wahr-
heit, und Trost sinkt in meine Brust, wenn ich fern
von unseren Diplomaten dich höre. Bei dem ersten
Tritt, den ich auf die Küsten meines Landes jüngst
wieder that, durchschauerte auch mich das unbe-
greifliche, aber gewaltige Walten der Vorsehung! --
Komm an das Fenster: da breitet Paris sich
aus! -- Welche Stürme sind nicht hingebraus't
durch jene Straßen? Kein Fleckchen, das nicht
von dem Blute, welches darauf vergossen, Inschrift
tragen könnte, von der Bluthochzeit bis zu der
Guillotine. Ungeachtet all des Scherzes, all des
Schimmers, die hier gaukeln, weht es mich an, wie
Moder, wenn ich diesen Steinhaufen sehe. -- Noch
keine drei Jahre und dort rückten mit Siegesklän-
gen, mit feuerathmenden Geschützen, Pferd an Pferd
gedrängt, und Bayonnet an Bayonnet, dicht wie
Blätter und Aehren im Frühling, die Weltbezwin-
ger stolzen Zuges von Spanien nach Moskau. Und
meßlichen Dunkel gar nichts mehr fühlt, als das
Zittern des eignen kleinen Herzens, — dem nahe
Gott, wie mir! — Er iſt der letzte, einzige, aber
größte Troſt. Mir nahte er, und ich ward ſtark
und ruhig.
Koͤnig Ludwig.
Theure Nichte, ich glaube, du ſagſt die Wahr-
heit, und Troſt ſinkt in meine Bruſt, wenn ich fern
von unſeren Diplomaten dich höre. Bei dem erſten
Tritt, den ich auf die Küſten meines Landes jüngſt
wieder that, durchſchauerte auch mich das unbe-
greifliche, aber gewaltige Walten der Vorſehung! —
Komm an das Fenſter: da breitet Paris ſich
aus! — Welche Stürme ſind nicht hingebrauſ’t
durch jene Straßen? Kein Fleckchen, das nicht
von dem Blute, welches darauf vergoſſen, Inſchrift
tragen könnte, von der Bluthochzeit bis zu der
Guillotine. Ungeachtet all des Scherzes, all des
Schimmers, die hier gaukeln, weht es mich an, wie
Moder, wenn ich dieſen Steinhaufen ſehe. — Noch
keine drei Jahre und dort rückten mit Siegesklän-
gen, mit feuerathmenden Geſchützen, Pferd an Pferd
gedrängt, und Bayonnet an Bayonnet, dicht wie
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ger ſtolzen Zuges von Spanien nach Moskau. Und
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[48/0056] meßlichen Dunkel gar nichts mehr fühlt, als das Zittern des eignen kleinen Herzens, — dem nahe Gott, wie mir! — Er iſt der letzte, einzige, aber größte Troſt. Mir nahte er, und ich ward ſtark und ruhig. Koͤnig Ludwig. Theure Nichte, ich glaube, du ſagſt die Wahr- heit, und Troſt ſinkt in meine Bruſt, wenn ich fern von unſeren Diplomaten dich höre. Bei dem erſten Tritt, den ich auf die Küſten meines Landes jüngſt wieder that, durchſchauerte auch mich das unbe- greifliche, aber gewaltige Walten der Vorſehung! — Komm an das Fenſter: da breitet Paris ſich aus! — Welche Stürme ſind nicht hingebrauſ’t durch jene Straßen? Kein Fleckchen, das nicht von dem Blute, welches darauf vergoſſen, Inſchrift tragen könnte, von der Bluthochzeit bis zu der Guillotine. Ungeachtet all des Scherzes, all des Schimmers, die hier gaukeln, weht es mich an, wie Moder, wenn ich dieſen Steinhaufen ſehe. — Noch keine drei Jahre und dort rückten mit Siegesklän- gen, mit feuerathmenden Geſchützen, Pferd an Pferd gedrängt, und Bayonnet an Bayonnet, dicht wie Blätter und Aehren im Frühling, die Weltbezwin- ger ſtolzen Zuges von Spanien nach Moskau. Und

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Zitationshilfe: Grabbe, Christian Dietrich: Napoleon oder Die hundert Tage. Frankfurt (Main), 1831, S. 48. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grabbe_napoleon_1831/56>, abgerufen am 16.04.2024.