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Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730.

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Vorrede.
Kunst zu machen, und die bisherigen unordentlichen Ge-
dancken und Anmerckungen von der Poesie, in einen sy-
stemastischen Zusammenhang zu bringen. Es ist nun-
mehro ein Jahr, daß ich denselben zum Ende brachte, und
seit der Zeit entschloß ich mich diesen meinen Entwurf et-
was besser auszuführen, und ein ziemlich vollständiges
Werckchen daraus zu machen. Da sich nun bald ein
guter Verleger dazu fand, so legte ich wircklich Hand an,
und liefere itzo meinem Vaterlande diesen Versuch einer
Critischen Dichtkunst: den ich gewiß nicht aus meinem
Gehirne angesponnen; sondern aus allen oberwehnten
berühmten Scribenten, und überdas, aus den vortheil-
hafften mündlichen Unterredungen Hn. Costen, unsres
Französischen Reformirten Predigers, eines tiefsinnigen
Critici; des Hn. Geh. Secretar Königs, und Hrn. Prof.
Krausens in Wittenberg, gesammlet und in einige Ord-
nung gebracht. Diese Arbeit, und die Fehler, so ich etwa
in derselben begangen haben möchte, kan ich mir allein zu-
schreiben; alles übrige gebe ich nicht vor mein eigen aus.
Es wird mir also zu keinem Vorwurfe dienen können,
wenn man irgend sagen würde: Jch hätte dieses oder je-
nes nicht von mir selbst; es wäre nichts neues, sondern hier
oder daher genommen etc. Jch hatte mir nur vorgesetzt das-
jenige, was in so unzehlich vielen Büchern zerstreut ist, in
einem einzigen Wercke zusammen zu fassen, und es de-
nen in die Hände zu geben, die entweder selbst Poeten wer-
den, oder doch von Poesien vernünftig wollen urtheilen
lernen. Und aus dieser Nachricht wird ein jeder leicht
abnehmen; ob ich mir selbst zu viel zugetrauet, da ich es
unternommen eine Critische Dicht-Kunst ans Licht zu
stellen?

Der andre Einwurf, den ich bey meinem Titelblatte

vor-

Vorrede.
Kunſt zu machen, und die bisherigen unordentlichen Ge-
dancken und Anmerckungen von der Poeſie, in einen ſy-
ſtemaſtiſchen Zuſammenhang zu bringen. Es iſt nun-
mehro ein Jahr, daß ich denſelben zum Ende brachte, und
ſeit der Zeit entſchloß ich mich dieſen meinen Entwurf et-
was beſſer auszufuͤhren, und ein ziemlich vollſtaͤndiges
Werckchen daraus zu machen. Da ſich nun bald ein
guter Verleger dazu fand, ſo legte ich wircklich Hand an,
und liefere itzo meinem Vaterlande dieſen Verſuch einer
Critiſchen Dichtkunſt: den ich gewiß nicht aus meinem
Gehirne angeſponnen; ſondern aus allen oberwehnten
beruͤhmten Scribenten, und uͤberdas, aus den vortheil-
hafften muͤndlichen Unterredungen Hn. Coſten, unſres
Franzoͤſiſchen Reformirten Predigers, eines tiefſinnigen
Critici; des Hn. Geh. Secretar Koͤnigs, und Hrn. Prof.
Krauſens in Wittenberg, geſammlet und in einige Ord-
nung gebracht. Dieſe Arbeit, und die Fehler, ſo ich etwa
in derſelben begangen haben moͤchte, kan ich mir allein zu-
ſchreiben; alles uͤbrige gebe ich nicht vor mein eigen aus.
Es wird mir alſo zu keinem Vorwurfe dienen koͤnnen,
wenn man irgend ſagen wuͤrde: Jch haͤtte dieſes oder je-
nes nicht von mir ſelbſt; es waͤre nichts neues, ſondern hier
oder daher genommen ꝛc. Jch hatte mir nur vorgeſetzt das-
jenige, was in ſo unzehlich vielen Buͤchern zerſtreut iſt, in
einem einzigen Wercke zuſammen zu faſſen, und es de-
nen in die Haͤnde zu geben, die entweder ſelbſt Poeten wer-
den, oder doch von Poeſien vernuͤnftig wollen urtheilen
lernen. Und aus dieſer Nachricht wird ein jeder leicht
abnehmen; ob ich mir ſelbſt zu viel zugetrauet, da ich es
unternommen eine Critiſche Dicht-Kunſt ans Licht zu
ſtellen?

Der andre Einwurf, den ich bey meinem Titelblatte

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[0022] Vorrede. Kunſt zu machen, und die bisherigen unordentlichen Ge- dancken und Anmerckungen von der Poeſie, in einen ſy- ſtemaſtiſchen Zuſammenhang zu bringen. Es iſt nun- mehro ein Jahr, daß ich denſelben zum Ende brachte, und ſeit der Zeit entſchloß ich mich dieſen meinen Entwurf et- was beſſer auszufuͤhren, und ein ziemlich vollſtaͤndiges Werckchen daraus zu machen. Da ſich nun bald ein guter Verleger dazu fand, ſo legte ich wircklich Hand an, und liefere itzo meinem Vaterlande dieſen Verſuch einer Critiſchen Dichtkunſt: den ich gewiß nicht aus meinem Gehirne angeſponnen; ſondern aus allen oberwehnten beruͤhmten Scribenten, und uͤberdas, aus den vortheil- hafften muͤndlichen Unterredungen Hn. Coſten, unſres Franzoͤſiſchen Reformirten Predigers, eines tiefſinnigen Critici; des Hn. Geh. Secretar Koͤnigs, und Hrn. Prof. Krauſens in Wittenberg, geſammlet und in einige Ord- nung gebracht. Dieſe Arbeit, und die Fehler, ſo ich etwa in derſelben begangen haben moͤchte, kan ich mir allein zu- ſchreiben; alles uͤbrige gebe ich nicht vor mein eigen aus. Es wird mir alſo zu keinem Vorwurfe dienen koͤnnen, wenn man irgend ſagen wuͤrde: Jch haͤtte dieſes oder je- nes nicht von mir ſelbſt; es waͤre nichts neues, ſondern hier oder daher genommen ꝛc. Jch hatte mir nur vorgeſetzt das- jenige, was in ſo unzehlich vielen Buͤchern zerſtreut iſt, in einem einzigen Wercke zuſammen zu faſſen, und es de- nen in die Haͤnde zu geben, die entweder ſelbſt Poeten wer- den, oder doch von Poeſien vernuͤnftig wollen urtheilen lernen. Und aus dieſer Nachricht wird ein jeder leicht abnehmen; ob ich mir ſelbſt zu viel zugetrauet, da ich es unternommen eine Critiſche Dicht-Kunſt ans Licht zu ſtellen? Der andre Einwurf, den ich bey meinem Titelblatte vor-

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Zitationshilfe: Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gottsched_versuch_1730/22>, abgerufen am 14.05.2021.