Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730.

Bild:
<< vorherige Seite

Vorrede.
gen worden; kein übelverdauetes Bücherlesen; kein wü-
ster Haufe unendlicher Allegationen und fremder Mey-
nungen von einer verderbten Stelle in Hebräischen, Grie-
chischen und Römischen Büchern sey. Leute, so dieses al-
les thun, und ihr Handwerck in der That verstehen, thun
uns gute Dienste, indem sie sich bemühen uns die alten
Scribenten so richtig, als es möglich ist, zu liefern. Sie
können auch gewissermaßen Critici heissen: aber Critici
von der untersten Classe, weil sie nur mit Buchstaben
und Sylben umgehen. Die Critick ist eine weit edlere
Kunst. Jhr Nahme selber zeiget zur Gnüge, daß sie ei-
ne Beurtheilungs-Kunst seyn müsse, welche nothwendig
eine Prüfung oder Untersuchung eines Dinges nach sei-
nen gehörigen Grundregeln, zum voraus setzet. Da die-
ser Begriff aber noch gar zu allgemein ist, so darf man
nur mercken, daß die Critick sich nur auf die freyen Kün-
ste, das ist auf die Grammatic, Poesie, Redekunst, Histo-
rie, Music und Mahlerey erstrecke. Die Geometrie, so
bey den Alten auch zu den freyen Künsten gerechnet wur-
de, ist in neuern Zeiten so wohl als die Baukunst mit gu-
tem Grunde unter die Wissenschafften gezehlet worden:
weil man es darinn längst zu einer demonstrativen Ge-
wißheit gebracht hat; die man in jenen noch lange nicht
erreichen können. Ein Criticus ist also dieser Erklärung
nach, ein Gelehrter, der die Regeln der freyen Künste phi-
losophisch eingesehen hat, und also im Stande ist, die
Schönheiten und Fehler aller vorkommenden Meisterstü-
cke oder Kunstwercke, vernünftig darnach zu prüfen und
richtig zu beurtheilen.

Diesen meinen Begriff zu rechtfertigen, will ich mich
nur auf den, seiner grossen Einsicht und Gelehrsamkeit
halber, berühmten Englischen Grafen von Schaftesbury

beruf-

Vorrede.
gen worden; kein uͤbelverdauetes Buͤcherleſen; kein wuͤ-
ſter Haufe unendlicher Allegationen und fremder Mey-
nungen von einer verderbten Stelle in Hebraͤiſchen, Grie-
chiſchen und Roͤmiſchen Buͤchern ſey. Leute, ſo dieſes al-
les thun, und ihr Handwerck in der That verſtehen, thun
uns gute Dienſte, indem ſie ſich bemuͤhen uns die alten
Scribenten ſo richtig, als es moͤglich iſt, zu liefern. Sie
koͤnnen auch gewiſſermaßen Critici heiſſen: aber Critici
von der unterſten Claſſe, weil ſie nur mit Buchſtaben
und Sylben umgehen. Die Critick iſt eine weit edlere
Kunſt. Jhr Nahme ſelber zeiget zur Gnuͤge, daß ſie ei-
ne Beurtheilungs-Kunſt ſeyn muͤſſe, welche nothwendig
eine Pruͤfung oder Unterſuchung eines Dinges nach ſei-
nen gehoͤrigen Grundregeln, zum voraus ſetzet. Da die-
ſer Begriff aber noch gar zu allgemein iſt, ſo darf man
nur mercken, daß die Critick ſich nur auf die freyen Kuͤn-
ſte, das iſt auf die Grammatic, Poeſie, Redekunſt, Hiſto-
rie, Muſic und Mahlerey erſtrecke. Die Geometrie, ſo
bey den Alten auch zu den freyen Kuͤnſten gerechnet wur-
de, iſt in neuern Zeiten ſo wohl als die Baukunſt mit gu-
tem Grunde unter die Wiſſenſchafften gezehlet worden:
weil man es darinn laͤngſt zu einer demonſtrativen Ge-
wißheit gebracht hat; die man in jenen noch lange nicht
erreichen koͤnnen. Ein Criticus iſt alſo dieſer Erklaͤrung
nach, ein Gelehrter, der die Regeln der freyen Kuͤnſte phi-
loſophiſch eingeſehen hat, und alſo im Stande iſt, die
Schoͤnheiten und Fehler aller vorkommenden Meiſterſtuͤ-
cke oder Kunſtwercke, vernuͤnftig darnach zu pruͤfen und
richtig zu beurtheilen.

Dieſen meinen Begriff zu rechtfertigen, will ich mich
nur auf den, ſeiner groſſen Einſicht und Gelehrſamkeit
halber, beruͤhmten Engliſchen Grafen von Schaftesbury

beruf-
<TEI>
  <text>
    <front>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0016"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b"><hi rendition="#g">Vorrede.</hi></hi></fw><lb/>
gen worden; kein u&#x0364;belverdauetes Bu&#x0364;cherle&#x017F;en; kein wu&#x0364;-<lb/>
&#x017F;ter Haufe unendlicher Allegationen und fremder Mey-<lb/>
nungen von einer verderbten Stelle in Hebra&#x0364;i&#x017F;chen, Grie-<lb/>
chi&#x017F;chen und Ro&#x0364;mi&#x017F;chen Bu&#x0364;chern &#x017F;ey. Leute, &#x017F;o die&#x017F;es al-<lb/>
les thun, und ihr Handwerck in der That ver&#x017F;tehen, thun<lb/>
uns gute Dien&#x017F;te, indem &#x017F;ie &#x017F;ich bemu&#x0364;hen uns die alten<lb/>
Scribenten &#x017F;o richtig, als es mo&#x0364;glich i&#x017F;t, zu liefern. Sie<lb/>
ko&#x0364;nnen auch gewi&#x017F;&#x017F;ermaßen Critici hei&#x017F;&#x017F;en: aber Critici<lb/>
von der unter&#x017F;ten Cla&#x017F;&#x017F;e, weil &#x017F;ie nur mit Buch&#x017F;taben<lb/>
und Sylben umgehen. Die Critick i&#x017F;t eine weit edlere<lb/>
Kun&#x017F;t. Jhr Nahme &#x017F;elber zeiget zur Gnu&#x0364;ge, daß &#x017F;ie ei-<lb/>
ne Beurtheilungs-Kun&#x017F;t &#x017F;eyn mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;e, welche nothwendig<lb/>
eine Pru&#x0364;fung oder Unter&#x017F;uchung eines Dinges nach &#x017F;ei-<lb/>
nen geho&#x0364;rigen Grundregeln, zum voraus &#x017F;etzet. Da die-<lb/>
&#x017F;er Begriff aber noch gar zu allgemein i&#x017F;t, &#x017F;o darf man<lb/>
nur mercken, daß die Critick &#x017F;ich nur auf die freyen Ku&#x0364;n-<lb/>
&#x017F;te, das i&#x017F;t auf die Grammatic, Poe&#x017F;ie, Redekun&#x017F;t, Hi&#x017F;to-<lb/>
rie, Mu&#x017F;ic und Mahlerey er&#x017F;trecke. Die Geometrie, &#x017F;o<lb/>
bey den Alten auch zu den freyen Ku&#x0364;n&#x017F;ten gerechnet wur-<lb/>
de, i&#x017F;t in neuern Zeiten &#x017F;o wohl als die Baukun&#x017F;t mit gu-<lb/>
tem Grunde unter die Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chafften gezehlet worden:<lb/>
weil man es darinn la&#x0364;ng&#x017F;t zu einer demon&#x017F;trativen Ge-<lb/>
wißheit gebracht hat; die man in jenen noch lange nicht<lb/>
erreichen ko&#x0364;nnen. Ein Criticus i&#x017F;t al&#x017F;o die&#x017F;er Erkla&#x0364;rung<lb/>
nach, ein Gelehrter, der die Regeln der freyen Ku&#x0364;n&#x017F;te phi-<lb/>
lo&#x017F;ophi&#x017F;ch einge&#x017F;ehen hat, und al&#x017F;o im Stande i&#x017F;t, die<lb/>
Scho&#x0364;nheiten und Fehler aller vorkommenden Mei&#x017F;ter&#x017F;tu&#x0364;-<lb/>
cke oder Kun&#x017F;twercke, vernu&#x0364;nftig darnach zu pru&#x0364;fen und<lb/>
richtig zu beurtheilen.</p><lb/>
        <p>Die&#x017F;en meinen Begriff zu rechtfertigen, will ich mich<lb/>
nur auf den, &#x017F;einer gro&#x017F;&#x017F;en Ein&#x017F;icht und Gelehr&#x017F;amkeit<lb/>
halber, beru&#x0364;hmten Engli&#x017F;chen Grafen von Schaftesbury<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">beruf-</fw><lb/></p>
      </div>
    </front>
  </text>
</TEI>
[0016] Vorrede. gen worden; kein uͤbelverdauetes Buͤcherleſen; kein wuͤ- ſter Haufe unendlicher Allegationen und fremder Mey- nungen von einer verderbten Stelle in Hebraͤiſchen, Grie- chiſchen und Roͤmiſchen Buͤchern ſey. Leute, ſo dieſes al- les thun, und ihr Handwerck in der That verſtehen, thun uns gute Dienſte, indem ſie ſich bemuͤhen uns die alten Scribenten ſo richtig, als es moͤglich iſt, zu liefern. Sie koͤnnen auch gewiſſermaßen Critici heiſſen: aber Critici von der unterſten Claſſe, weil ſie nur mit Buchſtaben und Sylben umgehen. Die Critick iſt eine weit edlere Kunſt. Jhr Nahme ſelber zeiget zur Gnuͤge, daß ſie ei- ne Beurtheilungs-Kunſt ſeyn muͤſſe, welche nothwendig eine Pruͤfung oder Unterſuchung eines Dinges nach ſei- nen gehoͤrigen Grundregeln, zum voraus ſetzet. Da die- ſer Begriff aber noch gar zu allgemein iſt, ſo darf man nur mercken, daß die Critick ſich nur auf die freyen Kuͤn- ſte, das iſt auf die Grammatic, Poeſie, Redekunſt, Hiſto- rie, Muſic und Mahlerey erſtrecke. Die Geometrie, ſo bey den Alten auch zu den freyen Kuͤnſten gerechnet wur- de, iſt in neuern Zeiten ſo wohl als die Baukunſt mit gu- tem Grunde unter die Wiſſenſchafften gezehlet worden: weil man es darinn laͤngſt zu einer demonſtrativen Ge- wißheit gebracht hat; die man in jenen noch lange nicht erreichen koͤnnen. Ein Criticus iſt alſo dieſer Erklaͤrung nach, ein Gelehrter, der die Regeln der freyen Kuͤnſte phi- loſophiſch eingeſehen hat, und alſo im Stande iſt, die Schoͤnheiten und Fehler aller vorkommenden Meiſterſtuͤ- cke oder Kunſtwercke, vernuͤnftig darnach zu pruͤfen und richtig zu beurtheilen. Dieſen meinen Begriff zu rechtfertigen, will ich mich nur auf den, ſeiner groſſen Einſicht und Gelehrſamkeit halber, beruͤhmten Engliſchen Grafen von Schaftesbury beruf-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/gottsched_versuch_1730
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/gottsched_versuch_1730/16
Zitationshilfe: Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gottsched_versuch_1730/16>, abgerufen am 11.05.2021.