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Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858.

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Grundsätzen? Sind sie nur eine exotische Pflanze im Blumengarten pgo_042.002
der alten, beschreibenden Poesie? Jst Freiligrath nur ein Haller pgo_042.003
redivivus, der, statt auf den Alpen, in allen Zonen herumbotanisirt? pgo_042.004
Und soll diese reiche, neuentdeckte Welt, die durch ihre Farbenpracht so pgo_042.005
anlockend wirkt, die Welt der Tropen und der Pole, deren Schleier kühne pgo_042.006
Reisende zerrissen, für die Poesie ein für alle Mal verloren sein? Gewiß pgo_042.007
nicht! Es kommt nur auf die Behandlungsweise an, und ein echtes pgo_042.008
Dichtertalent wird uns keinen orbis pictus todter Bilder geben, ohne pgo_042.009
die Seele, ohne die Bewegung der Poesie. Was zunächst liegt, ist, die pgo_042.010
Natur zu schildern in ihrem Kampfe mit den Menschen und so ihren pgo_042.011
großartigen Bildern die höchste Bewegung und tiefste Bedeutung zu pgo_042.012
geben. Hierher gehört z. B. Freiligrath's "Mirage" und mein pgo_042.013
Gedicht auf "Franklin," wo ich die Polarwelt in ihrem Kampfe mit pgo_042.014
dem kühnen Weltentdecker schildere. Dann aber ist es der Hauch einer pgo_042.015
kosmopolitischen Empfindung, der Odem eines mächtigen, völkerverbindenden pgo_042.016
Weltverkehrs, welcher die Segel der Freiligrath'schen Gedichte pgo_042.017
schwellt. Dies ist z. B. in "Florida of Boston" nicht in breiten pgo_042.018
Reflexionen ausgesprochen, aber doch wie ein Aether der Stimmung pgo_042.019
über das Ganze ausgebreitet:

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Sie bringt der alten Welt von einer neuen Meldung, pgo_042.021
An deren grünem Strand das Schiff vorüberzog.

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Jm "Gesicht des Reisenden" ist die Wüste lebendig gemacht pgo_042.023
mit allen ihren Schrecken; sie erzählt ihre Geschichte. Dies ist nicht pgo_042.024
dichterische Schilderung, und kein Maler kann es darstellen, weil alles pgo_042.025
wie im Wirbel vorüber braust:

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Weh, auch die zerstreuten Knochen werden wieder zu Kameelen, pgo_042.027
Und der braune Sand, der wirbelnd sich erhebt in dunkeln Massen, pgo_042.028
Wandelt sich zu braunen Männern, die der Thiere Zügel fassen -- pgo_042.029
Jmmer mehr -- noch sind die letzten nicht an uns vorbeigezogen, pgo_042.030
Und schon kommen dort die ersten schlaffen Zaums zurückgeflogen.

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Jn seinen berühmten Thierbildern: "Löwenritt," "Unter den pgo_042.032
Palmen
" schildert Freiligrath nicht die Thiere, wie Raff, sondern pgo_042.033
er zeigt sie uns in Bewegung, in heißem Kampf, und jeder Kampf hat pgo_042.034
seine sittliche Spannung. Hat man Freiligrath den van Aken der pgo_042.035
Poesie genannt: so gilt dies insofern mit Recht, als er zuerst gleichsam pgo_042.036
seinen dichterischen Kopf der Thierwelt in den Rachen steckte und ihn

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Zitationshilfe: Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858, S. 42. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gottschall_poetik_1858/64>, abgerufen am 13.07.2024.