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Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858.

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Jn der That steht die Poesie in der Mitte des Universums und wirft, pgo_035.002
wie Wilhelm von Humboldt sagt, nach allen Seiten ihre Strahlen in's pgo_035.003
Unendliche! Sie ist in diesem höchsten Sinne Weltseele, Centrum der pgo_035.004
schöpferischen Empfindung; im kleinsten Bilde, das sie schafft, ist das All pgo_035.005
gegenwärtig -- und gerade hierin unterscheiden sich die großen Dichter pgo_035.006
von den kleinen, die nur Stücke aus dem All herausschneiden und selbst pgo_035.007
die eigene Seele nur stückweise geben. Sie war, im Bunde mit der pgo_035.008
Musik, die erste Kunst und wird die letzte sein!

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Es ist keine inhaltlose Phantasie, wenn Anastasius Grün behauptet, pgo_035.010
daß erst mit dem letzten Menschen der letzte Dichter von der Erde auswandern pgo_035.011
wird. Jn welche Bahnen auch die Menschheit getrieben wird, pgo_035.012
welche Jnteressen auch das Jahrhundert beherrschen mögen: das ist alles pgo_035.013
nur neuer und reicherer Stoff für den dichterischen Genius, der in pgo_035.014
die bunte Welt die eigene große Seele hineinschaut. Der Mensch bleibt pgo_035.015
ja ewig ihr Mittelpunkt, und erst mit dem Menschen stirbt die Poesie. pgo_035.016
Freilich bedarf es des großen Dichters, den nicht, wie die Scheinpoeten, pgo_035.017
die Aeußerlichkeiten einer neuen Kulturepoche blenden, daß sie sich mit pgo_035.018
ganzer Seele an ihre vergänglichen Jnteressen und Zwecke hingeben, pgo_035.019
sondern der den Faden der ewigen Entwickelung festhält, den die breite pgo_035.020
Prosa der Erscheinung nicht irrt, wenn sie auch gleich einer dichten, dumpfen pgo_035.021
Wolke niederregnet, sondern der gleichsam aus ihren zerrinnenden pgo_035.022
Tropfen mit dem Strahle der ewigen Jdee den Regenbogen der Schönheit pgo_035.023
aufbaut!

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Diese weitere Auffassung der Poesie, als Seele der Welt und deshalb pgo_035.025
auch Seele jeder Kunst, als die Jdee selbst in ihrem ganzen Reichthum, pgo_035.026
wie sie ein großes Gemüth anschaut und darstellt, möge jetzt wieder dem pgo_035.027
engeren Begriff der Dichtkunst weichen, wie ihn vorher dieser Abschnitt pgo_035.028
entwickelt, und dessen weitere Ausführung in allen seinen Bestimmungen pgo_035.029
erst unser ganzes Werk geben kann. Hiernach ist die Dichtkunst diejenige pgo_035.030
Kunst, welche die Jdee des Schönen mit, in und für die Phantasie darstellt, pgo_035.031
indem die schaffende Phantasie aus den Tiefen der Empfindung pgo_035.032
heraus ihr die Jdee spiegelndes und tragendes Gebilde mittelst der idealen pgo_035.033
Sprache in der idealen Sinnlichkeit der empfangenden Phantasie aufbaut.

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Zitationshilfe: Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858, S. 35. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gottschall_poetik_1858/57>, abgerufen am 13.07.2024.