Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858.

Bild:
<< vorherige Seite

pgo_142.001
Oden oder Pindarisch freien Rhythmen sind sie dagegen ganz an ihrem pgo_142.002
Platze, obwohl nicht zu leugnen ist, daß die antikisirenden Oden Klopstock's, pgo_142.003
Ramler's, Platen's
durch die Häufung solcher allzuwuchtigen pgo_142.004
Eigenschaftswörter, die sie meistens der Spondäen und Molossen pgo_142.005
wegen bilden, einen schwerfälligen Anstrich gewonnen haben und in pgo_142.006
einen manierirten Ton verfallen sind. Ueberhaupt gehört viel Tact und pgo_142.007
Geschmack, Maß und Selbstbescheidung zu diesen Neubildungen. pgo_142.008
"Grünumschränkter Plan, flügeloff'ne Erfüllungspforten" (im pgo_142.009
zweiten Theil des Faust) sind Zusammensetzungen ohne rechte Kraft. pgo_142.010
Wenn das Hauptwort, mit welchem sich das Beiwort vermählt, einen pgo_142.011
Vergleich involvirt, so muß der Vergleichungspunkt vollkommen klar pgo_142.012
sein, wie z. B. taubenmild, marmorblaß, marmorkalt, marmorglatt. pgo_142.013
Jst dies nicht der Fall: so hat das zusammengesetzte Wort pgo_142.014
keinen Schwerpunkt. Jn den Wörtern von Anastasius Grün: lenzungeduldig, pgo_142.015
lenzübermüthig
ist die Vergleichung zu fern liegend pgo_142.016
und gesucht; ebenso in "kranzdunkel," das Platen gebraucht; bei pgo_142.017
einigen Wörtern von Minkwitz wie z. B. fruchtherrlich kann man sich pgo_142.018
gar Nichts denken. Hier beginnt das Gebiet der hochtrabenden und pgo_142.019
nichtssagenden Redensarten.

pgo_142.020
Glücklicher, als die Odendichter von Fach, ist, in Bezug auf die pgo_142.021
geschmackvolle Adjectivbildung, Heinrich Heine in seinen dithyrambischen pgo_142.022
Nordseebildern. Wie glücklich sind alle die folgenden Wörter pgo_142.023
gebildet:

pgo_142.024
leichenwitternd, seelenschmelzend, seelenzerreißend, zartdurchsichtig, pgo_142.025
hochgegiebelt, seidenrauschend, stillverderblich, pgo_142.026
schwarzbemäntelt, flechtengekrönt, feuerberauscht
u. s. f.

pgo_142.027
Das richtig gewählte einzelne Adjectivum genügt zur dichterischen pgo_142.028
Lebendigkeit der Schilderung! Doch können mehrere nebeneinanderstehende pgo_142.029
Eigenschaftswörter die Lebendigkeit erhöhn:

pgo_142.030
Hinaus in eure Schatten, rege Wipfel pgo_142.031
Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Hains.

pgo_142.032
Auch können sie durch den Kontrast anmuthig wirken:

pgo_142.033
Was sucht ihr, mächtig und gelind, pgo_142.034
Jhr Himmelstöne, mich im Staube?

pgo_142.035
Zusammenstellungen, wie: duftig bunt, hastig regsam (Heine),

pgo_142.001
Oden oder Pindarisch freien Rhythmen sind sie dagegen ganz an ihrem pgo_142.002
Platze, obwohl nicht zu leugnen ist, daß die antikisirenden Oden Klopstock's, pgo_142.003
Ramler's, Platen's
durch die Häufung solcher allzuwuchtigen pgo_142.004
Eigenschaftswörter, die sie meistens der Spondäen und Molossen pgo_142.005
wegen bilden, einen schwerfälligen Anstrich gewonnen haben und in pgo_142.006
einen manierirten Ton verfallen sind. Ueberhaupt gehört viel Tact und pgo_142.007
Geschmack, Maß und Selbstbescheidung zu diesen Neubildungen. pgo_142.008
Grünumschränkter Plan, flügeloff'ne Erfüllungspforten“ (im pgo_142.009
zweiten Theil des Faust) sind Zusammensetzungen ohne rechte Kraft. pgo_142.010
Wenn das Hauptwort, mit welchem sich das Beiwort vermählt, einen pgo_142.011
Vergleich involvirt, so muß der Vergleichungspunkt vollkommen klar pgo_142.012
sein, wie z. B. taubenmild, marmorblaß, marmorkalt, marmorglatt. pgo_142.013
Jst dies nicht der Fall: so hat das zusammengesetzte Wort pgo_142.014
keinen Schwerpunkt. Jn den Wörtern von Anastasius Grün: lenzungeduldig, pgo_142.015
lenzübermüthig
ist die Vergleichung zu fern liegend pgo_142.016
und gesucht; ebenso in „kranzdunkel,“ das Platen gebraucht; bei pgo_142.017
einigen Wörtern von Minkwitz wie z. B. fruchtherrlich kann man sich pgo_142.018
gar Nichts denken. Hier beginnt das Gebiet der hochtrabenden und pgo_142.019
nichtssagenden Redensarten.

pgo_142.020
Glücklicher, als die Odendichter von Fach, ist, in Bezug auf die pgo_142.021
geschmackvolle Adjectivbildung, Heinrich Heine in seinen dithyrambischen pgo_142.022
Nordseebildern. Wie glücklich sind alle die folgenden Wörter pgo_142.023
gebildet:

pgo_142.024
leichenwitternd, seelenschmelzend, seelenzerreißend, zartdurchsichtig, pgo_142.025
hochgegiebelt, seidenrauschend, stillverderblich, pgo_142.026
schwarzbemäntelt, flechtengekrönt, feuerberauscht
u. s. f.

pgo_142.027
Das richtig gewählte einzelne Adjectivum genügt zur dichterischen pgo_142.028
Lebendigkeit der Schilderung! Doch können mehrere nebeneinanderstehende pgo_142.029
Eigenschaftswörter die Lebendigkeit erhöhn:

pgo_142.030
Hinaus in eure Schatten, rege Wipfel pgo_142.031
Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Hains.

pgo_142.032
Auch können sie durch den Kontrast anmuthig wirken:

pgo_142.033
Was sucht ihr, mächtig und gelind, pgo_142.034
Jhr Himmelstöne, mich im Staube?

pgo_142.035
Zusammenstellungen, wie: duftig bunt, hastig regsam (Heine),

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <p><pb facs="#f0164" n="142"/><lb n="pgo_142.001"/>
Oden oder Pindarisch freien Rhythmen sind sie dagegen ganz an ihrem <lb n="pgo_142.002"/>
Platze, obwohl nicht zu leugnen ist, daß die antikisirenden Oden <hi rendition="#g">Klopstock's, <lb n="pgo_142.003"/>
Ramler's, Platen's</hi> durch die Häufung solcher allzuwuchtigen <lb n="pgo_142.004"/>
Eigenschaftswörter, die sie meistens der Spondäen und Molossen <lb n="pgo_142.005"/>
wegen bilden, einen schwerfälligen Anstrich gewonnen haben und in <lb n="pgo_142.006"/>
einen manierirten Ton verfallen sind. Ueberhaupt gehört viel Tact und <lb n="pgo_142.007"/>
Geschmack, Maß und Selbstbescheidung zu diesen Neubildungen. <lb n="pgo_142.008"/>
&#x201E;<hi rendition="#g">Grünumschränkter</hi> Plan, <hi rendition="#g">flügeloff'ne</hi> Erfüllungspforten&#x201C; (im <lb n="pgo_142.009"/>
zweiten Theil des Faust) sind Zusammensetzungen ohne rechte Kraft. <lb n="pgo_142.010"/>
Wenn das Hauptwort, mit welchem sich das Beiwort vermählt, einen <lb n="pgo_142.011"/>
Vergleich involvirt, so muß der Vergleichungspunkt vollkommen klar <lb n="pgo_142.012"/>
sein, wie z. B. <hi rendition="#g">taubenmild, marmorblaß, marmorkalt, marmorglatt.</hi> <lb n="pgo_142.013"/>
Jst dies nicht der Fall: so hat das zusammengesetzte Wort <lb n="pgo_142.014"/>
keinen Schwerpunkt. Jn den Wörtern von <hi rendition="#g">Anastasius Grün: lenzungeduldig, <lb n="pgo_142.015"/>
lenzübermüthig</hi> ist die Vergleichung zu fern liegend <lb n="pgo_142.016"/>
und gesucht; ebenso in &#x201E;<hi rendition="#g">kranzdunkel,</hi>&#x201C; das Platen gebraucht; bei <lb n="pgo_142.017"/>
einigen Wörtern von Minkwitz wie z. B. <hi rendition="#g">fruchtherrlich</hi> kann man sich <lb n="pgo_142.018"/>
gar Nichts denken. Hier beginnt das Gebiet der hochtrabenden und <lb n="pgo_142.019"/>
nichtssagenden Redensarten.</p>
              <p><lb n="pgo_142.020"/>
Glücklicher, als die Odendichter von Fach, ist, in Bezug auf die <lb n="pgo_142.021"/>
geschmackvolle Adjectivbildung, <hi rendition="#g">Heinrich Heine</hi> in seinen dithyrambischen <lb n="pgo_142.022"/>
Nordseebildern. Wie glücklich sind alle die folgenden Wörter <lb n="pgo_142.023"/>
gebildet:</p>
              <p><lb n="pgo_142.024"/><hi rendition="#g">leichenwitternd, seelenschmelzend, seelenzerreißend, zartdurchsichtig, <lb n="pgo_142.025"/>
hochgegiebelt, seidenrauschend, stillverderblich, <lb n="pgo_142.026"/>
schwarzbemäntelt, flechtengekrönt, feuerberauscht</hi> u. s. f.</p>
              <p><lb n="pgo_142.027"/>
Das richtig gewählte einzelne Adjectivum genügt zur dichterischen <lb n="pgo_142.028"/>
Lebendigkeit der Schilderung! Doch können mehrere nebeneinanderstehende <lb n="pgo_142.029"/>
Eigenschaftswörter die Lebendigkeit erhöhn:</p>
              <lb n="pgo_142.030"/>
              <lg>
                <l>Hinaus in eure Schatten, rege Wipfel</l>
                <lb n="pgo_142.031"/>
                <l>Des <hi rendition="#g">alten, heil'gen, dichtbelaubten</hi> Hains.</l>
              </lg>
              <p><lb n="pgo_142.032"/>
Auch können sie durch den Kontrast anmuthig wirken:</p>
              <lb n="pgo_142.033"/>
              <lg>
                <l>Was sucht ihr, <hi rendition="#g">mächtig</hi> und <hi rendition="#g">gelind,</hi></l>
                <lb n="pgo_142.034"/>
                <l>Jhr Himmelstöne, mich im Staube?</l>
              </lg>
              <p><lb n="pgo_142.035"/>
Zusammenstellungen, wie: <hi rendition="#g">duftig bunt, hastig regsam</hi> (Heine),
</p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[142/0164] pgo_142.001 Oden oder Pindarisch freien Rhythmen sind sie dagegen ganz an ihrem pgo_142.002 Platze, obwohl nicht zu leugnen ist, daß die antikisirenden Oden Klopstock's, pgo_142.003 Ramler's, Platen's durch die Häufung solcher allzuwuchtigen pgo_142.004 Eigenschaftswörter, die sie meistens der Spondäen und Molossen pgo_142.005 wegen bilden, einen schwerfälligen Anstrich gewonnen haben und in pgo_142.006 einen manierirten Ton verfallen sind. Ueberhaupt gehört viel Tact und pgo_142.007 Geschmack, Maß und Selbstbescheidung zu diesen Neubildungen. pgo_142.008 „Grünumschränkter Plan, flügeloff'ne Erfüllungspforten“ (im pgo_142.009 zweiten Theil des Faust) sind Zusammensetzungen ohne rechte Kraft. pgo_142.010 Wenn das Hauptwort, mit welchem sich das Beiwort vermählt, einen pgo_142.011 Vergleich involvirt, so muß der Vergleichungspunkt vollkommen klar pgo_142.012 sein, wie z. B. taubenmild, marmorblaß, marmorkalt, marmorglatt. pgo_142.013 Jst dies nicht der Fall: so hat das zusammengesetzte Wort pgo_142.014 keinen Schwerpunkt. Jn den Wörtern von Anastasius Grün: lenzungeduldig, pgo_142.015 lenzübermüthig ist die Vergleichung zu fern liegend pgo_142.016 und gesucht; ebenso in „kranzdunkel,“ das Platen gebraucht; bei pgo_142.017 einigen Wörtern von Minkwitz wie z. B. fruchtherrlich kann man sich pgo_142.018 gar Nichts denken. Hier beginnt das Gebiet der hochtrabenden und pgo_142.019 nichtssagenden Redensarten. pgo_142.020 Glücklicher, als die Odendichter von Fach, ist, in Bezug auf die pgo_142.021 geschmackvolle Adjectivbildung, Heinrich Heine in seinen dithyrambischen pgo_142.022 Nordseebildern. Wie glücklich sind alle die folgenden Wörter pgo_142.023 gebildet: pgo_142.024 leichenwitternd, seelenschmelzend, seelenzerreißend, zartdurchsichtig, pgo_142.025 hochgegiebelt, seidenrauschend, stillverderblich, pgo_142.026 schwarzbemäntelt, flechtengekrönt, feuerberauscht u. s. f. pgo_142.027 Das richtig gewählte einzelne Adjectivum genügt zur dichterischen pgo_142.028 Lebendigkeit der Schilderung! Doch können mehrere nebeneinanderstehende pgo_142.029 Eigenschaftswörter die Lebendigkeit erhöhn: pgo_142.030 Hinaus in eure Schatten, rege Wipfel pgo_142.031 Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Hains. pgo_142.032 Auch können sie durch den Kontrast anmuthig wirken: pgo_142.033 Was sucht ihr, mächtig und gelind, pgo_142.034 Jhr Himmelstöne, mich im Staube? pgo_142.035 Zusammenstellungen, wie: duftig bunt, hastig regsam (Heine),

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Technische Universität Darmstadt, Universität Stuttgart: Bereitstellung der Scan-Digitalisate und der Texttranskription. (2015-09-30T09:54:39Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
TextGrid/DARIAH-DE: Langfristige Bereitstellung der TextGrid/DARIAH-DE-Repository-Ausgabe
Stefan Alscher: Bearbeitung der digitalen Edition - Annotation des Metaphernbegriffs
Hans-Werner Bartz: Bearbeitung der digitalen Edition - Tustep-Unterstützung
Michael Bender: Bearbeitung der digitalen Edition - Koordination, Konzeption (Korpusaufbau, Annotationsschema, Workflow, Publikationsformen), Annotation des Metaphernbegriffs, XML-Auszeichnung)
Leonie Blumenschein: Bearbeitung der digitalen Edition - XML-Auszeichnung
David Glück: Bearbeitung der digitalen Edition - Korpusaufbau, XML-Auszeichnung, Annotation des Metaphernbegriffs, XSL+JavaScript
Constanze Hahn: Bearbeitung der digitalen Edition - Korpusaufbau, XML-Auszeichnung
Philipp Hegel: Bearbeitung der digitalen Edition - XML/XSL/CSS-Unterstützung
Andrea Rapp: ePoetics-Projekt-Koordination
Sandra Richter: ePoetics-Projekt-Koordination

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: keine Angabe; Druckfehler: keine Angabe; fremdsprachliches Material: gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: wie Vorlage; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): wie Vorlage; i/j in Fraktur: wie Vorlage; I/J in Fraktur: wie Vorlage; Kolumnentitel: nicht übernommen; Kustoden: nicht übernommen; langes s (ſ): wie Vorlage; Normalisierungen: keine; rundes r (ꝛ): wie Vorlage; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: nicht übernommen; u/v bzw. U/V: wie Vorlage; Vokale mit übergest. e: wie Vorlage; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: ja;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/gottschall_poetik_1858
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/gottschall_poetik_1858/164
Zitationshilfe: Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858, S. 142. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gottschall_poetik_1858/164>, abgerufen am 13.07.2024.