Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858.

Bild:
<< vorherige Seite

pgo_135.001
Endung: ung zu vermeiden haben, die in unserer neuen orientalischen pgo_135.002
Lyrik eine allzugroße Rolle spielen*). Es fehlt ihnen alle sinnliche Anschaulichkeit! pgo_135.003
Dagegen haben die mehr aktiven, von Zeitwörtern gebildeten pgo_135.004
Hauptwörter wie z. B. Berather, Thäter, Erhalter, Kraft und pgo_135.005
Frische:

pgo_135.006
Harret, bis im Morgenwinde eure Turbanfedern flattern -- pgo_135.007
Morgenwind und Morgenröthe werden ihnen zu Bestattern.
pgo_135.008

Freiligrath.

pgo_135.009
Jhrer Spur folgt die Hyäne, pgo_135.010
Die Entweiherin der Grüfte! Freiligrath. pgo_135.011
Schöpfrin, Entfalterin pgo_135.012
Himmlischer Zier pgo_135.013
Stehst du, Gestalterin, pgo_135.014
Muse vor mir. pgo_135.015
Oder du Liebe, pgo_135.016
Einigerin, pgo_135.017
Jrdischer Triebe pgo_135.018
Reinigerin.

Rückert.

pgo_135.019
Es liegt hierbei eine Personifikation zu Grunde, welche die Sprache selbst pgo_135.020
vollzieht, und die der Dichtung zu Gute kommt. Auch fließt hier gerade pgo_135.021
ein ergiebiger Born für neue Wortbildungen, welche aus alten Stämmen pgo_135.022
zwanglos herauswachsen**). Doch hat auch das scheinbar spröde Hauptwort pgo_135.023
eine Seite, wo es sich für dichterische Neubildungen gefügig erweist. pgo_135.024
Seine Fähigkeit, durch die Zusammensetzung mit andern Hauptwörtern pgo_135.025
neue Wörter zu bilden, ja selbst Nebenbestimmungen als gleich berechtigt pgo_135.026
in sich aufzunehmen, verleiht dem Ausdruck ebenso Reichthum, wie pgo_135.027
Energie. Daß sich diese Fähigkeit soweit erstreckt, um selbst die Spielereien

*) pgo_135.028
Auch Platen ist nicht frei davon. Er sagt z. B. pgo_135.029
der Elemente Bildungen zerfließen (Rom. Oedipus)! pgo_135.030
Die Schlußparabase dieser Komödie wimmelt von solchen abstracten Wörtern.
**) pgo_135.031
Die Wirkung der Diminutiv bildungen, das Niedliche, Zierliche tändelnd zu pgo_135.032
schildern, hat Rückert in dem Gedicht: die Göttin im Putzzimmer, auf's pgo_135.033
Glücklichste erreicht. Selbst die Häufung der Diminutive ist hier nicht störend: pgo_135.034
Nischchen, Zellchen, Tischchen, Gestellchen, Schreinchen, Quästchen, pgo_135.035
Steinchen, Kästchen, Ringelchen, Kettchen, Dingelchen, Blättchen, pgo_135.036
Nädelchen, Häckchen, Fädelchen, Fleckchen, Wickelchen, Schleifchen, pgo_135.037
Zwickelchen, Streifchen
&c.

pgo_135.001
Endung: ung zu vermeiden haben, die in unserer neuen orientalischen pgo_135.002
Lyrik eine allzugroße Rolle spielen*). Es fehlt ihnen alle sinnliche Anschaulichkeit! pgo_135.003
Dagegen haben die mehr aktiven, von Zeitwörtern gebildeten pgo_135.004
Hauptwörter wie z. B. Berather, Thäter, Erhalter, Kraft und pgo_135.005
Frische:

pgo_135.006
Harret, bis im Morgenwinde eure Turbanfedern flattern — pgo_135.007
Morgenwind und Morgenröthe werden ihnen zu Bestattern.
pgo_135.008

Freiligrath.

pgo_135.009
Jhrer Spur folgt die Hyäne, pgo_135.010
Die Entweiherin der Grüfte! Freiligrath. pgo_135.011
Schöpfrin, Entfalterin pgo_135.012
Himmlischer Zier pgo_135.013
Stehst du, Gestalterin, pgo_135.014
Muse vor mir. pgo_135.015
Oder du Liebe, pgo_135.016
Einigerin, pgo_135.017
Jrdischer Triebe pgo_135.018
Reinigerin.

Rückert.

pgo_135.019
Es liegt hierbei eine Personifikation zu Grunde, welche die Sprache selbst pgo_135.020
vollzieht, und die der Dichtung zu Gute kommt. Auch fließt hier gerade pgo_135.021
ein ergiebiger Born für neue Wortbildungen, welche aus alten Stämmen pgo_135.022
zwanglos herauswachsen**). Doch hat auch das scheinbar spröde Hauptwort pgo_135.023
eine Seite, wo es sich für dichterische Neubildungen gefügig erweist. pgo_135.024
Seine Fähigkeit, durch die Zusammensetzung mit andern Hauptwörtern pgo_135.025
neue Wörter zu bilden, ja selbst Nebenbestimmungen als gleich berechtigt pgo_135.026
in sich aufzunehmen, verleiht dem Ausdruck ebenso Reichthum, wie pgo_135.027
Energie. Daß sich diese Fähigkeit soweit erstreckt, um selbst die Spielereien

*) pgo_135.028
Auch Platen ist nicht frei davon. Er sagt z. B. pgo_135.029
der Elemente Bildungen zerfließen (Rom. Oedipus)! pgo_135.030
Die Schlußparabase dieser Komödie wimmelt von solchen abstracten Wörtern.
**) pgo_135.031
Die Wirkung der Diminutiv bildungen, das Niedliche, Zierliche tändelnd zu pgo_135.032
schildern, hat Rückert in dem Gedicht: die Göttin im Putzzimmer, auf's pgo_135.033
Glücklichste erreicht. Selbst die Häufung der Diminutive ist hier nicht störend: pgo_135.034
Nischchen, Zellchen, Tischchen, Gestellchen, Schreinchen, Quästchen, pgo_135.035
Steinchen, Kästchen, Ringelchen, Kettchen, Dingelchen, Blättchen, pgo_135.036
Nädelchen, Häckchen, Fädelchen, Fleckchen, Wickelchen, Schleifchen, pgo_135.037
Zwickelchen, Streifchen
&c.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <p><pb facs="#f0157" n="135"/><lb n="pgo_135.001"/>
Endung: <hi rendition="#g">ung</hi> zu vermeiden haben, die in unserer neuen orientalischen <lb n="pgo_135.002"/>
Lyrik eine allzugroße Rolle spielen<note xml:id="PGO_135_1" place="foot" n="*)"><lb n="pgo_135.028"/>
Auch <hi rendition="#g">Platen</hi> ist nicht frei davon. Er sagt z. B. <lb n="pgo_135.029"/> <hi rendition="#right">der Elemente <hi rendition="#g">Bildungen</hi> zerfließen (<hi rendition="#g">Rom. Oedipus</hi>)!</hi> <lb n="pgo_135.030"/>
Die Schlußparabase dieser Komödie wimmelt von solchen abstracten Wörtern.</note>. Es fehlt ihnen alle sinnliche Anschaulichkeit! <lb n="pgo_135.003"/>
Dagegen haben die mehr aktiven, von Zeitwörtern gebildeten <lb n="pgo_135.004"/>
Hauptwörter wie z. B. <hi rendition="#g">Berather, Thäter, Erhalter,</hi> Kraft und <lb n="pgo_135.005"/>
Frische:</p>
              <lb n="pgo_135.006"/>
              <lg>
                <l>Harret, bis im Morgenwinde eure Turbanfedern flattern &#x2014;</l>
                <lb n="pgo_135.007"/>
                <l>Morgenwind und Morgenröthe werden ihnen zu <hi rendition="#g">Bestattern</hi>.</l>
              </lg>
              <lb n="pgo_135.008"/>
              <p> <hi rendition="#right"><hi rendition="#g">Freiligrath</hi>.</hi> </p>
              <lb n="pgo_135.009"/>
              <lg>
                <l>Jhrer Spur folgt die Hyäne,</l>
                <lb n="pgo_135.010"/>
                <l>Die <hi rendition="#g">Entweiherin</hi> der Grüfte! <hi rendition="#g">Freiligrath.</hi></l>
                <lb n="pgo_135.011"/>
                <l> <hi rendition="#g">Schöpfrin, Entfalterin</hi> </l>
                <lb n="pgo_135.012"/>
                <l>Himmlischer Zier</l>
                <lb n="pgo_135.013"/>
                <l>Stehst du, <hi rendition="#g">Gestalterin,</hi></l>
                <lb n="pgo_135.014"/>
                <l>Muse vor mir.</l>
                <lb n="pgo_135.015"/>
                <l>Oder du Liebe,</l>
                <lb n="pgo_135.016"/>
                <l> <hi rendition="#g">Einigerin,</hi> </l>
                <lb n="pgo_135.017"/>
                <l>Jrdischer Triebe</l>
                <lb n="pgo_135.018"/>
                <l> <hi rendition="#g">Reinigerin.</hi> </l>
              </lg>
              <p> <hi rendition="#g"><hi rendition="#right">Rückert</hi>.</hi> </p>
              <p><lb n="pgo_135.019"/>
Es liegt hierbei eine Personifikation zu Grunde, welche die Sprache selbst <lb n="pgo_135.020"/>
vollzieht, und die der Dichtung zu Gute kommt. Auch fließt hier gerade <lb n="pgo_135.021"/>
ein ergiebiger Born für neue Wortbildungen, welche aus alten Stämmen <lb n="pgo_135.022"/>
zwanglos herauswachsen<note xml:id="PGO_135_2" place="foot" n="**)"><lb n="pgo_135.031"/>
Die Wirkung der <hi rendition="#g">Diminutiv</hi> bildungen, das Niedliche, Zierliche tändelnd zu <lb n="pgo_135.032"/>
schildern, hat <hi rendition="#g">Rückert</hi> in dem Gedicht: <hi rendition="#g">die Göttin im Putzzimmer,</hi> auf's <lb n="pgo_135.033"/>
Glücklichste erreicht. Selbst die Häufung der Diminutive ist hier nicht störend: <lb n="pgo_135.034"/> <hi rendition="#g">Nischchen, Zellchen, Tischchen, Gestellchen, Schreinchen, Quästchen, <lb n="pgo_135.035"/>
Steinchen, Kästchen, Ringelchen, Kettchen, Dingelchen, Blättchen, <lb n="pgo_135.036"/>
Nädelchen, Häckchen, Fädelchen, Fleckchen, Wickelchen, Schleifchen, <lb n="pgo_135.037"/>
Zwickelchen, Streifchen</hi> &amp;c.</note>. Doch hat auch das scheinbar spröde Hauptwort <lb n="pgo_135.023"/>
eine Seite, wo es sich für dichterische Neubildungen gefügig erweist. <lb n="pgo_135.024"/>
Seine Fähigkeit, durch die Zusammensetzung mit andern Hauptwörtern <lb n="pgo_135.025"/> <hi rendition="#g">neue Wörter</hi> zu bilden, ja selbst Nebenbestimmungen als gleich berechtigt <lb n="pgo_135.026"/>
in sich aufzunehmen, verleiht dem Ausdruck ebenso Reichthum, wie <lb n="pgo_135.027"/>
Energie. Daß sich diese Fähigkeit soweit erstreckt, um selbst die Spielereien
</p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[135/0157] pgo_135.001 Endung: ung zu vermeiden haben, die in unserer neuen orientalischen pgo_135.002 Lyrik eine allzugroße Rolle spielen *). Es fehlt ihnen alle sinnliche Anschaulichkeit! pgo_135.003 Dagegen haben die mehr aktiven, von Zeitwörtern gebildeten pgo_135.004 Hauptwörter wie z. B. Berather, Thäter, Erhalter, Kraft und pgo_135.005 Frische: pgo_135.006 Harret, bis im Morgenwinde eure Turbanfedern flattern — pgo_135.007 Morgenwind und Morgenröthe werden ihnen zu Bestattern. pgo_135.008 Freiligrath. pgo_135.009 Jhrer Spur folgt die Hyäne, pgo_135.010 Die Entweiherin der Grüfte! Freiligrath. pgo_135.011 Schöpfrin, Entfalterin pgo_135.012 Himmlischer Zier pgo_135.013 Stehst du, Gestalterin, pgo_135.014 Muse vor mir. pgo_135.015 Oder du Liebe, pgo_135.016 Einigerin, pgo_135.017 Jrdischer Triebe pgo_135.018 Reinigerin. Rückert. pgo_135.019 Es liegt hierbei eine Personifikation zu Grunde, welche die Sprache selbst pgo_135.020 vollzieht, und die der Dichtung zu Gute kommt. Auch fließt hier gerade pgo_135.021 ein ergiebiger Born für neue Wortbildungen, welche aus alten Stämmen pgo_135.022 zwanglos herauswachsen **). Doch hat auch das scheinbar spröde Hauptwort pgo_135.023 eine Seite, wo es sich für dichterische Neubildungen gefügig erweist. pgo_135.024 Seine Fähigkeit, durch die Zusammensetzung mit andern Hauptwörtern pgo_135.025 neue Wörter zu bilden, ja selbst Nebenbestimmungen als gleich berechtigt pgo_135.026 in sich aufzunehmen, verleiht dem Ausdruck ebenso Reichthum, wie pgo_135.027 Energie. Daß sich diese Fähigkeit soweit erstreckt, um selbst die Spielereien *) pgo_135.028 Auch Platen ist nicht frei davon. Er sagt z. B. pgo_135.029 der Elemente Bildungen zerfließen (Rom. Oedipus)! pgo_135.030 Die Schlußparabase dieser Komödie wimmelt von solchen abstracten Wörtern. **) pgo_135.031 Die Wirkung der Diminutiv bildungen, das Niedliche, Zierliche tändelnd zu pgo_135.032 schildern, hat Rückert in dem Gedicht: die Göttin im Putzzimmer, auf's pgo_135.033 Glücklichste erreicht. Selbst die Häufung der Diminutive ist hier nicht störend: pgo_135.034 Nischchen, Zellchen, Tischchen, Gestellchen, Schreinchen, Quästchen, pgo_135.035 Steinchen, Kästchen, Ringelchen, Kettchen, Dingelchen, Blättchen, pgo_135.036 Nädelchen, Häckchen, Fädelchen, Fleckchen, Wickelchen, Schleifchen, pgo_135.037 Zwickelchen, Streifchen &c.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Technische Universität Darmstadt, Universität Stuttgart: Bereitstellung der Scan-Digitalisate und der Texttranskription. (2015-09-30T09:54:39Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
TextGrid/DARIAH-DE: Langfristige Bereitstellung der TextGrid/DARIAH-DE-Repository-Ausgabe
Stefan Alscher: Bearbeitung der digitalen Edition - Annotation des Metaphernbegriffs
Hans-Werner Bartz: Bearbeitung der digitalen Edition - Tustep-Unterstützung
Michael Bender: Bearbeitung der digitalen Edition - Koordination, Konzeption (Korpusaufbau, Annotationsschema, Workflow, Publikationsformen), Annotation des Metaphernbegriffs, XML-Auszeichnung)
Leonie Blumenschein: Bearbeitung der digitalen Edition - XML-Auszeichnung
David Glück: Bearbeitung der digitalen Edition - Korpusaufbau, XML-Auszeichnung, Annotation des Metaphernbegriffs, XSL+JavaScript
Constanze Hahn: Bearbeitung der digitalen Edition - Korpusaufbau, XML-Auszeichnung
Philipp Hegel: Bearbeitung der digitalen Edition - XML/XSL/CSS-Unterstützung
Andrea Rapp: ePoetics-Projekt-Koordination
Sandra Richter: ePoetics-Projekt-Koordination

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: keine Angabe; Druckfehler: keine Angabe; fremdsprachliches Material: gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: wie Vorlage; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): wie Vorlage; i/j in Fraktur: wie Vorlage; I/J in Fraktur: wie Vorlage; Kolumnentitel: nicht übernommen; Kustoden: nicht übernommen; langes s (ſ): wie Vorlage; Normalisierungen: keine; rundes r (ꝛ): wie Vorlage; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: nicht übernommen; u/v bzw. U/V: wie Vorlage; Vokale mit übergest. e: wie Vorlage; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: ja;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/gottschall_poetik_1858
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/gottschall_poetik_1858/157
Zitationshilfe: Gottschall, Rudolph: Poetik. Die Dichtkunst und ihre Technik [v]om Standpunkte der Neuzeit. Breslau, 1858, S. 135. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gottschall_poetik_1858/157>, abgerufen am 13.07.2024.