Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Gerstenberg, Heinrich Wilhelm: Ugolino. Hamburg u. a., 1768.

Bild:
<< vorherige Seite
Ugolino,
Ugolino. Es ist mein Augebinde. Geschmückt wie eine
Braut entschlief meine Gianetta. Sie lud mich ein: hier liegt
ein Brief an ihrem keuschen Busen. Nie ist ein Liebesbrief ge-
schrieben worden, wie dieser. Ha! es ist meine Hand! Der
letzte Brief, den ich aus diesem elenden Aufenthalte an sie schrieb!
(Er will den Brief nehmen; Francesco springt zu, und zerreißt ihn)
Francesco. Du mußt den Brief nicht sehn, mein Vater --
Ugolino. Den Brief?
Francesco. Er ist furchtbar, wie der Tod! Die Natter
hat ihn getränkt.
Ugolino. Mein Brief?
Francesco. Tod ist sein Hauch.
Ugolino. Mein Brief?
Francesco. Er fiel durch die Treulosigkeit des Thurmwär-
ters in Ruggieris Hände: du weißt genug.
Ugolino. Richter im Himmel! --
Francesco. Nie hat die Hölle einen giftigern Aspick an des
Arno versengten Strand ausgeworfen, als der Gherardescas
Worte zur Pest machte.
Ugolino. O ich erliege! Mein Brief?
Francesco. Sie trank die Züge deiner werthen Hand in
sich -- ah Getäuschte! Sie drückte den geliebten verräthrischen
vergifteten Brief an ihr Herz --
Ugolino. Widerrufe, Francesco.
Francesco. Ungefürchtet wirkte die verborgne Natter fort:
in jede Nerve, in jede kleinste Blutader, in jeden liebevollesten
ihrer Blicke sandte Ruggieri seinen Tod, und mit dem trübent-
fliehenden Tage, früher als der Abend sich neigte, eilte ihr Geist
zum Himmel auf.
Ugolino. Widerrufe, junger Mensch; widerrufe deine
Verläumdungen. Mein Brief, sagst du? -- Wehe mir! dem
Gedanken erlieg ich!

Fran-
Ugolino,
Ugolino. Es iſt mein Augebinde. Geſchmuͤckt wie eine
Braut entſchlief meine Gianetta. Sie lud mich ein: hier liegt
ein Brief an ihrem keuſchen Buſen. Nie iſt ein Liebesbrief ge-
ſchrieben worden, wie dieſer. Ha! es iſt meine Hand! Der
letzte Brief, den ich aus dieſem elenden Aufenthalte an ſie ſchrieb!
(Er will den Brief nehmen; Franceſco ſpringt zu, und zerreißt ihn)
Franceſco. Du mußt den Brief nicht ſehn, mein Vater —
Ugolino. Den Brief?
Franceſco. Er iſt furchtbar, wie der Tod! Die Natter
hat ihn getraͤnkt.
Ugolino. Mein Brief?
Franceſco. Tod iſt ſein Hauch.
Ugolino. Mein Brief?
Franceſco. Er fiel durch die Treuloſigkeit des Thurmwaͤr-
ters in Ruggieris Haͤnde: du weißt genug.
Ugolino. Richter im Himmel! —
Franceſco. Nie hat die Hoͤlle einen giftigern Aſpick an des
Arno verſengten Strand ausgeworfen, als der Gherardeſcas
Worte zur Peſt machte.
Ugolino. O ich erliege! Mein Brief?
Franceſco. Sie trank die Zuͤge deiner werthen Hand in
ſich — ah Getaͤuſchte! Sie druͤckte den geliebten verraͤthriſchen
vergifteten Brief an ihr Herz —
Ugolino. Widerrufe, Franceſco.
Franceſco. Ungefuͤrchtet wirkte die verborgne Natter fort:
in jede Nerve, in jede kleinſte Blutader, in jeden liebevolleſten
ihrer Blicke ſandte Ruggieri ſeinen Tod, und mit dem truͤbent-
fliehenden Tage, fruͤher als der Abend ſich neigte, eilte ihr Geiſt
zum Himmel auf.
Ugolino. Widerrufe, junger Menſch; widerrufe deine
Verlaͤumdungen. Mein Brief, ſagſt du? — Wehe mir! dem
Gedanken erlieg ich!

Fran-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0040" n="34"/>
          <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#b"><hi rendition="#g">Ugolino</hi>,</hi> </fw><lb/>
          <sp who="#UGO">
            <speaker><hi rendition="#fr"><hi rendition="#g">Ugolino</hi></hi>.</speaker>
            <p>Es i&#x017F;t mein Augebinde. Ge&#x017F;chmu&#x0364;ckt wie eine<lb/>
Braut ent&#x017F;chlief meine Gianetta. Sie lud mich ein: hier liegt<lb/>
ein Brief an ihrem keu&#x017F;chen Bu&#x017F;en. Nie i&#x017F;t ein Liebesbrief ge-<lb/>
&#x017F;chrieben worden, wie die&#x017F;er. Ha! es i&#x017F;t meine Hand! Der<lb/>
letzte Brief, den ich aus die&#x017F;em elenden Aufenthalte an &#x017F;ie &#x017F;chrieb!<lb/><stage>(Er will den Brief nehmen; <hi rendition="#g">France&#x017F;co</hi> &#x017F;pringt zu, und zerreißt ihn)</stage></p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#FRA">
            <speaker><hi rendition="#fr"><hi rendition="#g">France&#x017F;co</hi></hi>.</speaker>
            <p>Du mußt den Brief nicht &#x017F;ehn, mein Vater &#x2014;</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#UGO">
            <speaker><hi rendition="#fr"><hi rendition="#g">Ugolino</hi></hi>.</speaker>
            <p>Den Brief?</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#FRA">
            <speaker><hi rendition="#fr"><hi rendition="#g">France&#x017F;co</hi></hi>.</speaker>
            <p>Er i&#x017F;t furchtbar, wie der Tod! Die Natter<lb/>
hat ihn getra&#x0364;nkt.</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#UGO">
            <speaker><hi rendition="#fr"><hi rendition="#g">Ugolino</hi></hi>.</speaker>
            <p>Mein Brief?</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#FRA">
            <speaker><hi rendition="#fr"><hi rendition="#g">France&#x017F;co</hi></hi>.</speaker>
            <p>Tod i&#x017F;t &#x017F;ein Hauch.</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#UGO">
            <speaker><hi rendition="#fr"><hi rendition="#g">Ugolino</hi></hi>.</speaker>
            <p>Mein Brief?</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#FRA">
            <speaker><hi rendition="#fr"><hi rendition="#g">France&#x017F;co</hi></hi>.</speaker>
            <p>Er fiel durch die Treulo&#x017F;igkeit des Thurmwa&#x0364;r-<lb/>
ters in Ruggieris Ha&#x0364;nde: du weißt genug.</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#UGO">
            <speaker><hi rendition="#fr"><hi rendition="#g">Ugolino</hi></hi>.</speaker>
            <p>Richter im Himmel! &#x2014;</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#FRA">
            <speaker><hi rendition="#fr"><hi rendition="#g">France&#x017F;co</hi></hi>.</speaker>
            <p>Nie hat die Ho&#x0364;lle einen giftigern A&#x017F;pick an des<lb/>
Arno ver&#x017F;engten Strand ausgeworfen, als der Gherarde&#x017F;cas<lb/>
Worte zur Pe&#x017F;t machte.</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#UGO">
            <speaker><hi rendition="#fr"><hi rendition="#g">Ugolino</hi></hi>.</speaker>
            <p>O ich erliege! Mein Brief?</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#FRA">
            <speaker><hi rendition="#fr"><hi rendition="#g">France&#x017F;co</hi></hi>.</speaker>
            <p>Sie trank die Zu&#x0364;ge deiner werthen Hand in<lb/>
&#x017F;ich &#x2014; ah Geta&#x0364;u&#x017F;chte! Sie dru&#x0364;ckte den geliebten verra&#x0364;thri&#x017F;chen<lb/>
vergifteten Brief an ihr Herz &#x2014;</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#UGO">
            <speaker><hi rendition="#fr"><hi rendition="#g">Ugolino</hi></hi>.</speaker>
            <p>Widerrufe, France&#x017F;co.</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#FRA">
            <speaker><hi rendition="#fr"><hi rendition="#g">France&#x017F;co</hi></hi>.</speaker>
            <p>Ungefu&#x0364;rchtet wirkte die verborgne Natter fort:<lb/>
in jede Nerve, in jede klein&#x017F;te Blutader, in jeden liebevolle&#x017F;ten<lb/>
ihrer Blicke &#x017F;andte Ruggieri &#x017F;einen Tod, und mit dem tru&#x0364;bent-<lb/>
fliehenden Tage, fru&#x0364;her als der Abend &#x017F;ich neigte, eilte ihr Gei&#x017F;t<lb/>
zum Himmel auf.</p>
          </sp><lb/>
          <sp who="#UGO">
            <speaker><hi rendition="#fr"><hi rendition="#g">Ugolino</hi></hi>.</speaker>
            <p>Widerrufe, junger Men&#x017F;ch; widerrufe deine<lb/>
Verla&#x0364;umdungen. Mein Brief, &#x017F;ag&#x017F;t du? &#x2014; Wehe mir! dem<lb/>
Gedanken erlieg ich!</p><lb/>
            <fw place="bottom" type="catch"> <hi rendition="#fr"> <hi rendition="#g">Fran-</hi> </hi> </fw>
          </sp><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[34/0040] Ugolino, Ugolino. Es iſt mein Augebinde. Geſchmuͤckt wie eine Braut entſchlief meine Gianetta. Sie lud mich ein: hier liegt ein Brief an ihrem keuſchen Buſen. Nie iſt ein Liebesbrief ge- ſchrieben worden, wie dieſer. Ha! es iſt meine Hand! Der letzte Brief, den ich aus dieſem elenden Aufenthalte an ſie ſchrieb! (Er will den Brief nehmen; Franceſco ſpringt zu, und zerreißt ihn) Franceſco. Du mußt den Brief nicht ſehn, mein Vater — Ugolino. Den Brief? Franceſco. Er iſt furchtbar, wie der Tod! Die Natter hat ihn getraͤnkt. Ugolino. Mein Brief? Franceſco. Tod iſt ſein Hauch. Ugolino. Mein Brief? Franceſco. Er fiel durch die Treuloſigkeit des Thurmwaͤr- ters in Ruggieris Haͤnde: du weißt genug. Ugolino. Richter im Himmel! — Franceſco. Nie hat die Hoͤlle einen giftigern Aſpick an des Arno verſengten Strand ausgeworfen, als der Gherardeſcas Worte zur Peſt machte. Ugolino. O ich erliege! Mein Brief? Franceſco. Sie trank die Zuͤge deiner werthen Hand in ſich — ah Getaͤuſchte! Sie druͤckte den geliebten verraͤthriſchen vergifteten Brief an ihr Herz — Ugolino. Widerrufe, Franceſco. Franceſco. Ungefuͤrchtet wirkte die verborgne Natter fort: in jede Nerve, in jede kleinſte Blutader, in jeden liebevolleſten ihrer Blicke ſandte Ruggieri ſeinen Tod, und mit dem truͤbent- fliehenden Tage, fruͤher als der Abend ſich neigte, eilte ihr Geiſt zum Himmel auf. Ugolino. Widerrufe, junger Menſch; widerrufe deine Verlaͤumdungen. Mein Brief, ſagſt du? — Wehe mir! dem Gedanken erlieg ich! Fran-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/gerstenberg_ugolino_1768
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/gerstenberg_ugolino_1768/40
Zitationshilfe: Gerstenberg, Heinrich Wilhelm: Ugolino. Hamburg u. a., 1768, S. 34. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gerstenberg_ugolino_1768/40>, abgerufen am 07.05.2021.