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[Gellert, Christian Fürchtegott]: Das Leben der Schwedischen Gräfinn von G**. Bd. 2. Leipzig, 1748.

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Gräfinn von G**
chen seine guten Eigenschaften nur desto sicht-
barer. Er ist sehr vortheilhaft gebildet und
seine Mine ist so lebhaft, als sein Herz. Er ist
noch jung. Das Unglück in der Liebe ist Ur-
sache, daß er sein Vaterland verlassen und wi-
der seine Neigung, bloß aus Unzufriedenheit,
in Schweden Kriegsdienste angenommen hat.
Jch will euch sein Unglück kurz erzählen, und
ihm euer Mitleiden dadurch verdienen. Als
er nebst seinem Vetter Sidne die Universität
zu Oxford verlassen, begiebt er sich auf seines
Vaters Landgut, etliche Meilen von London,
um desto ruhiger studiren zu können. Hier wird
er mit einem liebenswürdigen Frauenzimmer,
der Tochter eines benachbarten Landedel-
manns bekannt, und fängt an, das erstemal
zu lieben. Nach zwey Jahren, nach tausend
besiegten Hindernissen, und nach tausend Be-
weisen ihrer Treue, erhält er endlich von ih-
ren Aeltern das Ja, und von seinem Vater die
Einwilligung. Der Tag zur Vermählung
mit seiner geliebten Antonia wird angesetzt.
Sie soll Morgen auf seines Vaters Landgute
vor sich gehen, und heute reist er mit ihm zu
ihr, um sie nebst den Jhrigen abzuholen. Sie
kommen um die Mittagsmahlzeit an, und nach
derselben soll die Rückreise erfolgen. Er sitzt
mit seiner Antonia in der zärtlichsten Vertrau-

lich-
II Theil. B

Graͤfinn von G**
chen ſeine guten Eigenſchaften nur deſto ſicht-
barer. Er iſt ſehr vortheilhaft gebildet und
ſeine Mine iſt ſo lebhaft, als ſein Herz. Er iſt
noch jung. Das Ungluͤck in der Liebe iſt Ur-
ſache, daß er ſein Vaterland verlaſſen und wi-
der ſeine Neigung, bloß aus Unzufriedenheit,
in Schweden Kriegsdienſte angenommen hat.
Jch will euch ſein Ungluͤck kurz erzaͤhlen, und
ihm euer Mitleiden dadurch verdienen. Als
er nebſt ſeinem Vetter Sidne die Univerſitaͤt
zu Oxford verlaſſen, begiebt er ſich auf ſeines
Vaters Landgut, etliche Meilen von London,
um deſto ruhiger ſtudiren zu koͤnnen. Hier wird
er mit einem liebenswuͤrdigen Frauenzimmer,
der Tochter eines benachbarten Landedel-
manns bekannt, und faͤngt an, das erſtemal
zu lieben. Nach zwey Jahren, nach tauſend
beſiegten Hinderniſſen, und nach tauſend Be-
weiſen ihrer Treue, erhaͤlt er endlich von ih-
ren Aeltern das Ja, und von ſeinem Vater die
Einwilligung. Der Tag zur Vermaͤhlung
mit ſeiner geliebten Antonia wird angeſetzt.
Sie ſoll Morgen auf ſeines Vaters Landgute
vor ſich gehen, und heute reiſt er mit ihm zu
ihr, um ſie nebſt den Jhrigen abzuholen. Sie
kommen um die Mittagsmahlzeit an, und nach
derſelben ſoll die Ruͤckreiſe erfolgen. Er ſitzt
mit ſeiner Antonia in der zaͤrtlichſten Vertrau-

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II Theil. B
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[17/0017] Graͤfinn von G** chen ſeine guten Eigenſchaften nur deſto ſicht- barer. Er iſt ſehr vortheilhaft gebildet und ſeine Mine iſt ſo lebhaft, als ſein Herz. Er iſt noch jung. Das Ungluͤck in der Liebe iſt Ur- ſache, daß er ſein Vaterland verlaſſen und wi- der ſeine Neigung, bloß aus Unzufriedenheit, in Schweden Kriegsdienſte angenommen hat. Jch will euch ſein Ungluͤck kurz erzaͤhlen, und ihm euer Mitleiden dadurch verdienen. Als er nebſt ſeinem Vetter Sidne die Univerſitaͤt zu Oxford verlaſſen, begiebt er ſich auf ſeines Vaters Landgut, etliche Meilen von London, um deſto ruhiger ſtudiren zu koͤnnen. Hier wird er mit einem liebenswuͤrdigen Frauenzimmer, der Tochter eines benachbarten Landedel- manns bekannt, und faͤngt an, das erſtemal zu lieben. Nach zwey Jahren, nach tauſend beſiegten Hinderniſſen, und nach tauſend Be- weiſen ihrer Treue, erhaͤlt er endlich von ih- ren Aeltern das Ja, und von ſeinem Vater die Einwilligung. Der Tag zur Vermaͤhlung mit ſeiner geliebten Antonia wird angeſetzt. Sie ſoll Morgen auf ſeines Vaters Landgute vor ſich gehen, und heute reiſt er mit ihm zu ihr, um ſie nebſt den Jhrigen abzuholen. Sie kommen um die Mittagsmahlzeit an, und nach derſelben ſoll die Ruͤckreiſe erfolgen. Er ſitzt mit ſeiner Antonia in der zaͤrtlichſten Vertrau- lich- II Theil. B

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Zitationshilfe: [Gellert, Christian Fürchtegott]: Das Leben der Schwedischen Gräfinn von G**. Bd. 2. Leipzig, 1748, S. 17. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gellert_leben02_1748/17>, abgerufen am 23.04.2024.