Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Gall, Luise von: Eine fromme Lüge. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 6. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 105–175. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

Bild:
<< vorherige Seite

bloß gegen die Gräfin, sondern auch gegen Jeden außerhalb des Schlosses, erhält den vierten Theil seines Gehalts am Schlusse des Jahres als Zulage. Nun geht!

Und wortlos, auch ohne nur zu flüstern, verließen Alle, einer nach dem andern, den Saal; der Graf aber bestieg sein Pferd, um seiner Frau entgegen zu reiten, obwohl diese Begegnung ganz den Stempel des Zufälligen tragen sollte, da er der Gräfin nichts vom Briefe des Badearztes verrathen durfte.

Vielleicht war Graf Clemens, seitdem er lebte, noch nicht in solcher Gemüthsbewegung gewesen wie jetzt, und es war nicht der schnelle Trab seines schlanken englischen Pferdes, was sein Herz so hoch schlagen ließ. Denn er liebte wirklich seine Frau, vielleicht nur weil sie in ihrer apathischen und doch reizbar nervösen Gemüthsstimmung den vollsten Gegensatz zu seinem heftigen, eigensinnigen und harten Wesen bildete. Die Gräfin Agnes war nicht schön, denn sie war zu blaß, zu mager und zu kränklichen Ansehens, um trotz regelmäßiger Gesichtsbildung, schöner blonder Haare und der weißesten Zähne dafür zu gelten, überdem trugen ihre Züge den Stempel einer Apathie, die ihren großen blauen Augen alles Leben raubte, jener Apathie, die man bei Menschen, die Viel erlebt haben, Blasirtheit nennt. Blasirt konnte man aber die Gräfin nicht nennen, denn sie hatte nichts erlebt, keine Schicksale und keine Leidenschaften. Der dankbaren Liebe zu ihren Aeltern

bloß gegen die Gräfin, sondern auch gegen Jeden außerhalb des Schlosses, erhält den vierten Theil seines Gehalts am Schlusse des Jahres als Zulage. Nun geht!

Und wortlos, auch ohne nur zu flüstern, verließen Alle, einer nach dem andern, den Saal; der Graf aber bestieg sein Pferd, um seiner Frau entgegen zu reiten, obwohl diese Begegnung ganz den Stempel des Zufälligen tragen sollte, da er der Gräfin nichts vom Briefe des Badearztes verrathen durfte.

Vielleicht war Graf Clemens, seitdem er lebte, noch nicht in solcher Gemüthsbewegung gewesen wie jetzt, und es war nicht der schnelle Trab seines schlanken englischen Pferdes, was sein Herz so hoch schlagen ließ. Denn er liebte wirklich seine Frau, vielleicht nur weil sie in ihrer apathischen und doch reizbar nervösen Gemüthsstimmung den vollsten Gegensatz zu seinem heftigen, eigensinnigen und harten Wesen bildete. Die Gräfin Agnes war nicht schön, denn sie war zu blaß, zu mager und zu kränklichen Ansehens, um trotz regelmäßiger Gesichtsbildung, schöner blonder Haare und der weißesten Zähne dafür zu gelten, überdem trugen ihre Züge den Stempel einer Apathie, die ihren großen blauen Augen alles Leben raubte, jener Apathie, die man bei Menschen, die Viel erlebt haben, Blasirtheit nennt. Blasirt konnte man aber die Gräfin nicht nennen, denn sie hatte nichts erlebt, keine Schicksale und keine Leidenschaften. Der dankbaren Liebe zu ihren Aeltern

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div type="chapter" n="4">
        <p><pb facs="#f0038"/>
bloß gegen die Gräfin, sondern auch gegen Jeden außerhalb      des Schlosses, erhält den vierten Theil seines Gehalts am Schlusse des Jahres als Zulage. Nun      geht!</p><lb/>
        <p>Und wortlos, auch ohne nur zu flüstern, verließen Alle, einer nach dem andern, den Saal; der      Graf aber bestieg sein Pferd, um seiner Frau entgegen zu reiten, obwohl diese Begegnung ganz      den Stempel des Zufälligen tragen sollte, da er der Gräfin nichts vom Briefe des Badearztes      verrathen durfte.</p><lb/>
        <p>Vielleicht war Graf Clemens, seitdem er lebte, noch nicht in solcher Gemüthsbewegung gewesen      wie jetzt, und es war nicht der schnelle Trab seines schlanken englischen Pferdes, was sein      Herz so hoch schlagen ließ. Denn er liebte wirklich seine Frau, vielleicht nur weil sie in      ihrer apathischen und doch reizbar nervösen Gemüthsstimmung den vollsten Gegensatz zu seinem      heftigen, eigensinnigen und harten Wesen bildete. Die Gräfin Agnes war nicht schön, denn sie      war zu blaß, zu mager und zu kränklichen Ansehens, um trotz regelmäßiger Gesichtsbildung,      schöner blonder Haare und der weißesten Zähne dafür zu gelten, überdem trugen ihre Züge den      Stempel einer Apathie, die ihren großen blauen Augen alles Leben raubte, jener Apathie, die man      bei Menschen, die Viel erlebt haben, Blasirtheit nennt. Blasirt konnte man aber die Gräfin      nicht nennen, denn sie hatte nichts erlebt, keine Schicksale und keine Leidenschaften. Der      dankbaren Liebe zu ihren Aeltern<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0038] bloß gegen die Gräfin, sondern auch gegen Jeden außerhalb des Schlosses, erhält den vierten Theil seines Gehalts am Schlusse des Jahres als Zulage. Nun geht! Und wortlos, auch ohne nur zu flüstern, verließen Alle, einer nach dem andern, den Saal; der Graf aber bestieg sein Pferd, um seiner Frau entgegen zu reiten, obwohl diese Begegnung ganz den Stempel des Zufälligen tragen sollte, da er der Gräfin nichts vom Briefe des Badearztes verrathen durfte. Vielleicht war Graf Clemens, seitdem er lebte, noch nicht in solcher Gemüthsbewegung gewesen wie jetzt, und es war nicht der schnelle Trab seines schlanken englischen Pferdes, was sein Herz so hoch schlagen ließ. Denn er liebte wirklich seine Frau, vielleicht nur weil sie in ihrer apathischen und doch reizbar nervösen Gemüthsstimmung den vollsten Gegensatz zu seinem heftigen, eigensinnigen und harten Wesen bildete. Die Gräfin Agnes war nicht schön, denn sie war zu blaß, zu mager und zu kränklichen Ansehens, um trotz regelmäßiger Gesichtsbildung, schöner blonder Haare und der weißesten Zähne dafür zu gelten, überdem trugen ihre Züge den Stempel einer Apathie, die ihren großen blauen Augen alles Leben raubte, jener Apathie, die man bei Menschen, die Viel erlebt haben, Blasirtheit nennt. Blasirt konnte man aber die Gräfin nicht nennen, denn sie hatte nichts erlebt, keine Schicksale und keine Leidenschaften. Der dankbaren Liebe zu ihren Aeltern

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-14T15:13:13Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-14T15:13:13Z)

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: nicht gekennzeichnet; Druckfehler: dokumentiert; fremdsprachliches Material: nicht gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): nicht ausgezeichnet; i/j in Fraktur: keine Angabe; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; Kolumnentitel: nicht gekennzeichnet; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine; rundes r (&#xa75b;): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: keine Angabe; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: nein;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/gall_luege_1910
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/gall_luege_1910/38
Zitationshilfe: Gall, Luise von: Eine fromme Lüge. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 6. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 105–175. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gall_luege_1910/38>, abgerufen am 13.04.2024.