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François, Louise von: Die letzte Reckenburgerin. Bd. 2. Berlin, 1871.

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Wie er nun aber, plötzlich ernüchtert, mir mit
geballter Faust und drohendem Trotze gegenübertrat,
da weckte das stolze Zurückwerfen des Kopfes, der
zornig flammende Blick des blauen Auges in meiner
Erinnerung ein lange schlummerndes Bild; seltsamer
Weise aber nicht zuerst das des Sohnes, der sich einen
Tod auf dem Schlachtfelde gewünscht, sondern das des
Vaters, der ihn so früh auf demselben gefunden hatte.
Prinz August, nicht August Müller war plötzlich vor mir
lebendig geworden. Die Vision währte nur einen
Augenblick. Bei den ersten Worten von Vater und
Kind hatte ich mir ihre seltsame Begriffsverwirrung
erklärt; durfte ich aber, konnte ich vor dieser gaffenden
Gesellschaft den Irrthum lösen? Ehe ich noch einen
Entschluß gefaßt, hatte sich der Mann zum Gehen ge¬
wendet; ich sah einen aschfarbigen Schatten über seine
Züge fliegen, ihn sich zitternd an das Laubengitter
klammern; ich winkte dem Prediger, ihn zu unterstützen,
auch der Graf eilte ihm nach in merklicher Verblüffung,
bald waren sie in dem Laubengange verschwunden.

Ich war nicht in der Stimmung, mich mit meinen
Gästen in Erläuterungen einzulassen; wir beknixten uns
wohl noch später im Schlosse, und entfernten sie sich
ohne Abschied: desto besser. Daß einer von ihnen im

Wie er nun aber, plötzlich ernüchtert, mir mit
geballter Fauſt und drohendem Trotze gegenübertrat,
da weckte das ſtolze Zurückwerfen des Kopfes, der
zornig flammende Blick des blauen Auges in meiner
Erinnerung ein lange ſchlummerndes Bild; ſeltſamer
Weiſe aber nicht zuerſt das des Sohnes, der ſich einen
Tod auf dem Schlachtfelde gewünſcht, ſondern das des
Vaters, der ihn ſo früh auf demſelben gefunden hatte.
Prinz Auguſt, nicht Auguſt Müller war plötzlich vor mir
lebendig geworden. Die Viſion währte nur einen
Augenblick. Bei den erſten Worten von Vater und
Kind hatte ich mir ihre ſeltſame Begriffsverwirrung
erklärt; durfte ich aber, konnte ich vor dieſer gaffenden
Geſellſchaft den Irrthum löſen? Ehe ich noch einen
Entſchluß gefaßt, hatte ſich der Mann zum Gehen ge¬
wendet; ich ſah einen aſchfarbigen Schatten über ſeine
Züge fliegen, ihn ſich zitternd an das Laubengitter
klammern; ich winkte dem Prediger, ihn zu unterſtützen,
auch der Graf eilte ihm nach in merklicher Verblüffung,
bald waren ſie in dem Laubengange verſchwunden.

Ich war nicht in der Stimmung, mich mit meinen
Gäſten in Erläuterungen einzulaſſen; wir beknixten uns
wohl noch ſpäter im Schloſſe, und entfernten ſie ſich
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[183/0187] Wie er nun aber, plötzlich ernüchtert, mir mit geballter Fauſt und drohendem Trotze gegenübertrat, da weckte das ſtolze Zurückwerfen des Kopfes, der zornig flammende Blick des blauen Auges in meiner Erinnerung ein lange ſchlummerndes Bild; ſeltſamer Weiſe aber nicht zuerſt das des Sohnes, der ſich einen Tod auf dem Schlachtfelde gewünſcht, ſondern das des Vaters, der ihn ſo früh auf demſelben gefunden hatte. Prinz Auguſt, nicht Auguſt Müller war plötzlich vor mir lebendig geworden. Die Viſion währte nur einen Augenblick. Bei den erſten Worten von Vater und Kind hatte ich mir ihre ſeltſame Begriffsverwirrung erklärt; durfte ich aber, konnte ich vor dieſer gaffenden Geſellſchaft den Irrthum löſen? Ehe ich noch einen Entſchluß gefaßt, hatte ſich der Mann zum Gehen ge¬ wendet; ich ſah einen aſchfarbigen Schatten über ſeine Züge fliegen, ihn ſich zitternd an das Laubengitter klammern; ich winkte dem Prediger, ihn zu unterſtützen, auch der Graf eilte ihm nach in merklicher Verblüffung, bald waren ſie in dem Laubengange verſchwunden. Ich war nicht in der Stimmung, mich mit meinen Gäſten in Erläuterungen einzulaſſen; wir beknixten uns wohl noch ſpäter im Schloſſe, und entfernten ſie ſich ohne Abſchied: deſto beſſer. Daß einer von ihnen im

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Zitationshilfe: François, Louise von: Die letzte Reckenburgerin. Bd. 2. Berlin, 1871, S. 183. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/francois_reckenburgerin02_1871/187>, abgerufen am 06.03.2021.