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Fouqué, Caroline de La Motte-: Die Frauen in der großen Welt. Berlin, 1826.

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Wie drückend muß schon das Alleinstehen
unter Vielen
dem armen Kinde werden,
deren liebe Nähe und heitere Unterhaltung
Mutter und Geschwister, ja einer ganzen
Familie bis dahin unentbehrlich war, die das
Gefühl davon hat, der es nicht im Traume
einkam, daß sie jemals lästig oder überflüßig
erscheinen werde! Mit Erwartungen, wie jede
Andre sie hegt, tritt sie in die hellen Säle
der Freude; sorgsame Achtsamkeit hat sie
bis hieher geleitet. Das Wohlwollen der
Jhrigen, ein hoffendes Gemüth, der Spiegel
im Auge liebender Freunde, alles wirft ihr
das eigne Bild so frisch und glänzend zu-
rück, wie sich ihr heute jedwedes in der
bewegten Phantasie gestaltet. Hinneigend,
warm, voll froher Voraussetzung von Theil-
nahme und Nachsicht, schließt sie sich den
jugendlichen Kreisen an. Nun steht sie da.
Gruß und Gegengruß ward gegeben und
erwiedert. Ein fremdes, musterndes Lächeln
glitt an sie hin. Sie ist schon beurtheilt!
Man ist fertig mit ihr. Das Geschick hat
entschieden. Sie gefällt nicht. Einer flü-

Wie druͤckend muß ſchon das Alleinſtehen
unter Vielen
dem armen Kinde werden,
deren liebe Naͤhe und heitere Unterhaltung
Mutter und Geſchwiſter, ja einer ganzen
Familie bis dahin unentbehrlich war, die das
Gefuͤhl davon hat, der es nicht im Traume
einkam, daß ſie jemals laͤſtig oder uͤberfluͤßig
erſcheinen werde! Mit Erwartungen, wie jede
Andre ſie hegt, tritt ſie in die hellen Saͤle
der Freude; ſorgſame Achtſamkeit hat ſie
bis hieher geleitet. Das Wohlwollen der
Jhrigen, ein hoffendes Gemuͤth, der Spiegel
im Auge liebender Freunde, alles wirft ihr
das eigne Bild ſo friſch und glaͤnzend zu-
ruͤck, wie ſich ihr heute jedwedes in der
bewegten Phantaſie geſtaltet. Hinneigend,
warm, voll froher Vorausſetzung von Theil-
nahme und Nachſicht, ſchließt ſie ſich den
jugendlichen Kreiſen an. Nun ſteht ſie da.
Gruß und Gegengruß ward gegeben und
erwiedert. Ein fremdes, muſterndes Laͤcheln
glitt an ſie hin. Sie iſt ſchon beurtheilt!
Man iſt fertig mit ihr. Das Geſchick hat
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[116/0120] Wie druͤckend muß ſchon das Alleinſtehen unter Vielen dem armen Kinde werden, deren liebe Naͤhe und heitere Unterhaltung Mutter und Geſchwiſter, ja einer ganzen Familie bis dahin unentbehrlich war, die das Gefuͤhl davon hat, der es nicht im Traume einkam, daß ſie jemals laͤſtig oder uͤberfluͤßig erſcheinen werde! Mit Erwartungen, wie jede Andre ſie hegt, tritt ſie in die hellen Saͤle der Freude; ſorgſame Achtſamkeit hat ſie bis hieher geleitet. Das Wohlwollen der Jhrigen, ein hoffendes Gemuͤth, der Spiegel im Auge liebender Freunde, alles wirft ihr das eigne Bild ſo friſch und glaͤnzend zu- ruͤck, wie ſich ihr heute jedwedes in der bewegten Phantaſie geſtaltet. Hinneigend, warm, voll froher Vorausſetzung von Theil- nahme und Nachſicht, ſchließt ſie ſich den jugendlichen Kreiſen an. Nun ſteht ſie da. Gruß und Gegengruß ward gegeben und erwiedert. Ein fremdes, muſterndes Laͤcheln glitt an ſie hin. Sie iſt ſchon beurtheilt! Man iſt fertig mit ihr. Das Geſchick hat entſchieden. Sie gefaͤllt nicht. Einer fluͤ-

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Zitationshilfe: Fouqué, Caroline de La Motte-: Die Frauen in der großen Welt. Berlin, 1826, S. 116. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/fouque_frauen_1826/120>, abgerufen am 17.04.2024.