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Falke, Jakob von: Die deutsche Trachten- und Modenwelt. Ein Beitrag zur deutschen Culturgeschichte. Bd. 1. Leipzig, 1858.

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I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen.
richten sind zunächst so vereinzelt und zerstreut, wie die Völ-
ker selbst, über die sie lauten, nach allen Weltgegenden verschla-
gen sind. Daß der Deutsche dort, wo er, völlig vom vaterländi-
schen Boden abgeschnitten, der Uebermacht fremder Einflüsse aus-
gesetzt war, diesen nicht absichtlichen Widerstand aus patriotischem
Stolz entgegengesetzt hat, ist aus seiner ganzen Geschichte erklär-
lich; von den Vandalen in Africa wird diese Nachgiebigkeit aus-
drücklich versichert. Fester hielt er natürlich in der Heimath, wo
das Klima dasselbe blieb und die Lebensbedingungen nur all-
mählig sich änderten.

In der Zeit der Völkerwanderung, in der zweiten Hälfte
des fünften Jahrhunderts, macht uns die interessanteste Mitthei-
lung der Bischof Sidonius Apollinaris, welcher zu Clairmont
unter den Burgundern lebte. In einem Briefe an einen krieglie-
benden Freund schildert er als Augenzeuge den Aufzug eines kö-
niglichen Jünglings, wahrscheinlich von burgundischem
Stamm, welcher als Verlobter oder als Bewerber "nach heidni-
scher Weise" mit großem Gefolge nach dem Hause seines künfti-
gen Schwiegervaters zieht. Ihm vorauf werden seine Rosse ge-
führt, mit prächtigem Kopfschmuck, mit funkelnden Edelsteinen
geziert; dann folgt eine Schaar seiner Begleiter in kriegerischem
Pomp, eine andere schließt den Zug, während er selbst, blond-
haarig und mit frischrothen Wangen, in der Mitte geht, zu Fuß
wie jene, funkelnd von rothem Golde und leuchtend in milchwei-
ßer Seide und in feurigem Gelb. Seine Begleiter erscheinen an
den Füßen mit Lederschuhen bekleidet, welche bis an die Knöchel
reichen und deren Außenseite noch das volle, rauhe Haar trägt.
Schenkel, Kniee und Waden sind ohne Bedeckung. Den Körper
umschließt ein enger, buntfarbiger Rock, der kaum zu den bloßen
Knieen herabreicht und dessen Aermel nur den Anfang der Arme
verhüllen. Ihre Mäntel sind grün, mit Purpurrändern um-
säumt. Um die Schulter liegt das buckelbeschlagene Wehrge-
henk, von welchem das Schwert herabhängt. Bewaffnet sind sie
mit Lanzen, die Rechte führt die Axt und die Linke wird bedeckt
vom buntfarbigen Schild. -- Nach dieser Beschreibung erscheinen

I. Aelteſte Zeit bis zu den Kreuzzügen.
richten ſind zunächſt ſo vereinzelt und zerſtreut, wie die Völ-
ker ſelbſt, über die ſie lauten, nach allen Weltgegenden verſchla-
gen ſind. Daß der Deutſche dort, wo er, völlig vom vaterländi-
ſchen Boden abgeſchnitten, der Uebermacht fremder Einflüſſe aus-
geſetzt war, dieſen nicht abſichtlichen Widerſtand aus patriotiſchem
Stolz entgegengeſetzt hat, iſt aus ſeiner ganzen Geſchichte erklär-
lich; von den Vandalen in Africa wird dieſe Nachgiebigkeit aus-
drücklich verſichert. Feſter hielt er natürlich in der Heimath, wo
das Klima daſſelbe blieb und die Lebensbedingungen nur all-
mählig ſich änderten.

In der Zeit der Völkerwanderung, in der zweiten Hälfte
des fünften Jahrhunderts, macht uns die intereſſanteſte Mitthei-
lung der Biſchof Sidonius Apollinaris, welcher zu Clairmont
unter den Burgundern lebte. In einem Briefe an einen krieglie-
benden Freund ſchildert er als Augenzeuge den Aufzug eines kö-
niglichen Jünglings, wahrſcheinlich von burgundiſchem
Stamm, welcher als Verlobter oder als Bewerber „nach heidni-
ſcher Weiſe“ mit großem Gefolge nach dem Hauſe ſeines künfti-
gen Schwiegervaters zieht. Ihm vorauf werden ſeine Roſſe ge-
führt, mit prächtigem Kopfſchmuck, mit funkelnden Edelſteinen
geziert; dann folgt eine Schaar ſeiner Begleiter in kriegeriſchem
Pomp, eine andere ſchließt den Zug, während er ſelbſt, blond-
haarig und mit friſchrothen Wangen, in der Mitte geht, zu Fuß
wie jene, funkelnd von rothem Golde und leuchtend in milchwei-
ßer Seide und in feurigem Gelb. Seine Begleiter erſcheinen an
den Füßen mit Lederſchuhen bekleidet, welche bis an die Knöchel
reichen und deren Außenſeite noch das volle, rauhe Haar trägt.
Schenkel, Kniee und Waden ſind ohne Bedeckung. Den Körper
umſchließt ein enger, buntfarbiger Rock, der kaum zu den bloßen
Knieen herabreicht und deſſen Aermel nur den Anfang der Arme
verhüllen. Ihre Mäntel ſind grün, mit Purpurrändern um-
ſäumt. Um die Schulter liegt das buckelbeſchlagene Wehrge-
henk, von welchem das Schwert herabhängt. Bewaffnet ſind ſie
mit Lanzen, die Rechte führt die Axt und die Linke wird bedeckt
vom buntfarbigen Schild. — Nach dieſer Beſchreibung erſcheinen

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[22/0040] I. Aelteſte Zeit bis zu den Kreuzzügen. richten ſind zunächſt ſo vereinzelt und zerſtreut, wie die Völ- ker ſelbſt, über die ſie lauten, nach allen Weltgegenden verſchla- gen ſind. Daß der Deutſche dort, wo er, völlig vom vaterländi- ſchen Boden abgeſchnitten, der Uebermacht fremder Einflüſſe aus- geſetzt war, dieſen nicht abſichtlichen Widerſtand aus patriotiſchem Stolz entgegengeſetzt hat, iſt aus ſeiner ganzen Geſchichte erklär- lich; von den Vandalen in Africa wird dieſe Nachgiebigkeit aus- drücklich verſichert. Feſter hielt er natürlich in der Heimath, wo das Klima daſſelbe blieb und die Lebensbedingungen nur all- mählig ſich änderten. In der Zeit der Völkerwanderung, in der zweiten Hälfte des fünften Jahrhunderts, macht uns die intereſſanteſte Mitthei- lung der Biſchof Sidonius Apollinaris, welcher zu Clairmont unter den Burgundern lebte. In einem Briefe an einen krieglie- benden Freund ſchildert er als Augenzeuge den Aufzug eines kö- niglichen Jünglings, wahrſcheinlich von burgundiſchem Stamm, welcher als Verlobter oder als Bewerber „nach heidni- ſcher Weiſe“ mit großem Gefolge nach dem Hauſe ſeines künfti- gen Schwiegervaters zieht. Ihm vorauf werden ſeine Roſſe ge- führt, mit prächtigem Kopfſchmuck, mit funkelnden Edelſteinen geziert; dann folgt eine Schaar ſeiner Begleiter in kriegeriſchem Pomp, eine andere ſchließt den Zug, während er ſelbſt, blond- haarig und mit friſchrothen Wangen, in der Mitte geht, zu Fuß wie jene, funkelnd von rothem Golde und leuchtend in milchwei- ßer Seide und in feurigem Gelb. Seine Begleiter erſcheinen an den Füßen mit Lederſchuhen bekleidet, welche bis an die Knöchel reichen und deren Außenſeite noch das volle, rauhe Haar trägt. Schenkel, Kniee und Waden ſind ohne Bedeckung. Den Körper umſchließt ein enger, buntfarbiger Rock, der kaum zu den bloßen Knieen herabreicht und deſſen Aermel nur den Anfang der Arme verhüllen. Ihre Mäntel ſind grün, mit Purpurrändern um- ſäumt. Um die Schulter liegt das buckelbeſchlagene Wehrge- henk, von welchem das Schwert herabhängt. Bewaffnet ſind ſie mit Lanzen, die Rechte führt die Axt und die Linke wird bedeckt vom buntfarbigen Schild. — Nach dieſer Beſchreibung erſcheinen

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Zitationshilfe: Falke, Jakob von: Die deutsche Trachten- und Modenwelt. Ein Beitrag zur deutschen Culturgeschichte. Bd. 1. Leipzig, 1858, S. 22. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/falke_trachten01_1858/40>, abgerufen am 18.05.2022.