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Falke, Jakob von: Die deutsche Trachten- und Modenwelt. Ein Beitrag zur deutschen Culturgeschichte. Bd. 1. Leipzig, 1858.

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I. Aelteste Zeit bis zu den Kreuzzügen.
und die einzelnen Glieder in ihren Formen hervortreten läßt und
nicht, wie bei den Sarmaten und Parthern, weit und faltig den
Körper umfließt. Sagum nennt Tacitus diesen Mantel und
läßt uns dadurch auf Schnitt und Größe schließen, denn dieser
Ausdruck bezeichnet den kurzen römischen Soldatenmantel, der,
ein einziges Stück Tuch, von der linken Schulter her mit beiden
Seiten zur rechten Schulter hinübergelegt, dort mit einer Agraffe
befestigt wurde, den rechten Arm und die rechte Seite frei ließ
und bis zum Knie herabfiel. Wir dürfen den germanischen Man-
tel ähnlich annehmen, umsomehr als Sagum selbst, Name wie
Sache, dem Gallier entlehnt sein soll. Ueber die Beschaffenheit
des Unterkleides, über seine Länge, ob es Aermel gehabt
oder nicht, würden wir völlig im Unklaren bleiben, wenn es
nicht erlaubt wäre, aus späteren Angaben auf Früheres zurückzu-
schließen. Bis ins 10. Jahrhundert hinein geschieht des engan-
liegenden deutschen Rockes Erwähnung, und er wird in dieser
Eigenschaft öfter der weiten und längeren römischen Tunica ent-
gegengesetzt. Mit Hülfe dieser Nachrichten vermögen wir ihn auch
auf Bildwerken des 9. und 10. Jahrhunderts zu erkennen, wenn
auch nicht ohne eingetretene Modificationen. Darnach hatte er
enge Aermel bis zum Handgelenk, was übrigens noch aus dem
Umstande zu schließen wäre, daß Tacitus ihm das ärmellose
Frauenkleid entgegenstellt; doch geschieht auch daneben der Halb-
ärmel ausdrücklich Erwähnung. Am obern Theil des Körpers
schmiegte er sich eng den Formen an, wurde dann auf den Hüften
ein wenig weiter, wo er vielleicht durch einen Gürtel, der öfter
vorkommt, aufgebunden war, so daß ein kleiner Bausch herüber-
fiel. So ist es wenigstens später. Der untere Theil reichte nicht
völlig bis zu den Knieen herab. Da er weder vorn noch auf dem
Rücken eine Längenöffnung hatte, so mußte er über den Kopf an-
gezogen werden. Als Stoff diente für ihn wie für den Mantel
wohl ursprünglich eine mehr oder weniger grobe Wolle, doch
scheint später die Leinwand bei ihm herrschend zu werden. Dieser
Rock war, wie Tacitus versichert, ursprünglich die auszeichnende
Tracht des reichen und vornehmen Mannes, dann aber ging er

I. Aelteſte Zeit bis zu den Kreuzzügen.
und die einzelnen Glieder in ihren Formen hervortreten läßt und
nicht, wie bei den Sarmaten und Parthern, weit und faltig den
Körper umfließt. Sagum nennt Tacitus dieſen Mantel und
läßt uns dadurch auf Schnitt und Größe ſchließen, denn dieſer
Ausdruck bezeichnet den kurzen römiſchen Soldatenmantel, der,
ein einziges Stück Tuch, von der linken Schulter her mit beiden
Seiten zur rechten Schulter hinübergelegt, dort mit einer Agraffe
befeſtigt wurde, den rechten Arm und die rechte Seite frei ließ
und bis zum Knie herabfiel. Wir dürfen den germaniſchen Man-
tel ähnlich annehmen, umſomehr als Sagum ſelbſt, Name wie
Sache, dem Gallier entlehnt ſein ſoll. Ueber die Beſchaffenheit
des Unterkleides, über ſeine Länge, ob es Aermel gehabt
oder nicht, würden wir völlig im Unklaren bleiben, wenn es
nicht erlaubt wäre, aus ſpäteren Angaben auf Früheres zurückzu-
ſchließen. Bis ins 10. Jahrhundert hinein geſchieht des engan-
liegenden deutſchen Rockes Erwähnung, und er wird in dieſer
Eigenſchaft öfter der weiten und längeren römiſchen Tunica ent-
gegengeſetzt. Mit Hülfe dieſer Nachrichten vermögen wir ihn auch
auf Bildwerken des 9. und 10. Jahrhunderts zu erkennen, wenn
auch nicht ohne eingetretene Modificationen. Darnach hatte er
enge Aermel bis zum Handgelenk, was übrigens noch aus dem
Umſtande zu ſchließen wäre, daß Tacitus ihm das ärmelloſe
Frauenkleid entgegenſtellt; doch geſchieht auch daneben der Halb-
ärmel ausdrücklich Erwähnung. Am obern Theil des Körpers
ſchmiegte er ſich eng den Formen an, wurde dann auf den Hüften
ein wenig weiter, wo er vielleicht durch einen Gürtel, der öfter
vorkommt, aufgebunden war, ſo daß ein kleiner Bauſch herüber-
fiel. So iſt es wenigſtens ſpäter. Der untere Theil reichte nicht
völlig bis zu den Knieen herab. Da er weder vorn noch auf dem
Rücken eine Längenöffnung hatte, ſo mußte er über den Kopf an-
gezogen werden. Als Stoff diente für ihn wie für den Mantel
wohl urſprünglich eine mehr oder weniger grobe Wolle, doch
ſcheint ſpäter die Leinwand bei ihm herrſchend zu werden. Dieſer
Rock war, wie Tacitus verſichert, urſprünglich die auszeichnende
Tracht des reichen und vornehmen Mannes, dann aber ging er

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[4/0022] I. Aelteſte Zeit bis zu den Kreuzzügen. und die einzelnen Glieder in ihren Formen hervortreten läßt und nicht, wie bei den Sarmaten und Parthern, weit und faltig den Körper umfließt. Sagum nennt Tacitus dieſen Mantel und läßt uns dadurch auf Schnitt und Größe ſchließen, denn dieſer Ausdruck bezeichnet den kurzen römiſchen Soldatenmantel, der, ein einziges Stück Tuch, von der linken Schulter her mit beiden Seiten zur rechten Schulter hinübergelegt, dort mit einer Agraffe befeſtigt wurde, den rechten Arm und die rechte Seite frei ließ und bis zum Knie herabfiel. Wir dürfen den germaniſchen Man- tel ähnlich annehmen, umſomehr als Sagum ſelbſt, Name wie Sache, dem Gallier entlehnt ſein ſoll. Ueber die Beſchaffenheit des Unterkleides, über ſeine Länge, ob es Aermel gehabt oder nicht, würden wir völlig im Unklaren bleiben, wenn es nicht erlaubt wäre, aus ſpäteren Angaben auf Früheres zurückzu- ſchließen. Bis ins 10. Jahrhundert hinein geſchieht des engan- liegenden deutſchen Rockes Erwähnung, und er wird in dieſer Eigenſchaft öfter der weiten und längeren römiſchen Tunica ent- gegengeſetzt. Mit Hülfe dieſer Nachrichten vermögen wir ihn auch auf Bildwerken des 9. und 10. Jahrhunderts zu erkennen, wenn auch nicht ohne eingetretene Modificationen. Darnach hatte er enge Aermel bis zum Handgelenk, was übrigens noch aus dem Umſtande zu ſchließen wäre, daß Tacitus ihm das ärmelloſe Frauenkleid entgegenſtellt; doch geſchieht auch daneben der Halb- ärmel ausdrücklich Erwähnung. Am obern Theil des Körpers ſchmiegte er ſich eng den Formen an, wurde dann auf den Hüften ein wenig weiter, wo er vielleicht durch einen Gürtel, der öfter vorkommt, aufgebunden war, ſo daß ein kleiner Bauſch herüber- fiel. So iſt es wenigſtens ſpäter. Der untere Theil reichte nicht völlig bis zu den Knieen herab. Da er weder vorn noch auf dem Rücken eine Längenöffnung hatte, ſo mußte er über den Kopf an- gezogen werden. Als Stoff diente für ihn wie für den Mantel wohl urſprünglich eine mehr oder weniger grobe Wolle, doch ſcheint ſpäter die Leinwand bei ihm herrſchend zu werden. Dieſer Rock war, wie Tacitus verſichert, urſprünglich die auszeichnende Tracht des reichen und vornehmen Mannes, dann aber ging er

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Zitationshilfe: Falke, Jakob von: Die deutsche Trachten- und Modenwelt. Ein Beitrag zur deutschen Culturgeschichte. Bd. 1. Leipzig, 1858, S. 4. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/falke_trachten01_1858/22>, abgerufen am 18.05.2022.