gebahren so gut sie kann, und es benutzen so weit sie es fähig ist."
Wir sprachen darauf über den Knabe Lenker.
"Daß in der Maske des Plutus der Faust steckt, und in der Maske des Geizes der Mephistophe¬ les, werden Sie gemerkt haben. Wer aber ist der Knabe Lenker." -- Ich zauderte und wußte nicht zu antworten. "Es ist der Euphorien!" sagte Goethe. -- Wie kann aber dieser, fragte ich, schon hier im Carneval erscheinen, da er doch erst im dritten Act geboren wird? -- "Der Euphorion, antwortete Goethe, ist kein menschliches, sondern nur ein alle¬ gorisches Wesen. Es ist in ihm die Poesie per¬ sonificirt, die an keine Zeit, an keinen Ort und an keine Person gebunden ist. Derselbige Geist, dem es später beliebt Euphorien zu seyn, erscheint jetzt als Knabe Lenker, und er ist darin den Gespenstern ähn¬ lich, die überall gegenwärtig seyn und zu jeder Stunde hervortreten können."
Sonntag, den 27. December 1829.
Heute nach Tisch las Goethe mir die Scene vom Papiergelde.
"Sie erinnern sich, sagte er, daß bey der Reichs¬
gebahren ſo gut ſie kann, und es benutzen ſo weit ſie es faͤhig iſt.“
Wir ſprachen darauf uͤber den Knabe Lenker.
„Daß in der Maske des Plutus der Fauſt ſteckt, und in der Maske des Geizes der Mephiſtophe¬ les, werden Sie gemerkt haben. Wer aber iſt der Knabe Lenker.“ — Ich zauderte und wußte nicht zu antworten. „Es iſt der Euphorien!“ ſagte Goethe. — Wie kann aber dieſer, fragte ich, ſchon hier im Carneval erſcheinen, da er doch erſt im dritten Act geboren wird? — „Der Euphorion, antwortete Goethe, iſt kein menſchliches, ſondern nur ein alle¬ goriſches Weſen. Es iſt in ihm die Poeſie per¬ ſonificirt, die an keine Zeit, an keinen Ort und an keine Perſon gebunden iſt. Derſelbige Geiſt, dem es ſpaͤter beliebt Euphorien zu ſeyn, erſcheint jetzt als Knabe Lenker, und er iſt darin den Geſpenſtern aͤhn¬ lich, die uͤberall gegenwaͤrtig ſeyn und zu jeder Stunde hervortreten koͤnnen.“
Sonntag, den 27. December 1829.
Heute nach Tiſch las Goethe mir die Scene vom Papiergelde.
„Sie erinnern ſich, ſagte er, daß bey der Reichs¬
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gebahren ſo gut ſie kann, und es benutzen ſo weit ſie
es faͤhig iſt.“
Wir ſprachen darauf uͤber den Knabe Lenker.
„Daß in der Maske des Plutus der Fauſt ſteckt,
und in der Maske des Geizes der Mephiſtophe¬
les, werden Sie gemerkt haben. Wer aber iſt der
Knabe Lenker.“ — Ich zauderte und wußte nicht
zu antworten. „Es iſt der Euphorien!“ ſagte
Goethe. — Wie kann aber dieſer, fragte ich, ſchon
hier im Carneval erſcheinen, da er doch erſt im dritten
Act geboren wird? — „Der Euphorion, antwortete
Goethe, iſt kein menſchliches, ſondern nur ein alle¬
goriſches Weſen. Es iſt in ihm die Poeſie per¬
ſonificirt, die an keine Zeit, an keinen Ort und an
keine Perſon gebunden iſt. Derſelbige Geiſt, dem es
ſpaͤter beliebt Euphorien zu ſeyn, erſcheint jetzt als
Knabe Lenker, und er iſt darin den Geſpenſtern aͤhn¬
lich, die uͤberall gegenwaͤrtig ſeyn und zu jeder Stunde
hervortreten koͤnnen.“
Sonntag, den 27. December 1829.
Heute nach Tiſch las Goethe mir die Scene vom
Papiergelde.
„Sie erinnern ſich, ſagte er, daß bey der Reichs¬
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Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Bd. 2. Leipzig, 1836, S. 162. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/eckermann_goethe02_1836/172>, abgerufen am 16.02.2025.
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