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Cohn, Gustav: Die deutsche Frauenbewegung. Berlin, 1896.

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Jahre 1879 lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit auf die
Leistungen dieses Jnstituts.

Bei Begründung des Vereins hatte man in dem ersten
Paragraphen des Statuts ausgesprochen: "Die Vereinswirksam-
keit erstreckt sich nicht auf die in Fabriken beschäftigten Ar-
beiterinnen, Dienstboten, Wäscherinnen und dergleichen." Damit
war nach unten hin die Grenze gezogen und die Thätigkeit des
Vereins von vornherein auf die Mittelclasse beschränkt. Auch
so war, wie wir gesehen, Arbeit genug zu thun. Als indessen
das schwerste Stück des Weges zurückgelegt war, glaubte man
jene Schranken fallen lassen zu dürfen und hob im Jahre 1877
den ursprünglichen Paragraphen auf. Die nächste praktische
Folge war, daß jetzt die Stellenvermittelung des Vereins auch
auf Dienstmädchen, Wäscherinnen, Plätterinnen u. dgl. aus-
gedehnt wurde. Dann entstand eine Fortbildungsschule, welche
die Töchter des Volkes zu tüchtigen Hausfrauen auszubilden be-
stimmt war; sie wurde im Frühjahr 1878 mit 150 Schüle-
rinnen eröffnet, woraus bereits zwei Jahre später mehr als
400 wurden. Sie wuchs so schnell an, daß sie (1882) im
Jnteresse ihrer Entfaltung vom Lette-Verein abgelöst werden
mußte. Daneben wiederum löste sich eine selbständige Wasch-
und Plättanstalt ab. Jhre Aufgabe ist eine doppelte. Sie
dient zugleich der Ausbildung von Schülerinnen und der gewerb-
mäßigen Wäscherei für das Publicum. Dann entstand eine
Kochschule, die für das Damenrestaurant und das Victoriastift
die Küche ist; sie kocht für etwa 100 Personen täglich und hat
weit mehr als 100 Schülerinnen. Alles dies zusammen führte
dann im Jahre 1886 zur Begründung der "Haushaltungs-
schule", wie sie mit Beiseitesetzung des ursprünglich gewählten
Namens "Dienstmädchenschule" genannt wurde. Diese umfaßt
alle Arbeiten, die zu dem Haushalt gehören, sammt den Ele-

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Jahre 1879 lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit auf die
Leistungen dieses Jnstituts.

Bei Begründung des Vereins hatte man in dem ersten
Paragraphen des Statuts ausgesprochen: „Die Vereinswirksam-
keit erstreckt sich nicht auf die in Fabriken beschäftigten Ar-
beiterinnen, Dienstboten, Wäscherinnen und dergleichen.“ Damit
war nach unten hin die Grenze gezogen und die Thätigkeit des
Vereins von vornherein auf die Mittelclasse beschränkt. Auch
so war, wie wir gesehen, Arbeit genug zu thun. Als indessen
das schwerste Stück des Weges zurückgelegt war, glaubte man
jene Schranken fallen lassen zu dürfen und hob im Jahre 1877
den ursprünglichen Paragraphen auf. Die nächste praktische
Folge war, daß jetzt die Stellenvermittelung des Vereins auch
auf Dienstmädchen, Wäscherinnen, Plätterinnen u. dgl. aus-
gedehnt wurde. Dann entstand eine Fortbildungsschule, welche
die Töchter des Volkes zu tüchtigen Hausfrauen auszubilden be-
stimmt war; sie wurde im Frühjahr 1878 mit 150 Schüle-
rinnen eröffnet, woraus bereits zwei Jahre später mehr als
400 wurden. Sie wuchs so schnell an, daß sie (1882) im
Jnteresse ihrer Entfaltung vom Lette-Verein abgelöst werden
mußte. Daneben wiederum löste sich eine selbständige Wasch-
und Plättanstalt ab. Jhre Aufgabe ist eine doppelte. Sie
dient zugleich der Ausbildung von Schülerinnen und der gewerb-
mäßigen Wäscherei für das Publicum. Dann entstand eine
Kochschule, die für das Damenrestaurant und das Victoriastift
die Küche ist; sie kocht für etwa 100 Personen täglich und hat
weit mehr als 100 Schülerinnen. Alles dies zusammen führte
dann im Jahre 1886 zur Begründung der „Haushaltungs-
schule“, wie sie mit Beiseitesetzung des ursprünglich gewählten
Namens „Dienstmädchenschule“ genannt wurde. Diese umfaßt
alle Arbeiten, die zu dem Haushalt gehören, sammt den Ele-

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[19/0035] Jahre 1879 lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Leistungen dieses Jnstituts. Bei Begründung des Vereins hatte man in dem ersten Paragraphen des Statuts ausgesprochen: „Die Vereinswirksam- keit erstreckt sich nicht auf die in Fabriken beschäftigten Ar- beiterinnen, Dienstboten, Wäscherinnen und dergleichen.“ Damit war nach unten hin die Grenze gezogen und die Thätigkeit des Vereins von vornherein auf die Mittelclasse beschränkt. Auch so war, wie wir gesehen, Arbeit genug zu thun. Als indessen das schwerste Stück des Weges zurückgelegt war, glaubte man jene Schranken fallen lassen zu dürfen und hob im Jahre 1877 den ursprünglichen Paragraphen auf. Die nächste praktische Folge war, daß jetzt die Stellenvermittelung des Vereins auch auf Dienstmädchen, Wäscherinnen, Plätterinnen u. dgl. aus- gedehnt wurde. Dann entstand eine Fortbildungsschule, welche die Töchter des Volkes zu tüchtigen Hausfrauen auszubilden be- stimmt war; sie wurde im Frühjahr 1878 mit 150 Schüle- rinnen eröffnet, woraus bereits zwei Jahre später mehr als 400 wurden. Sie wuchs so schnell an, daß sie (1882) im Jnteresse ihrer Entfaltung vom Lette-Verein abgelöst werden mußte. Daneben wiederum löste sich eine selbständige Wasch- und Plättanstalt ab. Jhre Aufgabe ist eine doppelte. Sie dient zugleich der Ausbildung von Schülerinnen und der gewerb- mäßigen Wäscherei für das Publicum. Dann entstand eine Kochschule, die für das Damenrestaurant und das Victoriastift die Küche ist; sie kocht für etwa 100 Personen täglich und hat weit mehr als 100 Schülerinnen. Alles dies zusammen führte dann im Jahre 1886 zur Begründung der „Haushaltungs- schule“, wie sie mit Beiseitesetzung des ursprünglich gewählten Namens „Dienstmädchenschule“ genannt wurde. Diese umfaßt alle Arbeiten, die zu dem Haushalt gehören, sammt den Ele- 2*

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Texte der ersten Frauenbewegung, betreut von Anna Pfundt und Thomas Gloning, JLU Gießen: Bereitstellung der Texttranskription. (2021-02-18T15:54:56Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
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Zitationshilfe: Cohn, Gustav: Die deutsche Frauenbewegung. Berlin, 1896, S. 19. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/cohn_frauenbewegung_1896/35>, abgerufen am 10.12.2022.