Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Campe, Joachim Heinrich: Robinson der Jüngere. Bd. 2. Hamburg, 1780.

Bild:
<< vorherige Seite

konte: o wie war ihm dan so wohl! Und mit
welcher Inbrunst sang er dan ein Loblied zum
Preise des großen Gottes, der zum Gutes thun
ihm Seegen verliehen hatte! So oft er aber
Ursache fand, mit sich selbst nicht so ganz zufrie-
den zu sein: o wie schmerzte es ihn dan, einen
Tag seines Lebens verloren zu haben! Denn
für verloren hielt er jeden Tag, an dem
er etwas gedacht oder gethan hatte,
was er am Abend desselben misbilligen
mußte.
Neben dem Striche, womit er einen
solchen Tag in seinem Kalenderbaume bezeich-
nete, pflegte er ein Kreuz einzugraben, um sich
beim Anblik desselben seines Unrechts zu erin-
nern, und sich ins künftige destomehr davor in
Acht zu nehmen.

Seht, lieben Kinder, so machte es Ro-
binson,
um täglich besser und frömmer zu
werden. Ist es euch nun auch ein wirklicher
Ernst mit der Ausbesserung eures Herzens: so
rathe ich euch, ihm darin nachzuahmen. Sezt
gleichfals, so wie er, eine Abendstunde fest,
um über eure Aufführung an dem jedesmahl

ver-

konte: o wie war ihm dan ſo wohl! Und mit
welcher Inbrunſt ſang er dan ein Loblied zum
Preiſe des großen Gottes, der zum Gutes thun
ihm Seegen verliehen hatte! So oft er aber
Urſache fand, mit ſich ſelbſt nicht ſo ganz zufrie-
den zu ſein: o wie ſchmerzte es ihn dan, einen
Tag ſeines Lebens verloren zu haben! Denn
fuͤr verloren hielt er jeden Tag, an dem
er etwas gedacht oder gethan hatte,
was er am Abend deſſelben misbilligen
mußte.
Neben dem Striche, womit er einen
ſolchen Tag in ſeinem Kalenderbaume bezeich-
nete, pflegte er ein Kreuz einzugraben, um ſich
beim Anblik deſſelben ſeines Unrechts zu erin-
nern, und ſich ins kuͤnftige deſtomehr davor in
Acht zu nehmen.

Seht, lieben Kinder, ſo machte es Ro-
binſon,
um taͤglich beſſer und froͤmmer zu
werden. Iſt es euch nun auch ein wirklicher
Ernſt mit der Ausbeſſerung eures Herzens: ſo
rathe ich euch, ihm darin nachzuahmen. Sezt
gleichfals, ſo wie er, eine Abendſtunde feſt,
um uͤber eure Auffuͤhrung an dem jedesmahl

ver-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0046" n="40"/>
konte: o wie war ihm dan &#x017F;o wohl! Und mit<lb/>
welcher Inbrun&#x017F;t &#x017F;ang er dan ein Loblied zum<lb/>
Prei&#x017F;e des großen Gottes, der zum Gutes thun<lb/>
ihm Seegen verliehen hatte! So oft er aber<lb/>
Ur&#x017F;ache fand, mit &#x017F;ich &#x017F;elb&#x017F;t nicht &#x017F;o ganz zufrie-<lb/>
den zu &#x017F;ein: o wie &#x017F;chmerzte es ihn dan, einen<lb/>
Tag &#x017F;eines Lebens verloren zu haben! <hi rendition="#fr">Denn<lb/>
fu&#x0364;r verloren hielt er jeden Tag, an dem<lb/>
er etwas gedacht oder gethan hatte,<lb/>
was er am Abend de&#x017F;&#x017F;elben misbilligen<lb/>
mußte.</hi> Neben dem Striche, womit er einen<lb/>
&#x017F;olchen Tag in &#x017F;einem Kalenderbaume bezeich-<lb/>
nete, pflegte er ein Kreuz einzugraben, um &#x017F;ich<lb/>
beim Anblik de&#x017F;&#x017F;elben &#x017F;eines Unrechts zu erin-<lb/>
nern, und &#x017F;ich ins ku&#x0364;nftige de&#x017F;tomehr davor in<lb/>
Acht zu nehmen.</p><lb/>
          <p>Seht, lieben Kinder, &#x017F;o machte es <hi rendition="#fr">Ro-<lb/>
bin&#x017F;on,</hi> um ta&#x0364;glich be&#x017F;&#x017F;er und fro&#x0364;mmer zu<lb/>
werden. I&#x017F;t es euch nun auch ein wirklicher<lb/>
Ern&#x017F;t mit der Ausbe&#x017F;&#x017F;erung eures Herzens: &#x017F;o<lb/>
rathe ich euch, ihm darin nachzuahmen. Sezt<lb/>
gleichfals, &#x017F;o wie er, eine Abend&#x017F;tunde fe&#x017F;t,<lb/>
um u&#x0364;ber eure Auffu&#x0364;hrung an dem jedesmahl<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">ver-</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[40/0046] konte: o wie war ihm dan ſo wohl! Und mit welcher Inbrunſt ſang er dan ein Loblied zum Preiſe des großen Gottes, der zum Gutes thun ihm Seegen verliehen hatte! So oft er aber Urſache fand, mit ſich ſelbſt nicht ſo ganz zufrie- den zu ſein: o wie ſchmerzte es ihn dan, einen Tag ſeines Lebens verloren zu haben! Denn fuͤr verloren hielt er jeden Tag, an dem er etwas gedacht oder gethan hatte, was er am Abend deſſelben misbilligen mußte. Neben dem Striche, womit er einen ſolchen Tag in ſeinem Kalenderbaume bezeich- nete, pflegte er ein Kreuz einzugraben, um ſich beim Anblik deſſelben ſeines Unrechts zu erin- nern, und ſich ins kuͤnftige deſtomehr davor in Acht zu nehmen. Seht, lieben Kinder, ſo machte es Ro- binſon, um taͤglich beſſer und froͤmmer zu werden. Iſt es euch nun auch ein wirklicher Ernſt mit der Ausbeſſerung eures Herzens: ſo rathe ich euch, ihm darin nachzuahmen. Sezt gleichfals, ſo wie er, eine Abendſtunde feſt, um uͤber eure Auffuͤhrung an dem jedesmahl ver-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/campe_robinson02_1780
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/campe_robinson02_1780/46
Zitationshilfe: Campe, Joachim Heinrich: Robinson der Jüngere. Bd. 2. Hamburg, 1780, S. 40. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/campe_robinson02_1780/46>, abgerufen am 23.02.2024.