Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Campe, Joachim Heinrich: Robinson der Jüngere. Bd. 2. Hamburg, 1780.

Bild:
<< vorherige Seite

sere Küste zu erreichen. Der Sturm hat sie
nach Westen getrieben, und da sind sie entwe-
der auf der Fahrt verunglükt -- vielleicht auf
den Meerstrom gerathen -- oder an irgend eine
westliche Insel getrieben worden. Gott gebe
das Lezte seufzt' er; und theilte Freitag seine
Muthmaßung mit, der sie gleichfals wahrschein-
lich fand.

Aber was ist nun zu thun? fragte Robin-
son.
Die Leute mögen nun entweder todt oder
noch lebendig und nur verschlagen sein: so kön-
nen wir in beiden Fällen nichts Besseres thun,
als daß wir von dem Schiffe so viel Sachen zu
retten suchen, als uns möglich sein wird. Aber
wie? da wir keinen Kahn mehr haben! Hier
empfand er selbst den Verlust des Kahns beinahe
eben so schmerzlich, als Freitag es vorher ge-
than hatte. Er zerrieb sich die Stirn, um ein
Mittel ausfindig zu machen, den Verlust dessel-
ben zu ersezen; aber er konte lange keins fin-
den. Einen andern Kahn zu zimmern, würde
zu viel Zeit gekostet haben. Hinzuschwimmen
getraut' er sich nicht, weil es viel zu weit war:

und
N 5

ſere Kuͤſte zu erreichen. Der Sturm hat ſie
nach Weſten getrieben, und da ſind ſie entwe-
der auf der Fahrt verungluͤkt — vielleicht auf
den Meerſtrom gerathen — oder an irgend eine
weſtliche Inſel getrieben worden. Gott gebe
das Lezte ſeufzt' er; und theilte Freitag ſeine
Muthmaßung mit, der ſie gleichfals wahrſchein-
lich fand.

Aber was iſt nun zu thun? fragte Robin-
ſon.
Die Leute moͤgen nun entweder todt oder
noch lebendig und nur verſchlagen ſein: ſo koͤn-
nen wir in beiden Faͤllen nichts Beſſeres thun,
als daß wir von dem Schiffe ſo viel Sachen zu
retten ſuchen, als uns moͤglich ſein wird. Aber
wie? da wir keinen Kahn mehr haben! Hier
empfand er ſelbſt den Verluſt des Kahns beinahe
eben ſo ſchmerzlich, als Freitag es vorher ge-
than hatte. Er zerrieb ſich die Stirn, um ein
Mittel ausfindig zu machen, den Verluſt deſſel-
ben zu erſezen; aber er konte lange keins fin-
den. Einen andern Kahn zu zimmern, wuͤrde
zu viel Zeit gekoſtet haben. Hinzuſchwimmen
getraut' er ſich nicht, weil es viel zu weit war:

und
N 5
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0207" n="201"/>
&#x017F;ere Ku&#x0364;&#x017F;te zu erreichen. Der Sturm hat &#x017F;ie<lb/>
nach We&#x017F;ten getrieben, und da &#x017F;ind &#x017F;ie entwe-<lb/>
der auf der Fahrt verunglu&#x0364;kt &#x2014; vielleicht auf<lb/>
den Meer&#x017F;trom gerathen &#x2014; oder an irgend eine<lb/>
we&#x017F;tliche In&#x017F;el getrieben worden. Gott gebe<lb/>
das Lezte &#x017F;eufzt' er; und theilte <hi rendition="#fr">Freitag</hi> &#x017F;eine<lb/>
Muthmaßung mit, der &#x017F;ie gleichfals wahr&#x017F;chein-<lb/>
lich fand.</p><lb/>
          <p>Aber was i&#x017F;t nun zu thun? fragte <hi rendition="#fr">Robin-<lb/>
&#x017F;on.</hi> Die Leute mo&#x0364;gen nun entweder todt oder<lb/>
noch lebendig und nur ver&#x017F;chlagen &#x017F;ein: &#x017F;o ko&#x0364;n-<lb/>
nen wir in beiden Fa&#x0364;llen nichts Be&#x017F;&#x017F;eres thun,<lb/>
als daß wir von dem Schiffe &#x017F;o viel Sachen zu<lb/>
retten &#x017F;uchen, als uns mo&#x0364;glich &#x017F;ein wird. Aber<lb/>
wie? da wir keinen Kahn mehr haben! Hier<lb/>
empfand er &#x017F;elb&#x017F;t den Verlu&#x017F;t des Kahns beinahe<lb/>
eben &#x017F;o &#x017F;chmerzlich, als <hi rendition="#fr">Freitag</hi> es vorher ge-<lb/>
than hatte. Er zerrieb &#x017F;ich die Stirn, um ein<lb/>
Mittel ausfindig zu machen, den Verlu&#x017F;t de&#x017F;&#x017F;el-<lb/>
ben zu er&#x017F;ezen; aber er konte lange keins fin-<lb/>
den. Einen andern Kahn zu zimmern, wu&#x0364;rde<lb/>
zu viel Zeit geko&#x017F;tet haben. Hinzu&#x017F;chwimmen<lb/>
getraut' er &#x017F;ich nicht, weil es viel zu weit war:<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">N 5</fw><lb/>
<fw place="bottom" type="catch">und</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[201/0207] ſere Kuͤſte zu erreichen. Der Sturm hat ſie nach Weſten getrieben, und da ſind ſie entwe- der auf der Fahrt verungluͤkt — vielleicht auf den Meerſtrom gerathen — oder an irgend eine weſtliche Inſel getrieben worden. Gott gebe das Lezte ſeufzt' er; und theilte Freitag ſeine Muthmaßung mit, der ſie gleichfals wahrſchein- lich fand. Aber was iſt nun zu thun? fragte Robin- ſon. Die Leute moͤgen nun entweder todt oder noch lebendig und nur verſchlagen ſein: ſo koͤn- nen wir in beiden Faͤllen nichts Beſſeres thun, als daß wir von dem Schiffe ſo viel Sachen zu retten ſuchen, als uns moͤglich ſein wird. Aber wie? da wir keinen Kahn mehr haben! Hier empfand er ſelbſt den Verluſt des Kahns beinahe eben ſo ſchmerzlich, als Freitag es vorher ge- than hatte. Er zerrieb ſich die Stirn, um ein Mittel ausfindig zu machen, den Verluſt deſſel- ben zu erſezen; aber er konte lange keins fin- den. Einen andern Kahn zu zimmern, wuͤrde zu viel Zeit gekoſtet haben. Hinzuſchwimmen getraut' er ſich nicht, weil es viel zu weit war: und N 5

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/campe_robinson02_1780
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/campe_robinson02_1780/207
Zitationshilfe: Campe, Joachim Heinrich: Robinson der Jüngere. Bd. 2. Hamburg, 1780, S. 201. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/campe_robinson02_1780/207>, abgerufen am 15.04.2024.