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Busoni, Ferruccio: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst. 2. Aufl. Leipzig, [1916].

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wir niemals darüber oder darunter oder dazwischen gelangen
können. Namentlich die Tasteninstrumente haben unser
Ohr gründlich eingeschult, so daß wir nicht mehr fähig sind,
anderes zu hören - als nur im Sinne der Unreinheit.
Und die Natur schuf eine unendliche Abstufung - unendlich!
wer weiß es heute noch? 1

Und innerhalb dieser zwölfteiligen Oktave haben wir noch
eine Folge bestimmter Abstände abgesteckt, sieben an der
Zahl, und darauf unsere ganze Tonkunst gestellt. Was sagte
ich, eine Folge? Zwei solche Folgen, die Dur- und Moll-
Skala. Wenn wir dieselbe Folge von Abständen von einer
anderen der zwölf Zwischenstufen aus ansetzen, so gibt es eine
neue Tonart, und sogar eine fremde! Was für ein ge-
waltsam beschränktes System diese erste Verworrenheit er-
gab, 2 steht in den Gesetzbüchern zu lesen: wir wollen es
nicht hier wiederholen.

Wir lehren vierundzwanzig Tonarten, zwölfmal die beiden
Siebenfolgen, aber wir verfügen in der Tat nur über zwei:

1 "Die gleichschwebende zwölfstufige Temperatur, welche bereits seit
ca. 1500 theoretisch erörtert, aber erst kurz vor 1700 prinzipiell auf-
gestellt wurde (durch Andreas Werkmeister), teilt die Oktave in zwölf
gleiche Teile (Halbtöne, daher "Zwölfhalbtonsystem") und gewinnt da-
mit Mittelwerte, welche kein Intervall wirklich rein, aber alle leidlich
brauchbar intonieren."
( Riemann , Musiklexikon)
So haben wir durch Andreas Werkmeister, diesen Werkmeister in
der Kunst, das "Zwölfhalbtonsystem" mit lauter unreinen, aber leidlich
brauchbaren Intervallen gewonnen. Was ist aber rein und was un-
rein? Unser Ohr hört ein verstimmtes Klavier, bei welchem vielleicht
"reine und brauchbare" Intervalle entstanden sind, als unrein an.
Das diplomatische Zwölfersystem ist ein notgedrungener Behelf, und
doch wachen wir über die Wahrung seiner Unvollkommenheiten. -
2 Man nennt es "Harmonielehre".

wir niemals darüber oder darunter oder dazwischen gelangen
können. Namentlich die Tasteninstrumente haben unser
Ohr gründlich eingeschult, so daß wir nicht mehr fähig sind,
anderes zu hören – als nur im Sinne der Unreinheit.
Und die Natur schuf eine unendliche Abstufung – unendlich!
wer weiß es heute noch? 1

Und innerhalb dieser zwölfteiligen Oktave haben wir noch
eine Folge bestimmter Abstände abgesteckt, sieben an der
Zahl, und darauf unsere ganze Tonkunst gestellt. Was sagte
ich, eine Folge? Zwei solche Folgen, die Dur- und Moll-
Skala. Wenn wir dieselbe Folge von Abständen von einer
anderen der zwölf Zwischenstufen aus ansetzen, so gibt es eine
neue Tonart, und sogar eine fremde! Was für ein ge-
waltsam beschränktes System diese erste Verworrenheit er-
gab, 2 steht in den Gesetzbüchern zu lesen: wir wollen es
nicht hier wiederholen.

Wir lehren vierundzwanzig Tonarten, zwölfmal die beiden
Siebenfolgen, aber wir verfügen in der Tat nur über zwei:

1 „Die gleichschwebende zwölfstufige Temperatur, welche bereits seit
ca. 1500 theoretisch erörtert, aber erst kurz vor 1700 prinzipiell auf-
gestellt wurde (durch Andreas Werkmeister), teilt die Oktave in zwölf
gleiche Teile (Halbtöne, daher „Zwölfhalbtonsystem“) und gewinnt da-
mit Mittelwerte, welche kein Intervall wirklich rein, aber alle leidlich
brauchbar intonieren.“
( Riemann , Musiklexikon)
So haben wir durch Andreas Werkmeister, diesen Werkmeister in
der Kunst, das „Zwölfhalbtonsystem“ mit lauter unreinen, aber leidlich
brauchbaren Intervallen gewonnen. Was ist aber rein und was un-
rein? Unser Ohr hört ein verstimmtes Klavier, bei welchem vielleicht
„reine und brauchbare“ Intervalle entstanden sind, als unrein an.
Das diplomatische Zwölfersystem ist ein notgedrungener Behelf, und
doch wachen wir über die Wahrung seiner Unvollkommenheiten. –
2 Man nennt es „Harmonielehre“.
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[37/0037] wir niemals darüber oder darunter oder dazwischen gelangen können. Namentlich die Tasteninstrumente haben unser Ohr gründlich eingeschult, so daß wir nicht mehr fähig sind, anderes zu hören – als nur im Sinne der Unreinheit. Und die Natur schuf eine unendliche Abstufung – unendlich! wer weiß es heute noch? 1 Und innerhalb dieser zwölfteiligen Oktave haben wir noch eine Folge bestimmter Abstände abgesteckt, sieben an der Zahl, und darauf unsere ganze Tonkunst gestellt. Was sagte ich, eine Folge? Zwei solche Folgen, die Dur- und Moll- Skala. Wenn wir dieselbe Folge von Abständen von einer anderen der zwölf Zwischenstufen aus ansetzen, so gibt es eine neue Tonart, und sogar eine fremde! Was für ein ge- waltsam beschränktes System diese erste Verworrenheit er- gab, 2 steht in den Gesetzbüchern zu lesen: wir wollen es nicht hier wiederholen. Wir lehren vierundzwanzig Tonarten, zwölfmal die beiden Siebenfolgen, aber wir verfügen in der Tat nur über zwei: 1 „Die gleichschwebende zwölfstufige Temperatur, welche bereits seit ca. 1500 theoretisch erörtert, aber erst kurz vor 1700 prinzipiell auf- gestellt wurde (durch Andreas Werkmeister), teilt die Oktave in zwölf gleiche Teile (Halbtöne, daher „Zwölfhalbtonsystem“) und gewinnt da- mit Mittelwerte, welche kein Intervall wirklich rein, aber alle leidlich brauchbar intonieren.“ ( Riemann , Musiklexikon) So haben wir durch Andreas Werkmeister, diesen Werkmeister in der Kunst, das „Zwölfhalbtonsystem“ mit lauter unreinen, aber leidlich brauchbaren Intervallen gewonnen. Was ist aber rein und was un- rein? Unser Ohr hört ein verstimmtes Klavier, bei welchem vielleicht „reine und brauchbare“ Intervalle entstanden sind, als unrein an. Das diplomatische Zwölfersystem ist ein notgedrungener Behelf, und doch wachen wir über die Wahrung seiner Unvollkommenheiten. – 2 Man nennt es „Harmonielehre“.

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Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Ferruccio Busoni – Briefe und Schriften, herausgegeben von Christian Schaper und Ullrich Scheideler, Humboldt-Universität zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription. (2019-05-15T13:49:52Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Christian Schaper, Maximilian Furthmüller, Theresa Menard, Vanda Hehr, Clemens Gubsch, Claudio Fuchs, Jupp Wegner, David Mews, Ullrich Scheideler: Bearbeitung der digitalen Edition. (2019-05-27T13:49:52Z)
Benjamin Fiechter: Konvertierung ins DTA-Basisformat (2019-05-27T13:49:52Z)

Weitere Informationen:

Textgrundlage von 1906 von Busoni hauptsächlich 1914 überarbeitet. Gedruckt 1916 in Altenburg; erschienen im Insel-Verlag zu Leipzig als Nr. 202 der Insel-Bücherei.

Die Transkription erfolgte nach den unter https://www.busoni-nachlass.org/de/Projekt/E1000003.html, http://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat/ formulierten Richtlinien.

Druckfehler: dokumentiert; fremdsprachliches Material: gekennzeichnet; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): wie Vorlage; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: wie Vorlage; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: ja;




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Zitationshilfe: Busoni, Ferruccio: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst. 2. Aufl. Leipzig, [1916], S. 37. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/busoni_entwurf_1916/37>, abgerufen am 09.08.2022.